Kerze statt Glühbirne? Das ist in diesem Winter nicht völlig ausgeschlossen, aber nicht wahrscheinlich, sagt der Netzbetreiber Netze BW. Foto: dpa/Jessica Lichetzki

Die Energiekrise spitzt sich zu – was passiert, wenn im Winter plötzlich nicht mehr genug Strom produziert werden kann? Wir erklären, worauf sich Verbraucher jetzt einstellen müssen – und was Heizlüfter damit zu tun haben.

Seit ein paar Monaten prägt die Strommangellage in Europa die Schlagzeilen: Von der riesigen Atomkraftwerksflotte Frankreichs sind noch immer nur zwei Drittel einsatzfähig, und die lange Dürre im Sommer hat dazu geführt, dass die Speicher von Wasserkraftwerken noch nicht wieder auf ihrem üblichen Füllstand sind. Stromnetzbetreiber und Politik weisen auf die Möglichkeit hin, dass vorübergehend kontrollierte Abschaltungen notwendig werden könnten. Wir erklären, worum es dabei geht und wie solche kontrollierte Abschaltungen, auch Brownouts genannt, ablaufen würden.

 

Warum könnte es Brownouts geben?

Das könnte dann passieren, wenn zu der ohnehin angespannten Erzeugungslage weitere negative Faktoren kommen: wenn es über mehrere Tage sehr kalt ist, sodass vor allem in Frankreich viel Strom zum Heizen benötigt wird, es außerdem stark bewölkt ist, sodass die Solaranlagen keinen Strom liefern können, und Windstille herrscht, was wenig Windstromaufkommen bedeutet. Wenn dann gleichzeitig noch viel Strom verbraucht wird, kann es eng werden. Schwierig könnte es auch sein, wenn gegen Ende eines sehr kalten Winters in Deutschland die Gasspeicher deutlich geleert sind und in Hochlastzeiten kein Gas mehr zur Stromerzeugung zur Verfügung steht. Besonders kritisch sind die Stunden werktags zwischen 9 und 15 Uhr. In Frankreich nutzen viele Haushalte Strom zum Heizen, deshalb bereitet sich das Land auf angespannte Situationen vor und hat vor wenigen Tagen schon einmal Stromabschaltungen simuliert.

Wie sieht es für Deutschland aus?

Die Folgen würden mehrere Länder betreffen, denn das Stromnetz ist europäisch – die Länder müssen darin für einander einspringen. Deutschland als einer der wichtigsten Exporteure von Strom nach Frankreich könnte ebenfalls in einen Erzeugungsmangel geraten. In dem zweiten Stresstest , den die vier Übertragungsnetzbetreiber im Spätsommer im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums durchgeführt haben, heißt es, dass eine „stundenweise krisenhafte Situation im Stromsystem im Winter 22/23 zwar sehr unwahrscheinlich“ sei, aber „nicht vollständig ausgeschlossen werden“ könne.

Wie wahrscheinlich sind Brownouts?

Richard Huber, Leiter Betrieb Strom-Gas-Netze bei dem in weiten Teilen Baden-Württembergs zuständigen Verteilnetzbetreiber Netze BW, sagt klar: „Auch wenn es noch nie so knapp war wie in diesem Winter, ist die Wahrscheinlichkeit eines Brownouts weiterhin sehr gering.“ Und auch die Energieökonomin des Deutschen Wirtschaftsinstituts (DIW), Claudia Kemfert, sagt in der jüngsten Ausgabe ihres Klima-Podcasts: „Davon sind wir weit, weit entfernt.“

Was unterscheidet einen Brownout von einem Blackout?

Immer wieder geistert durch die Medien – nicht zuletzt durch die sozialen Medien – das Gespenst eines Blackouts. Beides sind aber völlig unterschiedliche Sachverhalte, denn ein Brownout meint eine kontrollierte, zeitlich begrenzte Abschaltung bestimmter Regionen. Ein Blackout hingegen ist ein unkontrollierter, großflächiger Zusammenbruch des Stromsystems, dessen Wiederanfahren unter Umständen längere Zeit in Anspruch nehmen kann. Man könnte auch sagen: Ein Brownout ist eine Maßnahme, die die Netzbetreiber ergreifen, um einen Blackout zu verhindern. Blackouts werden allerdings nicht von Strommangellagen verursacht, sondern in der Regel durch Schäden am Netz, etwa bei einem starken Sturm. Und wie wahrscheinlich ist ein Blackout derzeit? „Genauso wahrscheinlich wie sonst auch – da hat sich nichts verändert“, sagt der Vorsitzende der Geschäftsführung von Netze BW, Christoph Müller.

Was passiert vor einem Brownout?

