US-Vizepräsidentin Kamala Harris an der Seite von Ehemann Doug Emhoff Foto: dpa/Evelyn Hockstein

Die erste schwarze Frau als US-Vizepräsidentin wurde oft schon als künftige Amtsinhaberin im Weißen Haus gesehen. Doch Kamala Harris hat diese hoch gesteckten Erwartungen bisher enttäuscht.

Stuttgart/Washington - „Ich bin sehr glücklich darüber, in Paris zu sein“, antwortete die US-Vizepräsidentin Kamala Harris nichtssagend auf die Frage eines Reporters nach den Spannungen zwischen Paris und Washington im Gefolge von Frankreichs geplatztem U-Boot-Deal mit Australien. Blitzschnell tauchte sie in den Élysée-Palast weg, noch bevor ihr Gastgeber, Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron, ihr dorthin folgen konnte. Und als Macron ihr Augenblicke später gegenübersaß und darüber sprach, dass er Paris und Washington am Beginn einer neuer Ära sehe, plapperte sie nur einfach nach: „Ich denke, wir teilen diese Auffassung, dass wir am Beginn einer neuen Ära stehen, mit vielen Herausforderungen, aber auch vielen Chancen.“ Viel gehaltvoller wurde es auf ihrer ganzen fünftägigen Frankreich-Reise Mitte November nicht.

 

Wenig Substanz oder innovative Ideen

Und genau das ist Kamala Harris’ größtes Problem: Zwar absolviert sie fleißig Termine und tritt regelmäßig an der Seite von Präsident Joe Biden auf. Doch auch fast ein Jahr nach ihrem Amtsantritt als erste Frau und schwarzes Einwandererkind im zweithöchsten Staatsamt der USA ist von Substanz oder gar innovativen Ideen nicht viel zu sehen. Ihre politische Rolle in der Biden-Regierung hat sie erkennbar noch nicht gefunden. Daher wird in Washington seit Wochen darüber gesprochen, wie die ehrgeizige 57-jährige Kalifornierin – nur einen Herzschlag vom Oval Office entfernt – die in sie gesetzten Erwartungen enttäuscht habe.

Regierungsmitarbeiter aus Bidens Umfeld streuen anonym im Nachrichtensender CNN ihren großen Frust über Harris. Man habe Wichtigeres zu tun, als der Vizepräsidentin auf die Sprünge zu helfen. Der Präsident, selbst im Umfragetief, müsse sich um die Strategie seiner Demokraten kümmern, sonst drohe bei den Zwischenwahlen im November 2022 der Verlust der Mehrheiten im Kongress. Dann wäre Biden politisch schon eine „lahme Ente“. Die Harris-Leute schlagen zurück. Die Vizepräsidentin würde vom Umfeld Bidens ins Abseits gedrängt und nicht richtig positioniert, heißt es. Als Biden, der mit Harris in der Regel einmal pro Woche zu Mittag isst und sie auch in die morgendlichen Geheimdienstunterrichtungen einbindet, ihr zwei wichtige Projekte überträgt, heißt es sofort, es handele sich um vergiftete Geschenke. Denn weder bei der heiklen Migrationskrise an der Grenze mit Mexiko noch im Falle der Wahlrechtsreform, die über Mindeststandards verhindern soll, dass republikanisch regierte Bundesstaaten unfaire Wahlhürden für Minderheiten errichten, sind schnelle Erfolge realistisch.

Schwieriger Job: „You die, I fly“

Die Vizepräsidentschaft sinnvoll auszufüllen, fällt niemandem leicht und ist für den Amtsinhaber schon beinahe traditionell frustrierend. Schon George Bush senior klagt darüber, er habe so viele Beerdigungen absolvieren müssen, dass seine Jobbeschreibung auch hätte lauten können: „You die, I fly (Du stirbst und ich fliege).“ Beim Gespann Biden/Harris steht das Amt aber unter besonderer Beobachtung, schließlich ist Biden mit 79 Jahren der älteste Präsident der US-Geschichte. Gleichzeitig hängt die Statur im Amt entscheidend davon ab, welchen Gestaltungsspielraum ein Präsident seinem Vize zugesteht. Da herrschte auch zwischen Präsident Barack Obama und seinem Vize Biden nicht immer eitel Sonnenschein.

