Der zur Agentur für Arbeit ist in der Pandemie nur bestimmten Gruppen vorbehalten – viele Menschen hingegen kommen noch gut davon. Foto: dpa/Sebastian Kahnert

Die Pandemie hat die Arbeitslosigkeit in Baden-Württemberg nur mäßig ansteigen lassen. Die Bundesagentur für Arbeit und ihre Forscher sehen anhaltende Nachteile vor allem für Problemgruppen wie Langzeitarbeitslose, Ausländer und Auszubildende.

Stuttgart - Der Arbeitsmarkt in Baden-Württemberg reagiert bisher überraschend robust auf die zweite großen Pandemiewelle in der Wirtschaft. Nachdem die Arbeitslosenquote im Land im Februar sogar leicht auf 4,4 Prozent gesunken ist, deuten sich auch für die nahe Zukunft keine großen Abschwünge an. Die Bundesagentur für Arbeit (BA) zeigt sich zuversichtlich: „Ich gehe davon aus, dass Kurzarbeit und Überbrückungshilfen weiterhin wie eine Firewall den Arbeitsmarkt schützen“, sagt Christian Rauch, der Leiter der Regionaldirektion Baden-Württemberg. „Beides hat uns bisher erstaunlich gut über den zweiten Lockdown getragen.“

 

Der Einfluss der coronabedingten Arbeitslosigkeit

Vorausgesetzt, dass bald auch die Impfstrategien greifen, rechnet Rauch zunächst mit einer „ganz normalen saisonalen Seitwärtsbewegung“ und nach der Sommerpause mit einem leichten Rückgang der Beschäftigungslosigkeit. In der Folgezeit könnte sich womöglich die coronabedingte Arbeitslosigkeit „ein Stück weit auswachsen“. Dieser speziell auf die erste Welle zurückzuführende Effekt hat im Südwesten von April bis Juli 2020 für etwa 37 000 mehr Arbeitslose als im Jahr davor gesorgt – bundesweit waren es netto mehr als 300 000 zusätzliche Zugänge durch die Pandemie. Dies ist das Ergebnis einer Studie, die das Forschungsinstitut der Bundesagentur, das IAB, jetzt in Stuttgart vorgestellt hat. Im Ländervergleich ist der coronabedingte Anstieg in Baden-Württemberg der drittniedrigste. Für die 44 Landkreise und kreisfreien Städte im Land ergeben sich aber deutliche Unterschiede. Der höchste Pandemie-Effekt zeigt sich in Baden-Baden, weil das wichtige Hotel- und Gastgewerbe und die personenbezogenen Dienstleistungen in der Kurstadt eingebrochen sind. Am wenigsten zeigen sich die negativen Coronafolgen in Schwäbisch Hall. Ländliche Regionen kommen generell glimpflicher davon als Städte.

Der Strukturwandel wird von der Pandemie verstärkt

Allerdings steigt die Arbeitslosigkeit im Land schon seit 2019. Grund ist der Strukturwandel in der Industrie durch Transformation und Digitalisierung. Fast die Hälfte des Zuwachses bei der Arbeitslosigkeit ist nicht auf Corona zurückzuführen, wie die IAB-Studie nun zeigt. Wenn man diese Entwicklung weiterdenke, sagt der BA-Regionalchef, müsste der Arbeitsmarkt am Ende der Pandemie deutlich schlechter dastehen als vorher. Zudem verändert sich die Struktur der Arbeitslosigkeit: Corona hat vor allem die Hauptzielgruppen der Arbeitsmarktpolitik in hohem Maße getroffen: Langzeitarbeitslose und Menschen mit Migrationshintergrund, die in den vergangenen Jahren sehr gut in Beschäftigung integriert wurden. Rauch schätzt, dass die Aufnahmefähigkeit des Arbeitsmarktes in den nächsten zwei bis fünf Jahren nicht so gut sein wird, dass allein das erwartete Wirtschaftswachstum all diese Menschen wieder in Beschäftigung bringt. Daraus resultiert „die Gefahr, dass diese Gruppen wieder am Arbeitsmarkt abgehängt werden“.

Corona als Falle für einfache Tätigkeiten

Die IAB-Forscherin Silke Hamann verweist auf den hohen Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund an den Helferstellen, die in der Pandemie in erheblichem Maße abgebaut worden seien. Demnach arbeiten Ausländer in einem viel höheren Maße in den „vulnerablen Branchen“ wie Zeitarbeit und Gastgewerbe als deutsche Arbeitnehmer. Zudem würden diese Betriebe nach den Befragungen der Forscher langfristig nicht mehr so stark einstellen wollen, was es den Betroffenen erschweren werde, wieder Fuß zu fassen.

Neue Probleme am Ausbildungsmarkt

„Deutlich mehr Sorgen macht mir und allen Akteuren der Ausbildungsmarkt“, betont Rauch. Schon im Herbst hat sich gezeigt, dass ein Teil der jungen Menschen quasi vom Radarschirm verschwunden ist, weil sie sich nicht um eine Ausbildungsstelle bemüht haben. Ähnliches ist jetzt wieder zu beobachten: Demnach wollen sich viele junge Menschen erst einmal auf ihren Abschluss fokussieren und dann ein Jahr „Luft holen“, um diese Phase zu überbrücken. Zudem gibt es einen deutlichen Rückgang an Ausbildungsstellen von bundesweit um die zehn Prozent und fast keine Berufsorientierung und Praktika mehr. Die Bundesagentur erwartet, dass die Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge erneut zurückgehen wird.

Diese Trends hätten zwei negative Auswirkungen, sagt Rauch: Einerseits werde es nächstes oder übernächstes Jahr einen „doppelten Ausbildungsjahrgang“ geben – aber eben nicht doppelt so viele Stellen. Andererseits fällt die demografische Entwicklung verstärkt ins Gewicht. Denn „jeder, der nicht jetzt eingestellt wird, fehlt in einigen Jahren als Fachkraft“.