Jahrelang verfiel ein wichtiger Ort württembergischer Historie im Norden Israels vor sich hin. Nun wurde das Archiv von Shavei Zion mit Geldern des Landes renoviert. Es erzählt die einzigartige Geschichte, wie Schwarzwälder Juden in Palästina ein neues Dorf gründeten.
Rexingen/Shavei Zion/Stuttgart - Wie sie da so steht mit Schürze, Dutt und Besen, könnte Marie Wälder auch gerade Kehrwoche vor ihrem Haus in Rexingen machen. Aber das Schwarz-Weiß-Foto zeigt die einstige Wirtin des Gasthofs Rose nicht in ihrer alten schwäbischen Heimat, sondern im Dorf Shavei Zion im heutigen Israel. Dorthin war Marie Wälder 1938 mit ihrem Mann Leopold und anderen Rexinger Juden vor den Nationalsozialisten geflohen. Das Bild ist nur eines von Tausenden wertvollen Dokumenten, die im Dorfarchiv liegen und dank einer umfangreichen Sanierung des baufälligen Gebäudes – maßgeblich finanziert mit Geldern des Landes Baden-Württemberg – nun auch bewahrt bleiben.
Es ist ein einzigartiges Stück baden-württembergischer Geschichte, das dort, im Norden Israels, zwischen Palmen und Bougainvillea-Sträuchern lagert: Rexingen – heute ein Teil der Kreisstadt Horb – war einst eine der größten jüdischen Landgemeinden in Württemberg, knapp 40 Prozent der Bevölkerung war jüdischen Glaubens. Rexinger Juden kämpfen im Ersten Weltkrieg, dienten in der örtlichen Feuerwehr, waren Viehhändler, Gastwirte, Geschäftsinhaber. Noch heute erzählen der jüdische Friedhof und die ehemalige Synagoge von ihrer jahrhundertelangen prägenden Präsenz in dem Ort.
Familien aus ganz Baden-Württemberg schlossen sich an
Aber nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurden die Einschränkungen für die jüdischen Familien immer größer, die Lage bedrohlicher. 1938 wanderten deshalb etliche von ihnen gemeinsam ins damalige britische Mandatsgebiet Palästina aus. Es ist die einzige bekannte Gruppenauswanderung deutscher Juden zu dieser Zeit. Den Rexinger Familien, die per Schiff ins Gelobte Land aufbrachen, schlossen sich andere aus ganz Baden-Württemberg an, etwa aus Baisingen, Freudental, Ludwigsburg, Stuttgart, Ravensburg und Mannheim. Gemeinsam gründeten sie das genossenschaftliche Dorf Shavei Zion (Rückkehr nach Zion), das heute Partnergemeinde der Landeshauptstadt Stuttgart ist.
Einer, der von dieser ersten Zeit auf dem staubigen Boden Galiläas erzählen kann, ist Amos Fröhlich. Mit seinen Eltern Elise und Julius und drei Geschwistern kam er im September 1938 von Tuttlingen nach Shavei Zion, wo er bis heute lebt. Wer Amos Fröhlich anruft, wird noch heute in schönstem Dialekt begrüßt („Wir schwätzen hier Schwäbisch“). Wie „Diebe in der Nacht“ hätten sie ihr Zuhause, den Viehhandel des Vaters in Tuttlingen verlassen, erinnert sich Fröhlich, über Zürich und Triest gelangten sie mit dem Schiff nach Haifa.
Erstes Erlebnis: das Neujahrsfest
Shavei Zion, das auf einem vom Jüdischen Nationalfonds gekauften Gelände entstand, bestand nur aus einem Turm, einer Mauer und ein paar Baracken. Das erste Kindheitserlebnis in der neuen Heimat für den heute 91-jährigen Fröhlich: Rosh Hashana, das jüdische Neujahrsfest. „Ich erinnere mich an das Gefühl, das ich hatte, an diesem besonderen neuen Platz sein zu dürfen“, schreibt Fröhlich in seinen Lebenserinnerungen. Mitten im Gebet habe es stark zu regnen begonnen. „Der erste Regen, der über Shavei Zion niederging.“ Aber auch an die Kämpfe zwischen der arabischen Bevölkerung und den jüdischen Neuankömmlingen erinnert er, weshalb das Dorf von Mauern und Türmen umgeben war.
