Ulrike Siegel und der alte Kramer-Schlepper K 15, mit dem sie groß geworden ist. Foto: Gottfried Stoppel

Die viele Arbeit, ewig an allem sparen, als hinterwäldlerisches Bauernkind verschrien und vom Lehrer morgens auf Stallgeruch beschnüffelt: Früher beneidete Ulrike Siegel die Schwalben auf dem elterlichen Hof,wenn sie im Spätsommer den Abflug machten. Heute ist sie stolz auf ihre Herkunft.

Brackenheim - Ulrike Siegel erblickte 1961 hinter zugezogenen Schlafzimmergardinen das Licht der Welt. Die Hebamme war mit ihrem Rad auf den Hof gefahren und hatte die Stube, wo die Bäuerin in den Wehen lag, zur Sperrzone für Männer erklärt. Auf den Äckern begann man damals, kurz nach den Eisheiligen, mit dem Stecken der Kartoffeln.

 

Ulrike Siegel wurde ein Bauernmädchen, das im warmen Schoß des heimischen Hofs heranwuchs. Am liebsten saß sie zur Stallzeit auf dem Stroh hinter den Kühen. Beim Melken erzählte die Mutter von früher. Oder sie sangen „Geh aus mein Herz und suche Freud“, alle 15 Strophen.

In der Jugend haderte sie mit ihrer Herkunft. Alles so altmodisch. Die Kleider, die sie trug: angesetzte Hosenbeine, gestopfte Socken. Und die viele Arbeit auf dem Hof: Großer Waschtag, Zuckerrübenernte und Traubenlese von Hand, Ferkel füttern, Kühe melken, Stall ausmisten, Holz holen, im Keller Kartoffeln für die Schweine abzupfen, Jauche-Rinnen putzen in den Schweinebuchten.

Das Wenige, das gekauft wurde, musste von bleibendem Wert sein. Ulrike und ihre drei Schwestern bewunderten die Mode im Witt-Weiden-Katalog. Für die Mutter kein Thema: „Wir können uns nicht leisten, billige Fetzen zu kaufen.“ Gute Bettwäsche war hingegen eine Wertanlage.

Genauso wie Silberbesteck für die Aussteuer. Über Jahre sparte Ulrike ihr wöchentliches Taschengeld von einer Mark für das 72-teilige WMF-Besteck „Rom“. 21 Wochen für ein Messer, sieben für ein Kaffeelöffele. Wenn es wieder für ein Teil reichte, radelten die Geschwister nach Brackenheim zum Juwelier Gerst.

An allem wurde gespart. Ulrikes Freundinnen schwammen mit neuen Badeanzügen im Freibad. Sie saß mit geblümter Unterhose im angestauten Bach. Butter gab es nur an Sonntagen. Warmes Wasser nur an Samstagen. Dann färbte dunkelgrünes Fichtennadelschaumbad das Badewasser. Der Duft begleitete die Familie den ganzen Abend, bis alle darin gebadet hatten, dem Alter nach aufsteigend.

Milchvieh, Schweinemast, Zuckerrüben, Weinbau

Urike Siegel wurde Landwirtin. 24 Jahre war sie im Vorstand des Evangelischen Bauernwerks Württemberg. Sie veröffentlichte Lebensgeschichten von Bauerntöchtern und Bauernsöhnen – ihre eigene eingeschlossen. Sie warf ein Licht auf Frauen, die in Höfe eingeheiratet haben und ließ Bäuerinnen erzählen, die dem Landleben für immer den Rücken kehrten.

1965 tauschten Ulrike Siegels Eltern die räumliche Not der alten Hofstelle in Botenheim gegen die finanzielle Enge auf dem neu gebauten Aussiedlerhof unweit des Dorfs. Für den damaligen EG-Agrarkommissar gehörte der Siegel-Hof schon zu Millionen von Betrieben, die besser aufgeben sollten, um den größeren das Überleben zu erleichtern. Doch im Südwesten, wo jeder seine verstreuten Äckerle und Wiesle hatte, war das so abwegig, dass man den guten Mann ja gar nicht ernst nehmen konnte. Zur Druckerei Kohl oder Nähgarnfabrik Amann schaffen gehen, wie andere Jungbauern im Dorf? Undenkbar für die Siegels.

Sie haben gut gewirtschaftet. Auch wegen ihrer breiten Palette blieben sie lange obenauf: Milchvieh, eigene Nachzucht, Bullenmast, Schweinemast, Getreidebau, Zuckerrüben, Weinbau. „Heute wäre das nicht mehr möglich“, sagt Ulrike Siegel.

Omas Nachttopf

Sie kommt aus einer Zeit, die es nicht mehr gibt und die nicht mehr wiederkehrt. Aber sie kann sie lebendig halten und festhalten in Erinnerungen.

Bei Oma zu schlafen war schön. Das große Kissen, in das man versank. Die Decke, dick und schwer. Der leichte Modergeruch. Der Nachttopf unter dem Bett, den Oma morgens in die Dachrinne entleerte. Danach stellte sie in der Küche eine Emailleschüssel auf den Terrazzospülstein und wusch sich mit einem Waschlappen Gesicht und Hals.

