Ruth Daubitz hat in ihrem Leben wahrlich einiges erlebt.  Foto: Weber Foto: Schwarzwälder Bote

Feiertag: Oberndorfer Original Ruth Daubitz wird heute 90 Jahre alt / Erinnerung an ein bewegtes Leben

Kaum ein Oberndorfer kennt sie nicht: Ruth Daubitz, geborene Pfanner. Zusammen mit ihrer Schwester Sybille Müller betrieb sie das Café Pfanner, bis Corona einen (vorläufigen) Endpunkt setzte. Ruthle, wie sie von ihren Stammkunden liebevoll genannt wird, macht am heutigen 25. März das neunte Lebensjahrzehnt voll. Ein Rückblick auf ihr bewegtes Leben.

Oberndorf. Kaum ein Oberndorfer kennt sie nicht: Ruth Daubitz, geborene Pfanner. Zusammen mit ihrer Schwester Sybille Müller betrieb sie das Café Pfanner, bis Corona einen (vorläufigen) Endpunkt setzte. Ruthle, wie sie von ihren Stammkunden liebevoll genannt wird, macht am heutigen 25. März das neunte Lebensjahrzehnt voll.

Natürlich hat jemand, der 1931 geboren ist und 1944 die Schule verlassen hat, eine Menge zu erzählen. Erinnerungen an die Schulzeit werden wach. Wenn nach einem Voralarm die Kinder der jetzigen Karl-Wider-Schule in den Luftschutzkeller rannten, lief Ruth nach Hause, denn auch dort war ein geeigneter Keller, und bei den Eltern und Schwester Inge ließ sich ein Luftangriff leichter ertragen.

Kräuter gesammelt

Ruth erinnert sich gerne an Tage, sie nennt diese Feiertage, an denen der normale Unterricht ausgefallen ist und die Kinder zum Sammeln von Heilkräutern wie Taubnessel, Spitzwegerich oder Hagebutten in den Wald geschickt wurden. Jedes "Moggele" wurde mitgenommen. Ohne das Sammeln von Holz im Wald hätte man noch weniger zum Heizen gehabt. Ährenlesen oder das Nachklauben auf einem Kartoffelacker waren selbstverständlich.

Weniger lustig fand die Jubilarin, dass es nach Einbruch der Dunkelheit im Städtle "kuhsacknacht" war. Schwarze Rollos sollten kein Licht nach draußen lassen, der Luftschutzwart kontrollierte das.

Hamstertouren

Als die Luftangriffe heftiger wurden, so erzählt Ruth Daubitz, haben sie und ihre Schwestern – in der Zwischenzeit komplettierte Sybille das Dreimäderlhaus – als Kinder im Trainingsanzug geschlafen, um für die Flucht in den Keller sprungbereit zu sein.

Ab 1942 war Vater Albert Pfanner zum Kriegsdienst eingezogen und Mutter Hedwig Pfanner für den Haushalt allein zuständig. Mit dem Leiterwägele nach Sulz gehen zu müssen, um dort aus der Ölmühle Presskuchen zu bekommen, gehört nicht unbedingt zu den Lieblingserinnerungen der Jubilarin.

Ebenso zwiespältig hat Ruthle die Hamstertouren nach Beffendorf in Erinnerung. Jeden Montagmorgen, so kann man hören, musste sie zusammen mit Schwester Inge vor der Schule um 6 Uhr los; die Beffendorfer Schlucht ging es hoch. Sie waren bei manchen Bauern bekannt und bekamen mal einen Liter Milch, etwas Schmalz, ein Ei und manchmal einen Kanten Brot, der aber in der Hauptstraße selten komplett, angekommen ist.

Um 8 Uhr mussten die Kinder pünktlich in der Schule sein. "Kohleferien", wenn in der Schule das Brennmaterial knapp wurde, hatten ihren eigenen Reiz; man musste nicht zur Schule.

Mit Schrecken erinnert sich Inge Spange, die Schwester der Jubilarin, an Dienstage. Dann gab es beim Metzger Wurstbrühe – und die verursachte bei den Mädeln das Gegenteil von Entzücken.

Von 1942 bis 1947 war die Bäckerei geschlossen, erst dann kam Albert Pfanner aus der Kriegsgefangenschaft in den USA zurück. In dieser Zeit war im Café das "Mehlbüro" untergebracht. Die Jubilarin erinnert sich, dass die Oberndorfer Bäcker nur in einem 14-tägigen Turnus geöffnet hatten.

Begeisterte Handballerin

1947 hat Ruth begonnen, Handball im Verein zu spielen. Das war aber mit Problemen behaftet. Da ab diesem Jahr das Café wieder geöffnet war, natürlich auch sonntags, und der Chef auf die Mithilfe seiner ältesten Tochter nicht verzichten wollte, kollidierten oft Beruf und Handball, und nur mithilfe der Mutter konnte manchmal beides miteinander vereinbart werden.

Im Rückblick steht für die Jubilarin fest: "Es war eine schöne Kindheit". Die Straße war Spielplatz, der Wöhrd nahezu unbegrenztes Tummelfeld, der Wald wie geschaffen, um "Räuber und Bolle" (Polizei) zu spielen. Im Hof hinter dem Haus gab es sogar "Zirkusgastspiele".

In den frühen 50er-Jahren hat Albert Pfanner auch Eis hergestellt. Mit dem "Eiswagen" mussten Ruth und Inge zum "Badplatz" am Neckar fahren. Da im Café Pfanner vor dem Umbau 1963 ein Klavier stand, bekam Ruth sechs Jahre lang Unterricht. 1956 heiratete sie Gerd Daubitz. Sohn Thomas kam 1957 zur Welt. 1969 zog die Familie in ein Haus auf dem Lindenhof. Trotzdem war "das Pfanner" immer ihre Wirkungsstätte. Nach dem Tod von Gerd 2004 zog es Ruth zwei Jahre später wieder ins Städtle.

Mit Schwester Sybille war sie seit dem Tod des Vaters 1994 im Service der Gäste. Viele Jahre lang war das Café an Montagen und Freitagen, wenn Setzer, Texterfasser und Redakteure des Schwarzwälder Boten Feierabend hatten, und ein Kegelclub seinen Absacker einnahm, der Mittelpunkt Oberndorfs.

Das Phänomen Pfanner

Die Fasnet war für alle, die sich dem Phänomen Café Pfanner verbunden fühlten, Herausforderung und Erfüllung zugleich. Gäste wurden zu Barkeepern, Mediziner zu Discjockeys – zuerst im Gastraum und später in der "Mehlwurmbar". Das uralte Motiv der Fasnet, die "verkehrte Welt", wurde hier gelebt. Das "Pfanner" wurde zur Institution. "Lumumba" und "Nikolaschka" gab es zwar auch anderswo, aber hier war der "genius loci", der (gute) Geist des Ortes, mit im Glas.

Das Bild der Jubilarin wäre unvollständig, wenn man verschweigen würde, dass sie einer Runde "Chicago" oder einer anderen "spielerischen Aktivität" nie abgeneigt war. So war Binokel vor der Pandemie fester Bestandteil der Woche. Jetzt tritt das Rätsellösen an ihre Stelle, doch für das Geburtstagskind hat das Spielen nie ganz aufgehört. Und es soll noch lange weitergehen.

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