Seit Anfang Dezember ist Fabian Wohlgemuth Sportdirektor des VfB Stuttgart. Foto: Baumann/Hansjürgen Britsch

Im ersten großen Interview als VfB-Sportdirektor spricht Fabian Wohlgemuth über Grenzbereiche im Training, Klebebildchen im Kinderzimmer und er offenbart, wohin er den Club führen will.

Seit Anfang Dezember ist Fabian Wohlgemuth Sportdirektor des VfB Stuttgart. Im Trainingslager des Bundesligisten in Marbella spricht er in seinem ersten großen Interview über das harte Training von Bruno Labbadia, den künftigen Weg des VfB und den Wert eines Traditionsclubs.

 

Herr Wohlgemuth, sind Sie eigentlich Frühaufsteher?

(Schmunzelt) Das ist immer abhängig vom Tagesprogramm. Wenn der Abend, wie am Dienstag mit unseren Fans hier in Marbella, mal etwas länger geht, dann flüchte ich nicht zu früh aus meinem Bett. Beim Frühstück bin ich natürlich immer pünktlich.

Ihr Trainer Bruno Labbadia dagegen . . .

. . . ist derzeit immer schon früher wach – um, wie mittlerweile gewohnt, das morgendliche Bewegungsprogramm anzuführen.

Das steht bei Ihnen nicht auf dem Programm?

Nein. Eher eine warme Dusche. Aber im Ernst: Es gibt derzeit auch abseits des Trainingsplatzes besonders viele akute Angelegenheiten. Da nimmt man viele Themen mit ins Bett und hat sie morgens auch gleich wieder im Kopf.

Der neue Trainer fordert eine hohe Intensität ein. Wie hat sich das auf die Atmosphäre in Marbella ausgewirkt?

Aus meiner Sicht war das Trainingslager diesbezüglich ein voller Erfolg. Wir wollten nicht nur von Bereitschaft reden, sondern sie auf dem Platz sehen. Uns ging es darum, als Gruppe zusammenzuwachsen, Spielabläufe in die Köpfe zu bekommen und das zu konditionieren, was Bruno Labbadia an Primärtugenden in unserem Spiel sehen will. Ich muss sagen: Alle haben mitgezogen.

Fabian Wohlgemuth über die Konflikte im Training

Es gab aber auch Konflikte.

Glücklicherweise. Es geht auch darum, sich in Grenzbereichen zu begegnen. Nur so weiß man, woran man wirklich miteinander ist. Und niemand ist bei uns so zart besaitet, dass er sich deshalb in den Schlaf weint.

Das klingt nach einem Lob rund eine Woche vor dem Restart der Bundesliga.

Das aber nur zur Bewährung ausgesetzt ist. Denn diese Bereitschaft müssen wir dann ab dem 21. Januar in den Wettkampf hinübernehmen. Wir brauchen die nötige Anspannung, aber auch Freude. Die darf, gerade bei unserer jungen Mannschaft, auch im Kampf um den Klassenerhalt nicht fehlen.

Ist beim Pensum, das Bruno Labbadia verlangt, Raum für Spaß und Freude?

Bruno als Drillmaster – das ist eine Geschichte, die man einfach erzählen kann und die sich einfach glauben lässt. Falsch ist sie trotzdem. Wir haben nicht zwei Wochen Willensschulung durchgezogen, sondern folgen einem inhaltlich fundierten Trainingsplan. Das intensive Arbeiten wird angenommen.

Die VfB-Mannschaft ist noch dieselbe wie zu Beginn des Neustarts im Dezember. Wird sich das noch ändern?

Wir werden keine Kompromisse machen. Ein Spieler, den wir jetzt verpflichten, muss uns sofort helfen, muss ein verlängerter Arm des Trainers auf dem Platz sein oder zumindest in seinem Rucksack Erfahrung mitbringen, die uns hilft, in der Liga zu bleiben. Und er muss kommunizieren können. Nur mit dieser Überzeugung, werden wir aktiv.

Wo soll der VfB verstärkt werden?

Also könnte der VfB auch mit dem bisherigen Kader in die Rest-Saison gehen?

Wir haben ein gutes Fundament, brauchen keine zweite Etage auf unserem Haus, sondern müssen es aktuell stabiler, sozusagen ‚winterfest’ machen. Dafür haben wir einen gewissen Handlungsspielraum, das hat ja auch die Vertragsverlängerung mit Silas zuletzt deutlich gezeigt.

Ist das zentrale defensive Mittelfeld die Planstelle, auf der Sie zuvorderst Verstärkung suchen?

Bei uns im Kader gibt es keine großen oder kleinen Baustellen. Es geht um Stabilität, es geht aber auch darum, die im Team vorhandenen Qualitäten stärker zum Tragen zu bringen – etwa durch die Verpflichtung eines Spielers, der den Akteuren im offensiven Mittelfeld weitere Freiheiten ermöglicht. Was wir am Kader modellieren, muss nicht nur sportlich und wirtschaftlich sitzen, sondern auch schnell Wirkung entfalten. Im Rahmen dieser Leitlinien ist alles möglich.

