Reporter Dirk Steffens, hier bei Dreharbeiten zur „Terra X“-Reihe des ZDF, überschreitet auch mal die Grenze zum Aktionismus. Foto: imago/Steffen Schellhorn

Katrin Eigendorf berichtet als Reporterin von den Kriegen dieser Welt. Dirk Steffens nimmt die ökologische Krise in den Blick. Als Journalisten haben beide etwas gemeinsam.

Der Journalismus (und mit ihm die Journalisten) sind bei einem Teil der Gesellschaft ziemlich in Verruf geraten. Es gibt Menschen, die sind überzeugt, dass wir jeden Tag von linksgrün-versifften Oberzensoren Anweisungen erhalten, was wir schreiben, senden oder berichten dürfen. Oder sogar von Echsenwesen. Von jüdischen, russischen und kapitalistischen Weltverschwörungen gar nicht zu reden.

 

Die Wahrheit ist viel profaner. Es herrscht in Teilen der Journalistenschaft wohl in der Tat so etwas wie einen Korpsgeist und bestimmte Weltsichten sind, bedingt durch Ausbildung, Sozialisation und manchmal einfach nur gesunden Menschenverstand, verbreiteter als andere. Das gilt aber auch für Orthopäden, Fußpfleger und (durchaus problematisch) für Polizeibeamte.

Auch die Lust am Schabernack gehört zur Meinungsfreiheit

Außerdem gibt es verdammt viele Journalistinnen und Journalisten, die aufgrund von Überzeugung, aus Lust am Schabernack oder weil sie sich mehr Aufmerksamkeit bei einer ganz bestimmten Klientel versprechen, demonstrativ genau gegensätzliche Haltungen an den Tag legen. Das ist ihr gutes Recht, denn genau das macht Presse- und Meinungsfreiheit aus.

Reporterin Katrin Eigendorf ist stets um Fairness bemüht. Foto: imago/teutopress

Diejenigen, die am lautesten gegen die angebliche Indoktrination durch die Medien wettern, tun dies in der Regel vor allen Dingen aus einem bestimmten Grund: weil sie dann das Gefühl haben (und anderen das Gefühl vermitteln wollen), dass sie selbst den totalen Durchblick haben, die absoluten Checker sind, die auf die Manipulationen, anders als die dumme Masse, nicht hereinfallen.

Den Peter Hahnes und Ulf Poschardts mangelt es an Selbstreflexion

Erstaunlich nur, wie unkritisch und unhinterfragt ausgerechnet diese Medienkritiker mit Medien umgehen, mit deren Positionen sie übereinstimmen.

In dieser Kolumne sind schon des Öfteren Bücher der Ober-Medienkritik-Zampanos besprochen worden, den Peter Hahnes und Ulf Poschardts. Das Auffälligste an deren Büchern ist ihr Mangel an Selbstreflexion. Die Autoren deuten wetternd und krakeelend (und gelegentlich ausfällig) mit dem Finger auf andere, ohne eigene Zweifel, eigene Unsicherheiten zu thematisieren. Das macht ihre Werke schwer erträglich. Sollte es einen Maßstab für journalistische Qualität geben, dann gehören intellektuelle Bescheidenheit und Selbstreflexion mit Sicherheit dazu.

Die ZDF-Sonderkorrespondentin Katrin Eigendorf zum Beispiel verknüpft in ihrem Erinnerungsbuch „Erzählen, was ist. Berichten am Limit in einer Zeit der Kriege“ (Spiegel-Bestseller Sachbuch Hardcover Platz 23, S. Fischer, 256 Seiten, 25 Euro) Reportagen aus Afghanistan, der Ukraine, Israel und Palästina mit ihrem persönlichen journalistischen Werdegang. Sie verschweigt dabei nicht, dass sie nichts davon hält, empathielos über das Schicksal von Frauen unter der Herrschaft der Taliban in Afghanistan zu berichten. Bewusst im Gegensatz zu einer Auffassung, die dem TV-Journalisten Hanns Joachim Friedrichs zugeschrieben wird: Journalisten sollten sich mit keiner Sache gemein machen, auch nicht mit einer guten.

Aber es ist wohl schon etwas anderes, ob man sich mit Putin, Trump oder den islamistischen Taliban gemein macht – oder mit den Menschen, die unter deren Regimen leiden. Und über Folteropfer mag man nicht genauso emotionsfrei berichten wie über das Heizungsgesetz.

Freunde macht sich Karin Eigendorf auf keiner Seite

Besonders deutlich wird das Ringen der Reporterin Eigendorf um Fairness und das Bemühen, den Menschen auf den verschiedenen Seiten eines Konfliktes gerecht zu werden, bei ihren Berichten aus Israel und Palästina. Sie nimmt die jüdischen Milizen, die palästinensische Dörfer terrorisieren, genauso in den Blick wie die Opfer des grausamen Hamas-Anschlags vom 7. Oktober 2023. Freunde macht man sich mit damit auf keiner Seite.

Während Katrin Eigendorf zwar eine Haltung zu den Objekten ihrer Berichterstattung einnimmt, ihre Rolle als Reporterin dabei aber nicht verlässt, überschreitet der Wissenschaftsjournalist Dirk Steffens die Grenze zum Aktivisten. Das tut er durchaus reflektiert und bewusst, weil er glaubt, die wissenschaftlichen Fakten zu den Folgen der Zerstörung der Ökosysteme durch Klimawandel und den Verlust der Artenvielfalt zwängen zwingend zum Handeln. Einleuchtend und nachvollziehbar listet er in seinem Büchlein „Hoffnungslos optimistisch. Ein ziemlich wissenschaftlicher Blick in die Zukunft“ (Spiegel-Bestseller Sachbuch Hardcover Platz 19, Penguin, 146 Seiten, 20 Euro) jene Vorurteile und Verblendungen auf (in der Wissenschaft Bias genannt), die unseren Blick auf diese Fakten trüben.

Dirk Steffens glaubt an die Kraft der Argumente

Wobei diejenigen, die um den jeweiligen Bias wissen, vor den Verzerrungen selbst nicht gefeit sind. So mokiert sich Steffens darüber, dass der „berüchtigte Prof. Dr. med. Sucharit Bhakdi“ in der Corona-Pandemie sein Fachgebiet überschritten habe und damit ein klassischer Fall des Overconfidence-Bias gewesen sei. Dass auf der anderen Seite ein Verkehrsplaner glaubte, Corona-Inzidenzen prognostizieren zu können, die sich fast nie als korrekt erwiesen, passte dem Autor als Beispiel für Selbstüberschätzung wohl nicht ganz in den Kram.

Im Gegensatz zu anderen Autoren wird Steffens allerdings nie ausfällig und glaubt an die Kraft wissenschaftlicher Argumente und zivilgesellschaftlichen Engagements. Wobei in seinem Buch die konkreten Verbesserungsvorschläge knapper ausfallen als die redundante Beschwörung des Optimismus im letzten Kapitel.

Das Entscheidende aber: Bei beiden Bestsellern bekommt der Leser das Gefühl, dass man nicht nur über die Bücher streiten kann, sondern auch mit deren Autoren über ihre Thesen – und allein das ist schon eine ganz besondere Qualität.