Auf Omas Tischecke lagen der Hundertjährige Bauernkalender und das Kirchenblättle. Mit einem Blick durchs Küchenfenster sah sie auf die Raiffeisenbank samt Lagerhaus. Ihr entging nichts.

Ihr Schürzenzipfel war berüchtigt. Ein Allzweckwerkzeug, mit dem sie Brösel vom Tisch streifte, Bleche aus dem Ofen holte und die Rotznasen der Enkel putzte.

Kinderbilder gibt es wenig. Nur eins von Ulrikes Einschulung. Mit leerer Schultüte. Der Fotograf hatte sie mitgebracht, damit der Bauernnachwuchs nicht ganz so armselig vor der Kamera stand.

Auf gute Noten wurde daheim kein gesteigerter Wert gelegt. Klassenarbeiten unterschrieb die Mutter, für das Zeugnis war der Vater zuständig. Vorher übte er auf dem Rand der untergelegten Zeitung, damit es auch ordentlich wurde.

An den Holzsäger erinnert sich Ulrike Siegel noch. Der kam im Spätsommer mit seinem roten Cormick angetuckert, stellte das Standgas hoch und ließ die angehängte Kreissäge sich warmschreien. Erst in der Kühlpause für das Sägeblatt konnten erste Worte gewechselt werden: Über das Wetter, die Ernte, die Holzausbeute.

Alles drehte sich um die Arbeit. „Auf unserem Rasen stand nie ein Liegestuhl“, erzählt Ulrike Siegel. Keine Zeit zum Rumfaulenzen. Wenn das einer gesehen hätte. . . Ulrike Siegel ist manchmal mit Landfrauen unterwegs, die erzählen ihr dann: „Wenn ich mich mal tagsüber aufs Sofa lege, und es kommt einer ins Zimmer, gibt es zwei mögliche Fragen: ,Wia bisch krank?’ oder ,Wia hasch nix zom Schaffa?“

Als Jugendliche hat sie die Stallschwalben beneidet. Sie konnten aufbrechen und was ganz anderes sehen. Ulrike blieb. Sie war dabei, als der Babybulle mit zwei Stricken auf die Welt gezogen wurde, Ulrikes Mutter ihn mit Strohbüscheln trocken rieb, ihren Daumen in frisch gemolkene Biestmilch tauchte und dem Kalb unter gutem Zureden eine erste Stärkung anbot.

Ulrike war dabei, als man den Fendt-Geräteträger mit Zapfwelle und Ladepritsche über der Vorderachse anschaffte. Mit ihm fuhr man auch zur Weihnachtsmesse, zum Elternabend und mittwochs zur Kirchenchorprobe, das einzige Vergnügen, das sich die Eltern leisteten.

Randständige Bauern

Sie wuchs in einer Zeit des Umbruchs. Industrie überzog das Musterländle. Gewerbegebiete und Neubausiedlungen schossen aus dem Boden. „Damals wurden die Bauern randständig, und die Stadt erhob sich mit Arroganz über das Land“, sagt sie. Der Lehrer prüfte jeden Morgen, welche Schüler nach Mist stanken oder dreckige Fingernägel hatten. Es erwischte natürlich nur Bauernkinder. Sie mussten nach Hause gehen und sich waschen. Ulrike bestand die Probe immer. Geschämt hat sie sich trotzdem.

„Bei meiner Mutter in der Grundschule waren die Bauernkinder noch weit in der Mehrheit. Ich gehörte schon zur hinterwäldlerischen Minderheit“, sagt Ulrike Siegel. Schulkameradinnen lebten in Einfamilienhäusern mit blitzenden Einbauküchen. Da roch nichts. Bei ihr daheim klebten ausgewaschene Gefriertüten an gelben Wandfliesen. Was vom Mittagessen übrig blieb, kühlte in Töpfen ab, wurde weiterverarbeitet und erst, wenn es ungenießbar war, in den Saueimer gekippt. Milchreste säuerten vor sich hin und kamen als Luggeleskäs wieder auf den Tisch.

Freundinnen guckten „Catweazle“ und „Bugs Bunny“ im Fernsehen. Bei Siegels hörte man Landfunk auf dem alten Grundig-Radio. Vor neun kamen die Eltern selten aus dem Stall. Meistens schliefen sie dann schon beim Abendessen ein.

Schulkameraden standen nach den Ferien vor der Landkarte und zeigten, wo sie im Urlaub waren. Einer hatte sogar den Vulkan Ätna gesehen. Ulrikes Urlaubsfahrt ging nicht so weit, war aber auch arg schön: Mit der Zabergäubahn bis zur Endstation nach Leonbronn. Dort gab es in der Bahnhofswirtschaft panierte Schnitzel mit Pommes frites und Cola. Als Nachtisch durften die Kinder noch ein Eis aus der Langnese-Gefriertruhe nehmen. Auf dem Nachhauseweg aßen die Eltern und die Oma ihre mitgebrachten schrumpeligen Äpfel aus dem Rucksack.

