Wasserfall und Grand Hotels: Bad Gastein hat einen morbiden Charme. Foto: IMAGO/Depositphotos

Tosender Wasserfall und verlassene Grand Hotels, Wes-Anderson-Charme und Brutalismus-Bauwerke. Wie sich Bad Gastein mal wieder neu erfindet. Die besten Tipps und Hotels.

Als ich ankam, wollte ich erst mal wieder weg“, erinnert sich Ronnie Denalane an den Moment, als er aus dem Zug ausstieg, der ihn von Berlin ins Salzburger Land brachte. Es gibt einladendere Orte als den Bahnhofsvorplatz von Bad Gastein. Ronnie aber ist geblieben, wie so viele andere Berliner. Berge statt Berghain? Kaiserschmarrn statt Currywurst? Was macht Bad Gasteins Anziehungskraft aus?

 

Früher wurde der 4000-Einwohner-zählende Kurort als „Monte Carlo der Alpen“ bezeichnet, weil hier Künstlerinnen und Persönlichkeiten urlaubten, statt der drückenden Hitze der Stadt die Sommerfrische genossen. Der Eisenbahn sei dank. Franz Grillparzer, Thomas Mann, Arthur Schopenhauer, Wilhelm von Humboldt, Erich Kästner, alle waren sie hier. Die Kaiserin-Elisabeth-Promenade ist Sisi gewidmet, die ihre Lungenkrankheit an diesem magischen Ort im Fels kurierte. Und auch auf der Kaiser-Wilhelm-Promenade, die vom Ortszentrum ins Kötschachtal führt, lässt sich heute noch wunderbar flanieren und im altmodischen Café Schuh einkehren, um Apfelstrudel und Einspänner zu ordern.

Ronnie Denalane kam von Berlin nach Bad Gastein. Er hatte, sagen wir mal, Startschwierigkeiten. Foto: Antje Wolm

Bad Gastein: Inspiration für Wes Anderson

Nach der feinen Gesellschaft kamen die Kurgäste, die in heilendem Thermalwasser badeten und in die Radon-Stollen fuhren. Irgendwann wurden Kuren nicht mehr bezahlt, Gäste blieben aus. Faktoren wie Spekulationen, Investitionsstau, hoher Sanierungsbedarf von denkmalgeschützten Gebäuden führten dazu, dass prachtvolle Grand Hotels jahrelang leer standen. Die Legende besagt, dass sich Regisseur Wes Anderson vom Grand Hotel de l‘Europe hier zu seinem „Grand Hotel Budapest“ inspirieren ließ.

Verwunderlich wäre das nicht: Bad Gastein mit seinem teils morbiden Charme, dem tosenden Wasserfall, der so laut ist, dass man davorstehend sein eigenes Wort nicht versteht, seinen Belle-Époque-Bauten und markanten Brutalismus-Bauwerken wie dem Kongresszentrum sowie den Felsenthermen erbaut vom Salzburger Architekten Gerhard Garstenauer, übt eine besondere Anziehungskraft auf Kreative aus. Das wunderbar kuratierte Kunstfestival „Sommer.Frische.Kunst“ fand heuer zum 15. Mal statt. Friedrich Liechtenstein widmet ein ganzes Konzeptalbum diesem mystischen Ort und sprechsingt vom Mythos eines Ortes, in dem einst „Könige und Hirsche in radonhaltigen Quellen gesundeten“. Illustrator Christoph Niemann zeichnet immer wieder von hier. David Schalkos Roman „Bad Regina“ erzählt von einer Geisterstadt im Herzen der Alpen, in der ein chinesischer Immobilientycoon alles aufkauft und verfallen lässt. Ein Schelm, wer hier Parallelen zur Realität vermutet.

