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Die Folgen der Flut in Braunsbach Mit jedem Regen kommt die Angst

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Zwischen diesen Bildern liegen etwa sieben Monate: Sie zeigen Teile der Gemeinde Braunsbach (Baden-Württemberg) kurz nach der Flutkatastrophe im Mai 2016 (links unten und oben) und ein halbes Jahr später, aufgenommen im Dezember. Foto: dpa

Braunsbach - Wenn dunkle Wolken aufziehen, kommt die Unruhe zurück, dann wird Katja Schwarz immer nervöser. „Es ist die Angst vor dem Regen“, sagt die 44-Jährige, denn mit dem Regen kam die Katastrophe, die alles in ihrem Leben veränderte. Vorher war Katja Schwarz Inhaberin eines gut gehenden Lebensmittelladens im beschaulichen Braunsbach im Kreis Schwäbisch Hall, nachher war sie Krisenmanagerin und selbst am Rande einer Krise. Die Flutwelle, die Ende Mai nach einem Starkregen ihren Heimatort unter Geröll und Schlamm begraben hat, ließ von ihrem Laden unterhalb des Marktplatzes nur Schutt zurück. Zerborstene Scheiben, zertrümmerte Wände – kaum etwas konnte gerettet werden.

„Wir mussten alles neu machen“, sagt Schwarz und führt durch Räume, die noch nach Farbe riechen. Alles frisch gefliest, eine moderne Optik, es fehlen nur noch die Regale und die lange Theke. „Anfang Februar geht es los“, sagt voller Vorfreude die Geschäftsfrau, die seit vielen Monaten nur mit Handwerkern, Architekten und Gutachtern zu tun hat. Fast eine Million Euro Schaden, jede Menge Ärger mit der Versicherung und keinen einzigen Tag Urlaub – Katja Schwarz kann es kaum erwarten, bis die ersten Kunden kommen und sie ihre Routine zurückhat. „Es ist schöner geworden, als es vorher war“, sagt sie, „allmählich macht es wieder Spaß.“

Der Wiederaufbau braucht Zeit, viel mehr, als so mancher gedacht hat. Zwar haben die Apotheke und der Blumenladen als Erste wieder aufgemacht, aber im Zentrum von Braunsbach steht überall nur Blech. Der Marktplatz, einst Mittelpunkt des Kernortes mit seinen rund 900 Einwohnern, dient als Parkplatz. Am mobilen Bäckerwagen versorgen sich die Bauarbeiter, die längst zu Stammkunden geworden sind, mit belegten Brötchen und Pizzaschnitten. Daneben sitzen in einem umgebauten Marktstand ein paar Braunsbacher und trinken Kaffee. Sie sind regengeschützt, auf der Biergarnitur liegen Servietten mit Weihnachtsmuster. Katastrophen könne man nicht aufhalten, da sind sich die Männer einig. Sie freuen sich darüber, dass ihr Ort so viel Hilfe erhalten habe. Auch die Bäckereiverkäuferin Elke Schüler, die sich an einem kleinen Ofen wärmt, gibt sich optimistisch. „Was bringt es, wenn wir alle Trübsal blasen?“

Soll die Sporthalle nun abgerissen oder nicht?

Etwas besorgter ist der Bürgermeister Frank Harsch. Er sitzt in einem Rathaus, das im Erdgeschoss immer noch renoviert wird. Besucher werden von unverputzten Wänden und Spanplatten begrüßt, das Einwohnermeldeamt ist ausgelagert. Harsch muss vermitteln, entscheiden, manchmal einfach nur zuhören. Soll die Sporthalle nun abgerissen, oder kann sie doch noch saniert werden? Wie umgehen mit den verärgerten Waldbesitzern, deren Grundstücke regelrecht weggespült wurden? Und wann sind endlich die Ausschreibungen für die anstehenden Tiefbaumaßnahmen draußen?

„Im nächsten Jahr wird alles aufgerissen“, sagt Harsch und seufzt. Braunsbach werde wieder eine einzige große Baustelle, wieder Lärm, wieder Dreck. Der Ort erhalte neue Straßen, neue Leitungen und einen Marktplatz, der den Namen verdiene. Alles, was bisher provisorisch geflickt worden sei, müsse in einem Kraftakt angegangen werden. Für die Bürger sei das eine große Zumutung nach all den Aufräumarbeiten, sagt Harsch. „Die Leute sind ausgepowert, die haben schon viel mitmachen müssen.“

Zufrieden ist Harsch mit den Landespolitikern und ihren Versprechungen, Braunsbach zu unterstützen. „Wir sind nicht alleingelassen worden“, lobt der Bürgermeister. Auf eine erste Tranche von 10,6 Millionen Euro folgte jüngst die Zusage für weitere drei Millionen – Geld aus dem Förderprogramm zur Stadtsanierung. „Das Land hat uns rückwirkend in das Programm aufgenommen, das ist alles andere als selbstverständlich“, sagt Harsch. Er will die Ideen der Bürger beim Wiederaufbau einfließen lassen. Geplant ist ein Informationspavillon im Zentrum, der die Flut und ihre Folgen dokumentiert. Außerdem soll ein Steinquader aus Muschelkalk künstlerisch veredelt werden. „Wir haben da ein Riesending gefunden“, sagt Harsch. Das „Erinnerungsstück“ soll an einer zentralen Stelle im Ort platziertwerden.

Eine Million Euro an privaten Spenden ist an die Geschädigten ausgezahlt worden

Von den 1,5 Millionen Euro private Spenden, die Braunsbach erhalten hat, ist knapp eine Million ausbezahlt worden. 120 Bürger haben davon profitiert. Harsch will jetzt abwarten, in welchem Umfang die Versicherungen die Schäden begleichen. „Wir haben auf jeden Fall einen Rückhalt und können bei allen Antragstellern noch einmal nachlegen“, sagt der Bürgermeister.

Guter Dinge, dass die Mannheimer alles zahlt und das Unglück ein passables Ende nimmt, ist Robert Philipp vom Gasthof Löwen. „Die Versicherung muss ich jetzt wirklich mal loben“, sagt der 59-jährige Seniorchef und führt durch die Gaststube, die so gar nichts Gastliches an sich hat. Komplett leer sind die Räume, selbst der Estrich wurde entfernt, weil sich darunter eine Schicht Schlamm breitgemacht hatte. Lediglich die hölzerne Decke konnte erhalten werden. „Das ist langsam wachsende Fichte aus dem Kleinen Walsertal“, erklärt Philipp und trauert dem Charme seines Lokals hinterher. Ein Gasthof in fünfter Tradition, zwölf Zimmer und ein Rostbraten, von dem alle schwärmen. Ab Mai will er ihn wieder servieren, bis dahin gibt es noch viel zu tun.

„Wir sind in Aufbruchstimmung“, sagt der Gastwirt und gesteht, dass er viel bewusster lebt seit dem Tag, als die Wassermassen so vieles weggespült haben, was ihm lieb war. Er könne, was er früher für selbstverständlich gehalten habe, mehr schätzen. Alle hätten die Flut überlebt, das sei das Wichtigste gewesen. „Wir haben damals gerade noch unseren Metzger rausgezogen.“ Der habe das Mobiliar des Biergartens retten wollen und es nicht mehr geschafft, allein aus dem Wasser zu steigen. „Das war eine Welle wie ein Tsunami, alles ging rasend schnell“, erzählt der Wirt. Eines will er noch machen, bevor der Betrieb im Gasthof wieder beginnt: ein Fest für alle Helfer, eine richtig große Sause.

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