Ein Brownout kommt in aller Regel nicht plötzlich. Denn der Grund für den Brownout wäre eine Erzeugungsmangellage – „und die trifft uns normalerweise nicht überraschend“, sagt Netze-BW-Chef Müller. Sowohl konventionelle Erzeugung in Kraftwerken als auch die aus Solar- und Windkraftanlagen sei zwei bis drei Tage im Voraus sehr gut prognostizierbar. „Und man kann auch sehr gut vorhersagen, was die Kunden verbrauchen werden.“ In der Regel werden Energieversorger und Netzbetreiber bei einer absehbaren Mangellage oder Netzengpässen zuerst andere Maßnahmen prüfen: beispielsweise einzelne große Verbraucher wie eine Industrieanlage abschalten oder zusätzliche Leistung aus anderen Ländern zukaufen. Letztgenanntes ist am 7. Dezember passiert, als die Warn-App von Transnet BW, Strom Gedacht , zum ersten Mal auf Rot sprang.

Wie erfahre ich von einem Brownout?

Erst wenn der normale Werkzeugkasten von Maßnahmen nicht ausreicht, kommt ein Brownout infrage. Und der wird dann laut Müller und Huber ein bis zwei Tage vorher über die Medien angekündigt. Wer wann betroffen ist, teilt Netze BW im Internet mit. „Dort sollte man mehrfach nachsehen, denn die Planung kann sich noch ändern“, empfiehlt Huber.

Wie läuft ein Brownout ab?

Ausgelöst wird der Brownout vom Übertragungsnetzbetreiber, im Falle der Netze BW ist das Transnet BW – beide sind EnBW-Töchter. Dann geht alles nach festen Regeln und vor allem sehr schnell: Netze BW hat sechs Minuten Zeit, die 67 nachgelagerten Netzbetreiber zu benachrichtigen. Nach weiteren sechs Minuten werden die ersten betroffenen Gruppen abgeschaltet – gemeinsam hat eine Gruppe immer denselben Transformator, der beim Brownout vom Netz getrennt wird. Wer wann betroffen ist, wird diskriminierungsfrei mit Computerhilfe entschieden. Allerdings sind es laut Huber nie benachbarte Gebiete. In ihnen aber sind sämtliche Verbraucher betroffen – auch Infrastruktureinrichtungen wie Ampeln oder Krankenhäuser und Industrieanlagen, bei denen ein Stromausfall irreparable Schäden anrichtet. „Solche Verbraucher müssen selbst für eine Pufferung sorgen“, sagt Müller. Also einen Generator oder ausreichend viel Batteriekapazität vorhalten. Nach 90 Minuten springt der Strom wieder an, und die nächste Gruppe wird abgeschaltet.

Was haben Wallboxen, E-Autos und Heizlüfter damit zu tun?

Nichts. Vor allem in sozialen Medien werden oft reflexartig E-Mobilität , Wärmepumpen oder erneuerbare Energien für Stromausfälle verantwortlich gemacht. „Aber Wärmepumpen oder Wallboxen verursachen aktuell keine Lastspitzen, die uns außer Tritt bringen“, sagt Huber. Und was ist mit der Gefahr durch Heizlüfter? Die, so Müller, könne man nicht von der Hand weisen, aber wenn zu viele dieser Strom fressenden Geräte gleichzeitig laufen, verursacht das keinen Brownout – sondern schlimmstenfalls einen lokalen Ausfall in einzelnen Wohngebieten. Müller rät entsprechend von Heizlüftern ab – und zur Heizdecke. Die verbrauche auch nur ein Fünfundzwanzigstel der Kosten pro Stunde.

So oft fällt der Strom aus

Stromausfall
Deutschland ist im internationalen Vergleich extrem selten von Stromausfällen betroffen. 2021 ist im Durchschnitt der Strom 12,7 Minuten lang ausgefallen. Das war etwas mehr als im Vorjahr, wofür nicht zuletzt das Hochwasser im Ahrtal verantwortlich ist. In den USA waren es im gleichen Jahr mehr als sieben Stunden. Das sind allerdings nur statistische Werte. Im Durchschnitt dauert ein Stromausfall etwa eine Stunde – rein rechnerisch ist also jeder Haushalt alle vier Jahre von einem Stromausfall betroffen.

Netzbetreiber
In Deutschland gibt es Hunderte von Netzbetreibern. Sie teilen sich nach Spannungsebenen auf: In der Höchstspannung sind die vier Übertragungsnetzbetreiber tätig. Es sind Amprion, Tennet, 50 Hertz und Transnet BW. Nachgelagert sind größere Transport- und Verteilnetzbetreiber, die auf der Hoch- bis Niederspannungsebene operieren. Zu ihnen gehört Netze BW. Und schließlich gibt es lokale Netzbetreiber wie beispielsweise die Stuttgart Netze, die nur in einem kleinen Gebiet verantwortlich ist. Bei einem Brownout übernimmt übrigens auch in Stuttgart Netze BW die Regie. Auch die Landeshauptstadt ist in mehrere Abschaltgruppen unterteilt. ave