Neues Leben in alten Mauern in Bad Gastein

Am Straubingerplatz, wo die Gischt vom Wasserfall über die Straße weht, gibt es inzwischen Sauerteigpizza und Aperol Spritz. Zwei eindrucksvolle Hotels sind 2023 neu eröffnet worden: das Badeschloss, das mit einem modernen Turm mit Infinity-Pool auf dem Dach architektonisch das Stadtbild konterkariert, sowie das Hotel Straubinger, in dem Jahrhundertkoch Eckart Witzigmann einst seine Ausbildung absolvierte. Zwei Gebäude, die lange Zeit leer standen und zunehmend verfielen. Und die Historie atmen: Das Badeschloss war schon so vieles; Kurort von Kaiser Wilhelm I. und Kriegslazarett. Heute speisen arabische Touristen Trüffelpommes und Sachertorte im Straubinger. Die Freude im Ort war groß, dass die beiden zentralen Häuser endlich wiedereröffnet wurden. Die Revitalisierung der historischen Mitte am Straubingerplatz war dringend nötig – für die gesamte Region.

Das Hotel Comodo hat eine wunderbare Lobby, in der man sich gerne aufhält. Foto: Pion Studio

Ronnie Denalane, der übrigens der Bruder der Sängerin Joy Denalane ist, lebt nun seit mehr als zehn Jahren hier, ist Physiotherapeut mit eigener Praxis und betreut Kunden wie Gäste des Comodo Hotels, wo er den Spa-Bereich verantwortet.

Er ist geblieben, weil er auf einen Berg gestiegen ist. Auf den Graukogel mit dem Wanderguide Hannes aus dem Haus Hirt. Er verkauft seine Praxis in Berlin, seiner Heimatstadt, und fängt in Bad Gastein neu an. Denalane hat etwas Zeit gebraucht, um anzukommen, er schätzt die Ruhe und Entschleunigung des Ortes und fühlt sich deutlich wohler als in Berlin. Was macht diesen Reiz aus? „Ich kann es nicht genau sagen, warum ich so gerne hier bin“, sagt Denalane. „Es muss an diesem Tal irgendetwas sein, was die Menschen erdet.“ Er weiß aber auch: Entweder man liebt oder hasst es. Egal ist Bad Gastein keinem. „Vielleicht sind es die Quellen, vielleicht die Radonstollen. Irgendetwas zieht die Leute an“, sagt Ronnie. Und fügt an: „Auch wenn es sich ein bisschen komisch anhört, man fühlt sich hier nach einer Weile gesund.“ Er versteht, dass es vor allem Künstler und Kreative in diese Stadt im Berg zieht, in der es keine fancy Restaurants, kein Überangebot an Shoppingmalls oder coolen Clubs gibt. „Wenn man zurück zur Basis kommt, dann lassen sich neue Ideen entwickeln“, meint Denalane.

Bad Gastein und Tal Nassfeld: „Klein Tibet in den Alpen“

Die Natur drumherum um den Ort im Nationalpark Hohe Tauern, dieser Sackgasse ohne Durchgangsverkehr, ist atemberaubend schön. Das beeindruckende Sportgastein mit seinem Tal Nassfeld wird auch gerne „Klein Tibet“ genannt, mit den saftigen grünen Wiesen, und Bächlein und Ziegen und Almen. Wer es auf die Poserhöhe schafft, wird mit Kaiserschmarrn und bester frische Blaubeer-Buttermilch belohnt, auf der Biberalm gibt es Pofesen, eine Art Armer Ritter, im Reedsee auf gut 1 800 Metern Höhe sorgt kaltes Gebirgswasser für Erfrischung. Und genau diese Sommerfrische wissen in Zeiten von Flugscham immer mehr Städter zu schätzen, die aus Berlin, Hamburg, München und Stuttgart gerne auch mit dem Zug anreisen, um in Bad Gastein ihre Ferien zu verbringen.

Evelyn und Ike Ikrath vom Haus Hirt und Hotel Miramonte. Foto: Charlotte Stoffels

Immer wieder kommt es auf Evelyn Ikrath, der bezaubernden Gastgeberin des Haus Hirts, zurück: Sie schickte Ronnie auf den Berg, sie hält viel zusammen im Ort. Evelyn Ikrath sieht, dass der architektonische Spannungsbogen zwischen den Belle-Époque-Bauten und modernen Gebäuden nun angedacht ist im Ort. Ihr Mann, der Architekt Ike Ikrath, betreibt das Miramonte-Hotel. Gemeinsam haben sie zwei Häuser geschaffen, die sie als „Basislager für Stadtflüchtige“ sieht. Die Leerstände und die Naturgewalten, das alles gehört für sie dazu als Inspiration für Fantasie und Träume. Die Ikraths haben in Bad Gastein viel vorangebracht – und immer wieder Menschen zum bleiben gebracht. Meist kommen hippe Großstädter mit kleinen Kindern ins Haus Hirt und dann immer wieder, auch wenn der Nachwuchs im Teenager-Nerv-Alter ist.

