Sie sind durch die Verfilmung von „Heated Rivalry“ ganz schön berühmt geworden: Hudson Williams (l.) und Connor Storrie. Foto: dpa/picture alliance

Eigentlich sollte es hier um die neuen Thriller von Marc Elsberg und Romy Fölck gehen. Aber dann kamen zwei Eishockeyspieler dazwischen. Wie das?

Das hier sollte eine Kolumne über zwei brave deutsche Thriller werden, die es auf die Bestsellerliste geschafft haben. Und so wäre auch beinahe gekommen, hätte ich nicht (aus privatem Interesse) nebenbei noch „Heated Rivalry“ (Spiegel-Bestseller Belletristik Paperback Platz 23, Second Chances Verlag, 448 Seiten, 20 Euro) gelesen. Besser gesagt: verschlungen. Und daher geht es hier zunächst einmal um Ilya und Shane.

 

Um wen? Sollten Sie sich das gerade gefragt haben, gehören Sie zur schwindenden Zahl an Menschen, die von dem Hype um die Story über zwei Eishockeystars, die sich Hals über Kopf ineinander verlieben, noch nichts mitbekommen haben. Möglicherweise lebten Sie monatelang auf einer einsamen Nordsee-Insel, abgeschnitten von der Zivilisation. Denn überall andernorts ist der Roman von Rachel Reid und vor allem seine Verfilmung als Mini-Serie zu einem popkulturellen Phänomen angewachsen. Fans geben Unmengen von Geld aus für Jacken, wie sie die Hauptdarsteller tragen, diskutieren jedes einzelne Detail der Geschichte und feiern auf „Heated Rivalry“-Parties von Berlin bis Taipeh, von New York bis Bangkok – viele unter dem Motto „I’m coming to the cottage“, jenem entscheidenden Satz, der die Beziehung der beiden Protagonisten in eine neue Dimension katapultiert.

Im Überschwang der Gefühle

Die Story ist rasch erzählt: der (heimlich) schwule junge Kanadier Shane Hollander und der bisexuelle Russe Ilya Rozanov sind Stars der nordamerikanischen Eishockeyliga. Eishockey gilt noch immer als extrem maskuliner Sport, folglich inszenieren sich die beiden jungen Männer als ebenso eiskalte Rivalen. Zwischen den beiden entwickelt sich jedoch hinter den Kulissen eine erst sexuelle, dann respektvolle, dann zärtliche Beziehung, die unbedingt geheim bleiben muss. Bis der Überschwang der Gefühle so groß ist, dass sie es kaum noch aushalten können.

„Heated Rivalry“ gehört zu einem Genre, das als „MM-Romance“ bezeichnet wird, Liebesgeschichten zwischen zwei Männern mit durchaus deftigen pornografischen Passagen, gerichtet an ein überwiegend heterosexuelles weibliches Publikum. Meistens ist das Kitsch. Aber Rachel Reid beschreibt die Gesten, die Blicke, das Begehren und die Angst vor den eigenen Gefühlen so delikat und mit so subtilem Gespür für die Psychologie der Figuren, dass wohl noch keine große Literatur entsteht, aber deutlich mehr als Triviales.

Mittlerweile gibt es unzählige Theorien darüber, was den Erfolg der Serie und der Bücher („Heated Rivalry“ ist Teil einer Reihe) ausmacht. Die am häufigsten genannte lautet: Ilya und Shane bedienen das klassische Bild von Männlichkeit in einem ohnehin stark maskulin geprägten Sportumfeld wie dem Eishockey. Auf dem Eis schenken sie sich nichts (Shane weist empört die Vermutung zurück, er könne Ilya aus Liebe gewinnen lassen). Gleichzeitig begegnen sie sich auf Augenhöhe, respektieren die Grenzen des anderen, reden, wenngleich zögernd, über ihre Gefühle. Sie sind also zugleich männlich und zärtlich, wettbewerbsorientiert und aufmerksam. Dass diese Kombination bei Frauen weltweit so gut ankommt, sagt viel über den Zustand der heterosexuellen Männlichkeit aus.

Mein Instagram-Feed quillt inzwischen mit „Heated Rivalry“-Content über. Unter all dem Fandom-Diskussionen stieß ich auf eine weitere Erklärung einer Literaturwissenschaftlerin für den Erfolg des Romans. Rachel Reid konzentriere sich ganz auf die zentrale Liebesgeschichte. Alles andere (Shanes Autismus, Ilyas lieblose Familie und der Selbstmord seiner Mutter) ordnet sich dem unter. Marc Elsberg hätte sich in seinem Ökothriller „Eden“ (Spiegel-Besteller Belletristik Hardcover Platz 10, Blanvalet, 768 Seiten, 28 Euro) besser mal dieses Prinzip zu eigen gemacht.

Das Cover des neuen Eslberg-Thrillers Foto: Verlag

Stattdessen irrlichtert sein Roman durch die Welt: mal in den Amazonas, mal nach Mailand, mal nach Triest, mal auf einen sächsischen Bauernhof, mal nach Berlin an die Seite der deutschen Umweltministerin. Überall geht gerade die Welt unter. Auf weit über 700 Seiten häufen sich die von einer Künstlichen Intelligenz vorausgesagten Ökokatastrophen: Die Böden übersäuern, die Fische sterben, das Plankton breitet sich aus, Sandstürme rasen über Berlin, das Trinkwasser versiegt. Diese zerfasernde Geschichte können auch der farblose Influencer Linus sowie seine Freundin, die ökoaktivistische Meeresbiologin Sarah, als Hauptfiguren nicht zusammenhalten.

Der Gefahr, die Übersicht über ihre Roman-Schauplätze zu verlieren, ist Romy Fölck mit ihrem Psychothriller „Fünf Fremde“ (Spiegel-Bestseller Belletristik Paperback Platz 28, Lübbe, 384 Seiten, 22 Euro) nicht erlegen. Ihr Buch spielt auf der winzigen sturmumtosten Insel Neuwerk, die zwar zu Hamburg gehört, aber vor der niedersächsischen Küste bei Cuxhaven liegt.

Das Cover des neuen Fölck-Thrillers Foto: Verlag

Bei gerade mal 30 Einwohnern hat das Eiland eine erstaunlich hohe Mordquote. Neben Fölcks Buch gibt es eine Menge weiterer Neuwerk-Krimis und sogar ein „Tatort“ hatte die Insel als Schauplatz. In „Fünf Fremde“ liegt der Todesfall schon eine Weile zurück. Ein aufwendig inszenierter Rachefeldzug bringt auf dem begrenzten Insel-Raum mehrere Menschen zusammen, die ein dunkles Geheimnis miteinander teilen – das klassische, als „locked room“ bezeichnete Krimiprinzip, das seit Agatha Christies Zeiten immer noch so glänzend funktioniert. Fölcks Buch ist flott erzählt, mit ausreichend dramaturgischem Geschick und maritimem Lokalkolorit.

Und dennoch: In diesem Sommer steht bei mir zufällig im Zuge einer Wattwanderung ein Ausflug nach Neuwerk an. Normalerweise verbinde ich bei solchen Besuchen den Ort mit den Schauplätzen der Bücher, die ich kurz zuvor gelesen habe. Diesmal, vermute ich, kommen mir jedoch nicht Fölcks Krimi-Tote in den Sinn. Sondern einzig und allein die Frage: Wäre hier nicht ein idealer Rückzugsort für Ilya und Shane? „I am coming to the Neuwerk-cottage.“