Schwere Zeiten für die BBC: Die Rundfunkanstalt schlittert in die Krise. Ein Starmoderator steht vor Gericht, die Zuschauer brechen weg.
Schlimmer hätte es wohl nicht kommen können: Der über Jahre prominenteste BBC-Nachrichtenmoderator gab vor Gericht zu, pornografische Aufnahmen von Kindern bestellt und besessen zu haben – von Kindern, die teils erst sieben oder acht Jahre alt waren. Huw Edwards, dem „Gesicht der BBC“ droht, wenn im Herbst das Urteil gesprochen wird, eine Gefängnisstrafe.
Der soziale Absturz des heute 62-Jährigen ist dramatisch. Noch vor kurzem war es Edwards, der im Fernsehen den Tod von Königin Elizabeth verkündete und der ihre Beerdigung genauso wie die Krönung von Charles live kommentierte. Seine ernste Miene, seine Seriosität und sein formelles Auftreten waren geradezu zu einer Visitenkarte des Senders geworden. Umso mehr treffen die neuen Enthüllungen die BBC, der Edwards zuletzt ein Jahresgehalt von fast einer halben Million Pfund wert gewesen war.
Inzwischen muss sich die Anstalt unangenehmen Fragen stellen – wie der, warum sie nicht schon früher reagierte, da die Polizei ihr bereits im vorigen November – „hinter den Kulissen“ wie es hieß – mitgeteilt hatte, was Edwards zur Last gelegt wurde. Waren die BBC-Oberen, die ihren Top-Moderator voriges Jahr schon wegen anderer Vorwürfe suspendiert hatten, ihn aber fürstlich weiter bezahlten, korrekt vorgegangen? Das wollte Labours neue Kultur- und Medienministerin Lisa Nandy vom BBC-Intendanten Tim Davie wissen, als sie ihn jetzt zu einem Lagebericht ins Ministerium einbestellte.
Dabei ist Huw Edwards nicht das einzige Problem, das Davies hat. Empörte Aufregung löste zuletzt auch eine der beliebtesten BBC-Unterhaltungssendungen überhaupt, der zwischen Oktober und Dezember jeweils an den Wochenenden ausgestrahlte Tanzwettbewerb „Strictly Come Dancing“, aus.
All die zur Schau gestellte Harmonie zwischen den prominenten Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Sendung und ihren von der BBC angeheuerten professionellen Tanzpartnern verlor mit einem Schlag ihren Glanz, als bekannt wurde, dass mehrere der männlichen Profi-Tänzer ihre weiblichen Zöglinge in den Übungsstunden ruppig behandelt und sie schikaniert und eingeschüchtert hatten. Eine Kandidatin soll von einem der Tänzer sogar getreten worden sein.
Auch ein Ex-Profi steht in der Kritik
Intendant Davie blieb nach diesen Vorfällen nichts anderes übrig, als sich in aller Form zu entschuldigen. Neue Vorschriften und Kontrollen seien eingeführt worden, versicherte er. Zuvor war er bereits attackiert worden, weil der langjährige Starmoderator und Komiker Russell Brand sexueller Übergriffe beschuldigt wurde. Die Ermittlungen gegen ihn laufen noch.
Wiederholt heftige Kritik übte die britischen Konservativen und ihnen nahe stehende Medien auch am prominentesten Fußball-Moderator der BBC, Gary Lineker. Er positioniere sich politisch links, hieß es. Lineker hätten längst Grenzen gesetzt werden müssen. Immerhin überweist ihm die BBC 1,35 Millionen Pfund im Jahr. Ob sein Vertrag im kommenden Jahr verlängert wird, wagt niemand zu sagen.
All diese Probleme, mit denen sich die BBC diesen Sommer herumschlägt, verblassen freilich vor dem zentralen Problem, das die just 101 Jahre alte „Auntie“, die „Tante“, wie sei genannt wird, herumschlägt. Jüngsten Erhebungen zufolge kehrt nämlich ein immer größerer Teil der Bevölkerung dem Sender den Rücken. Allein im Vorjahr stellte eine halbe Million Briten die Zahlung der Rundfunkgebühr ein. Die Zahl der Haushalte, die jetzt noch die jährliche Gebühr von umgerechnet rund 200 Euro zu zahlen bereit ist, fiel auf unter 24 Millionen – und der Rückgang beschleunigt sich. Gerade jüngere Briten driften zu Alternativen wie Netflix und anderen Unterhaltungskanälen ab und beziehen ihre Informationen von anderswo.
Viele Briten kehren der BBC den Rücken
Nicht einmal mehr die Hälfte einer Bevölkerung, die sich früher einträchtig zu den Abendnachrichten der BBC vorm Bildschirm versammelte, schaut heute noch eine BBC-Nachrichtensendung pro Woche. 69 Prozent der Unter-16-Jährigen schalten an Wochentagen die BBC überhaupt nicht mehr ein. Nur die Älteren, die in einer Zeit geringeren Medien-Angebots aufgewachsen sind, haben der „Beeb“ die Treue gehalten.
Viele andere halten, zumal in einer Zeit hoher Lebenshaltungskosten auf der Insel, die Gebühr für untragbar – oder sehen keinen Grund, sie überhaupt noch zu bezahlen. Zehntausende von „Schwarzsehern“ werden zur Zeit strafrechtlich verfolgt. Generell diskutiert wird, ob die Gebührenpflicht durch andere Formen öffentlicher Finanzierung abgeschafft werden sollte. Intendant Davie zeigt sich prinzipiell offen für eine gewisse Kommerzialisierung der BBC.
Davie weiß, dass er mit der neuen Labour-Regierung nicht mehr so unter Druck steht wie bei den konservativen Regierungen der letzten 14 Jahre, die das Modell des öffentlichen Rundfunks in Frage stellten und regelmäßig von der Notwendigkeit einer Privatisierung der Anstalt sprachen.
Ein ganz schöner „Seufzer der Erleichterung“ sei im „Broadcasting House“ wohl zu hören gewesen, als Labour vor vier Wochen bei den Unterhauswahlen siegte, meint Professor Patrick Barwise von der London Business School: „Es mag ja bei Labour Leute geben, die die BBC für etwas rechtslastig halten.“ Anders als bei weiten Teilen der Konservativen Partei habe Labour aber mit der BBC „keine ideologischen Probleme“.
Was ihre finanzielle Basis betrifft, sieht sich die BBC aber weiter in beträchtlichen Schwierigkeiten. Nachdem sie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stetig wuchs, hat sie ihr Angebot in den letzten 25 Jahren erheblich reduzieren müssen. Allein seit Beginn der konservativen Ära im Jahr 2010 sind ihre Einnahmen um ein Drittel gesunken. – unter anderem wegen begrenzter Gebühren und der erzwungenen Übernahme der Kosten des BBC World Service, der früher vom Außenministerium finanziert worden war.
Tausende von Stellen hat die BBC, die heute noch knapp 22 000 Mitarbeiter hat, in der Folge streichen müssen. Etliche Programme wurden eingestellt. Weitere 500 Stellen sollen noch gestrichen werden, hat Tim Davie bereits angekündigt. Mehrere Programme, die dem Sender in der Vergangenheit wichtig waren, werden dem neuen Sparprogramm wohl zum Opfer fallen. Ungewiss bleibt die Zukunft der „alten Tante“ auf jeden Fall.