„Die Zukunft liegt im Bahnverkehr“

Barbara Elwardt etwa, eine Architektin aus Berlin-Mitte, reist mit ihrer Großfamilie mit vier Kindern Weihnachten zum ersten Mal ins Haus Hirt – und wird zum Stammgast. Sie schwärmt von „dieser Stadt in den Bergen“ und „von der krassen Geschichte“ und dieser „Anziehung für Kreative“. Elwardt weiß: „Dieser Ort lebt von Brüchen und Gegensätzen“. Ihr gefällt es so gut in Bad Gastein, dass sie eine Kurklinik erwirbt und renoviert. Das Hotel Comodo ist ein zeitgeistiges Haus im Mid-Century-Chic mit Kunst von Jeppe Hein an der Wand, Zirbenduft und Camaleonda-Sofa im Foyer, einer Bibliothek mit kuratierter Literaturauswahl, im Restaurant gibt es Backhendl mit Chili-Mayo. Überhaupt: Elwardt ist wichtig, dass regionales wie saisonales angeboten wird. Keine Flugmango gibt es zum Frühstück, dafür aber Joghurt von lokalen Kühen.

Olaf Krohne (links) und Jason Houzer vom Hotel Regina. Foto: Regina

Beim Veitbauer in Bad Hofgastein trifft man ebenfalls – Überraschung - auf Berliner. Doreen Schmidt kam vor zwanzig Jahren aus der Hauptstadt als Physiotherapeutin nach Hohentauern, verliebte sich in einen Bauern und blieb. Heute beginnen ihre Tage um 5.30 Uhr mit dem ersten Melken. Ihre Kühe sind im Sommer auf der Alm, im Stall schlafen sie auf Wasserbetten: „Für den Liegekomfort.“

Bad Gasteins Anziehungskraft ist fast schon mysteriös. „Hier ist Bewegung drin“, sagt Elwardt. Und: „Die Zukunft liegt im Bahnverkehr. Ab November soll der ICE stündlich halten.“

Bad Gastein erschließt sich nicht auf den ersten Blick

Olaf Krohne und Jason Houzer betreiben das Hotel Regina, ein 111 Jahre altes Haus, erbaut von einem italienischen Baumeister, ein alpines Boutiquehotel. „Ich glaube an das Potenzial von diesem Ort“, so Houzer, der ursprünglich aus der Mode kommt. Beide wissen, dass sich Bad Gastein meist nicht auf den ersten Blick erschließt. „Man muss die Gäste abholen, ihnen erklären, was das Besondere im Ort ist.

Die Städter wissen, was die Städter im Urlaub brauchen. Und eben auch: was nicht. Kein Clubbing und Shopping. Es gibt ein paar Hotels, schöne Natur und das war’s. Immerhin hat das Comodo ein hauseigenes Kino mit sehr bequemen ockerfarbenen Sesseln, in dem sich ein Strick-Retreat für den Abend eingebucht hat. Die meisten sind aus Berlin angereist, klar. Sie schauen Wes Andersons „Grand Budapest Hotel“.

Bad Gastein

Hinkommen

Wien, Salzburg, München, Stuttgart oder Hamburg. Mehrmals täglich verbinden Railjets, ICs und ICES Europas Städte mit dem Gasteinertal. Von Stuttgart etwa gibt es ab September wieder direkte Verbindungen. www.bahn.de

Übernachten

In Bad Gastein werden alle Geschmäcker bedient: Es gibt etwa das fesche Boutiquehotel Comodo www.thecomodo.com. Bei Familien und Kreativen ist das Haus Hirt (www.haus-hirt.com) beliebt. Das Miramonte (https://hotelmiramonte.com) bietet Yoga und cooles Design. Die zwei neuen am Platz in der Ortsmitte sind das Badeschloss (https://urban-nature.de/hotels/bad-gastein.html) und das Straubinger (https://arosahotels.de/hotels/straubinger.html). Coole Bar und lässiger Ort: das Regina Hotel (https://dasregina.com/).