Im Falle von Biden/Harris erschwert der größere Glamourfaktor von Harris die Lage. Da lässt sich leicht unterstellen, die Kalifornierin wolle Biden überstrahlen. Und in der Tat ist die Tochter einer indischen Brustkrebsforscherin und eines jamaikanischen Ökonomen bei ihren Auftritten meist selbst die wichtigste Botschaft: die erste Frau in diesem Amt, die erste Schwarze, die Amerikanerin mit asiatischen Wurzeln, geradezu eine Ikone eines linken Amerikas, in dem Identität jedes andere Argument schlägt.

Außerdem hält sich hartnäckig das Gerücht, wonach First Lady Jill Biden es Harris bis heute nicht verziehen habe, dass sie im Vorwahlkampf gegen ihren Mann wegen dessen jahrzehntealter Positionen zur Integration afroamerikanischer Schüler den Rassismusvorwurf erhoben habe.

Toxisches Arbeitsklima

Doch Harris hat tiefer gehende, persönliche Führungsprobleme. Immer wieder tauchen Berichte über ein „toxisches Arbeitsklima“ im Büro der Vizepräsidentin in den Medien auf. So berichtete CNN im November nach ausführlichen Recherchen über die „Frustration und Verzweiflung“ zahlreicher Mitarbeiter. Dass sie eine schwierige Chefin ist, deren zornige Kritik ihre Mitarbeiter mitunter als erniedrigend empfinden, scheint auch nichts Neues zu sein.

So schreibt der ehemalige Mitarbeiter Gil Duran, der schon 2013 für Harris tätig war: „Es ist traurig zu sehen, wie sie die gleichen alten destruktiven Muster wiederholt.“ Er erinnert zugleich daran, wie sich ihre Präsidentschaftskampagne 2020 früh „in einem hässlichen Krieg zwischen rivalisierenden Mitarbeitern auflöste“. Man könne aber nicht das Land führen, wenn man nicht einmal das eigene Wahlkampfteam führen könne, so Duran. Der ständige Aderlass aus ihrem Mitarbeiterstab machen die Berichte über ein mieses Arbeitsklima und über mangelnde Führungsqualitäten nur noch glaubhafter.

Wachsende Nervosität der Demokraten

Hintergrund für die Negativschlagzeilen dürfte die wachsende Nervosität unter Demokraten sein, die sich fragen, wer 2024 als ihr Präsidentschaftskandidat ins Rennen geht. Joe Bidens Umfragewerte befinden sich aktuell mit rund 43 Prozent auf einem Tiefststand. Sogar eine knappe Mehrheit von den Demokraten zugeneigten Wählern wünscht sich 2024 einen anderen Spitzenkandidaten als Biden. Noch weniger der Befragten aber halten etwas von der Vizepräsidentin. Ihre Zustimmungswerte liegen bei 40 Prozent.

Von Bidens Umgebung glaubt kaum jemand, dass er mit dann 82 Jahren wirklich nochmals antritt. Als Favorit gilt derzeit der erst 39-jährige Verkehrsminister Pete Buttigieg, der sich als Senkrechtstarter bei den Vorwahlen 2020 nun mit der Umsetzung von Bidens Infrastrukturprogramm gut in Stellung bringen kann.

Mangelnde politische Erfahrung

Mit nur einer Amtszeit als Senatorin fehlt es Harris an politischer Erfahrung. Davor hat sie als Kaliforniens Generalstaatsanwältin hart durchgegriffen, die Republikaner attackierten sie aber trotzdem – teils mit rassistischem Unterton – als linksradikal. Im Vorwahlkampf 2020 machte sie programmatisch nur eine schwache Figur. Mangels Unterstützung auch von Afroamerikanern musste sie ihre Kandidatur noch vor der ersten Vorwahl beenden. „Der einzig sichere Weg zur Präsidentschaft wäre für Kamala Harris gegenwärtig ein vorzeitiger Abtritt Joe Bidens während seiner laufenden Amtszeit“, erklärt Martin Thunert vom Heidelberg Center for American Studies (HCA).

Doch Biden sprach kurz vor Weihnachten von einer neuerlichen Kandidatur, falls es sein Gesundheitszustand zulasse. Aber selbst wenn Biden 2024 verzichte, müsse Harris mit starker innerparteilicher Konkurrenz bei den Vorwahlen der Demokraten rechnen, so der Politikwissenschaftler – aus heutiger Sicht mit unsicheren Gewinnchancen.