Die Lehre auf dem elterlichen Hof

Der Bauer kam nicht von seinem Hof fort, das Vieh nicht aus seiner engen Stallbucht raus. „Mittlerweile ist so eine Tierhaltung zurecht verpönt. Damals dachte sich keiner was dabei“, sagt Ulrike Siegel. „Man darf nicht mit dem heutigen Blick über die Vergangenheit richten.“

Vielleicht hätte sie Industriekaufmann gelernt. Aber dann wurde die Mutter krank, und die Beraterin vom Landwirtschaftsamt riet Ulrike, auf dem elterlichen Hof eine Lehre als „Hauswirtschafterin in einem ländlichen Betrieb“ anzufangen. So ist sie nach der Schule „dahoim blieba“, wie man sagte. Die Mutter starb mit 47.

Es folgte ein Jahr auf einem Gemüsebaubetrieb in Schwaigern. Eine Erfahrung, die ihre Liebe zum Beruf („der vielseitigste der Welt“) erst richtig erblühen ließ. Sie wurde Hauswirtschaftsmeisterin und dann noch Landwirtschaftsmeisterin.

Als eine ihrer Schwestern den Hof übernahm, sah Ulrike Siegel die Chance, ihren Traum zu verwirklichen. Mit 30 holte sie die Fachhochschulreife nach und studierte Landwirtschaft in Nürtingen. Ein bisschen tat sie es auch für ihre Mutter, die so gern auf eine höhere Schule gegangen wäre. Der Lehrer hatte die Eltern damals darum gebeten. Nichts zu machen.

Ulrike Siegel heiratete 1994. Die Tochter war acht Wochen, der Sohn vier Jahre alt, als ihr Mann starb. So beschloss sie, mit den Kindern wieder auf den elterlichen Hof zu ziehen. Ihre Schwester und ihr Mann spezialisierten den Betrieb auf Wein- und Ackerbau. „Die Spirale des Wachsens oder Weichens zwang sie dazu“, sagt Ulrike Siegel. Dem Vater blutete das Herz, als die Kühe den Stall verließen, eine nach der anderen. Die letzten zwei blieben ihm noch eine Weile für den eigenen Milchbedarf und den der Nachbarn. Aber irgendwann waren auch die Plätze dieser „Kaba-Kühe“ verwaist. Der Vater wurde 65. So lange er konnte, schaffte er noch im Wengert. Manchmal machte er eine Ausfahrt mit dem Kirchenchor.

Gemüsegärten in ecuadorianischen Mangrovenwäldern

Ulrike Siegel hat, wie die Stallschwalben, die Welt gesehen. Sie legte als junge Landwirtin Gemüsegärten in ecuadorianischen Mangrovenwäldern an, sie war für „Brot für die Welt“ in Burkina Faso, an der Südspitze Indiens pflanzte sie Kokospalmen. Sie ist immer noch viel unterwegs als Referentin. Auf den Zugreisen, wenn die Landschaften so an ihr vorüberziehen, guckt sie immer, ob es genug geregnet hat. Und wundert sich, dass man von Würzburg nach Hannover fahren kann, ohne einen einzigen Bauern zu sehen. Manchmal fragt sie sich: Ist ihre Welt wirklich größer als die Welt ihrer Oma, die nie woanders als daheim geschlafen hat? „Ich glaube nicht. Meine Oma wusste alles.“

Sie lebt mit ihrem Partner, einem Archäologen, in einem hübschen Einfamilienhaus in einer gepflegten Siedlung wenige Kilometer vom alten Hof entfernt. Ihr Sohn studiert Steuerwesen, ihre Tochter wird Tourismusmanagerin. „Ich habe mir für meine Kinder immer gewünscht, dass sie nicht so viel arbeiten müssen, dass sie Instrumente spielen und Sprachen lernen können“, sagt Ulrike Siegel. Ob die beiden eine bessere Kindheit hatten? „Wahrscheinlich nicht.“

Sie ist stolz darauf, eine Bauerntochter zu sein. „Den sparsamen Umgang mit Ressourcen sog ich mit der Muttermilch auf, das gibt mir heute innere Sicherheit“. Wenn sie ins Wohnzimmer geht, macht sie in der Küche natürlich das Licht aus. Lebensmittel verderben zu lassen ist ihr eine Horrorvorstellung. Sie wäscht ihre Gefriertüten aus und verwendet sie wieder. Ihr Silberbesteck hält sie immer noch in Ehren, es kommt nur bei besonderen Anlässen auf den Tisch. „Manchmal höre ich noch meine Mutter, wie sie uns davor warnt, kurzlebigen Ramsch zu kaufen“, sagt Ulrike Siegel. „Und ich sehe meinen Vater, wie er über seinen Hof geht und sich nach einem Weizenkorn bückt. Dafür achte ich meine Eltern bis heute.“

Buch: „Stallschwalben“ von Ulrike Siegel (192 Seiten, 14 Euro) ist erschienen im Landwirtschaftsverlag, Münster.