Auch, was mögliche Abgänge angeht? Der Kader ist in manchen Bereichen eng.

Kategorisch Dinge auszuschließen, ergibt keinen Sinn. Wenn ein entsprechendes Angebot für einen unserer Spieler anliegt, werden wir darüber nachdenken müssen. Klar ist aber auch: In unserer Situation sportliche Substanz abzugeben, kann nur funktionieren, wenn wir in der Lage sind, das auch entsprechend zu kompensieren.

Gibt es denn einen tabellarischen Bereich, wo Sie den Kader mit seiner aktuellen Substanz sehen?

Die aktuelle Tabelle ist ein großer Teil der Wahrheit. Und Prognosen in der Hinsicht sind ja immer schwierig oder sogar unseriös, weil sich – etwa durch Transfers oder Verletzungen – bei allen Clubs ständig irgendetwas verändert. Natürlich sollte es über Jahre gesehen aber schon einen Zusammenhang zwischen den eingesetzten Mitteln und dem Tabellenplatz geben.

Wo geht es mit dem VfB langfristig hin?

Aktuell steht der Kampf um den Klassenverbleib in der Bundesliga im Fokus. Wo wollen Sie darüber hinaus mit dem VfB hin?

Dass wir parallel an kurz- und langfristigen Zielen arbeiten, wird ja auch hier in Marbella deutlich, wo man mit vielen Beratern auch schon über mögliche Spieler für die kommende Saison spricht. Aber die schauen ja auch darauf: Was würde mich dort erwarten? Daher wird der Hauptteil unserer Energie darauf verwandt, den Klassenverbleib zu sichern.

Was würde mich beim VfB erwarten? Was haben Sie gesehen, als Sie sich diese Frage gestellt haben?

Ich habe einen Verein gesehen, der sich in unserer Fußballlandschaft in vielen Bereichen überdeutlich vom Durchschnitt abhebt. Was hier geschieht, bewegt seit vielen Jahrzehnten nicht nur eine große Anzahl an Fans, sondern es ist dabei eine unheimliche Menge an Energie und Intensität im Spiel. Natürlich haben wir uns innerhalb der letzten 15 Jahre sportlich nicht immer in der Nähe des eigenen Anspruchs bewegt. Hier wieder mehr Stabilität einzuziehen, den Club in der Bundesliga wieder zu etablieren und zu konsolidieren, ist unser Ziel.

Welche Erinnerungen verbinden Sie ansonsten mit dem VfB?

Ich kann mich gut an die Zeit des magischen Dreiecks erinnern – und an die Panini-Bilder von Guido Buchwald und Karlheinz Förster, die an meiner Zimmertür klebten. Der VfB ist ein großer Verein, der in der Liga zumindest wieder eine gute Rolle spielen soll.

Ist der vom VfB eingeschlagene Weg dafür der richtige?

Nicht beliebig zu werden, sich ein klares Profil dafür zu geben, wie man seine sportlichen Ziele kurz- und mittelfristig erreichen kann, und darüber Selbstbestimmtheit und größere Unabhängigkeit zu erlangen, ist der richtige Ansatz. Die Arbeit mit jungen Spielern gehört klar in diesen Bereich

Und damit weiterhin VfB-Programm?

Es ist ein wichtiger Bestandteil unserer Strategie, Qualität nicht nur einzukaufen, sondern aus uns selbst heraus zu entwickeln. Es geht dabei nicht nur um eventuelle Transfererlöse, sondern um die sportliche Kultur unseres Clubs. Wir wollen aber keine Mannschaft aus einer Monokultur heraus erschaffen. Alter, Herkunft und andere Aspekte – es geht immer um die gute Mischung.

Wie viel ist Tradition im heutigen Business noch wert?

Tradition ist das Vermächtnis, das die Einmaligkeit eines Vereins begründet. Sie ist zentraler Bestandteil unserer Club-Identität und wesentliche Grundlage für all das, was aktuell geschieht und ebenso für das, was der Club in Zukunft erreichen kann. Das bezieht sich sowohl auf Personen, als auch auf Ereignisse. Um die Kraft, die daraus entsteht, werden wir vielerorts beneidet.

Der Wert der Tradition im heutigen Fußballbusiness

Ist Tradition heute Fluch oder Segen?

Bei Traditionsclubs kamen vor 50 Jahren schon 70 000 Menschen ins Stadion – und heute ist das noch immer möglich. Das ist eine tolle Grundlage, weshalb für mich gilt: Tradition ist viel mehr Segen als Fluch. Sie hat einen unschätzbaren Wert.

Auch im nationalen und internationalen Vergleich?

Wenn man sich die Investitionen anschaut, die in anderen Ländern getätigt werden, kann es passieren, dass die Bundesliga noch mehr zu einer Ausbildungsliga wird. Gegen diesen Trend sollten wir uns mit unserer Arbeit aktiv stellen, um international nicht noch weiter an Boden zu verlieren.