Die Bilder, die Amos Fröhlich in seinem Kopf hat, sind für die Nachgeborenen im Archiv des Dorfes erhalten und stehen auch für ein Stück zionistischer Geschichte. Wie die Schwaben Baracken aus Holz errichten, wie sie an langen Tischen unter freiem Himmel essen und trinken. Wie sie Hühner füttern und Wäsche waschen, wie weitere Häuser entstehen, Kinder in die Schule gehen, Landwirtschaft betrieben wird – das alles ist auf Fotos dokumentiert. Und in den Kisten, Mappen und Ordnern lagern die Schriftstücke dazu, die bis in die 60er Jahre selbstverständlich auf Deutsch verfasst wurden.
Theodor Heuss kommt zu Besuch
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden die Bande nach Deutschland wieder stärker, etwa zum Stuttgarter Bürgermeister Arnulf Klett und zum ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss, der ein guter Freund von Shavei Zions Bürgermeister Manfred Scheurer war. Und schließlich gehörte der Begründer des Stuttgarter Lehrhauses, der Cannstatter Unternehmer und Schriftsteller Leopold Marx, zu den Siedlern.
Auch Amos Fröhlich hat die Verbindung zu Deutschland wieder aufgenommen. In München hat er Tiermedizin studiert. Regelmäßig haben er und seine Familie Tuttlingen und Rexingen besucht, wo Fröhlichs Vater herstammte. Überhaupt ist der Austausch zwischen dem schwäbischen und dem israelischen Dorf intensiv. Schüler aus beiden Ländern reisten schon hin und her, über die Grenzen hinweg entstanden gemeinsame Buch- und Ausstellungsprojekte.
In Rexingen kannte man deshalb den schlechten Zustand des Archivs. Lange sei das Gebäude verfallen, sagt Heinz Högerle vom Verein Ehemalige Synagoge Rexingen. Wände und Dach waren marode, der angebaute Wachturm drohte einzustürzen, Feuchtigkeit drang ungehindert ein. Es gab zu wenige Regale und Ablagetische, die alte Klimaanlage musste erneuert werden. „In Israel hat fast jedes Dorf eine dramatische Entstehungsgeschichte. Der Staat kann deshalb nur begrenzt Mittel für Sanierungsprojekte zur Verfügung stellen“, sagt Högerle.
Eine Geschichte der Selbstbehauptung
Sein Verein hat deshalb 15 000 Euro zur Verfügung gestellt. Den Großteil der Kosten deckte aber mit 50 000 Euro das Land Baden-Württemberg. Für Landtagspräsidentin Muhterem Aras ist das nur logisch: Kein anderes Archiv in Israel sei so eng mit der Geschichte des Südwestens verflochten wie jenes in Shavei Zion, sagt sie. 2019 hat sie das Dorf zusammen mit anderen Abgeordneten besucht, wurde von Amos Fröhlich übers Gelände geführt. „Shavei Zion ist für mich eine Geschichte der Selbstbehauptung und eine Geschichte der Hoffnung“, sagt Aras.
Aber auch, wenn das Dach jetzt dicht, der Raum klimatisiert ist – abgeschlossen ist die Transformation in die Zukunft deshalb noch lange nicht. „Die Dokumente müssen jetzt dringend digitalisiert werden, damit sie auch von Deutschland aus zugänglich sind“, sagt Heinz Högerle. Dazu braucht Shavei Zions Archivarin Judy Temime unter anderem einen A3-Scanner. Kosten, für die das Stuttgarter Lehrhaus aufkommen will.
Zugezogene haben Wurzeln woanders
Wichtig ist die Bewahrung der Vergangenheit auch, weil sich das Dorf selbst längst verändert hat. Die Gründergeneration ist gestorben, deren Kinder sind hochbetagt. Für die nächsten Generationen rückt die ursprüngliche Heimat Schwaben immer weiter weg. Außerdem hat sich die Dorfgemeinde verändert, viele Zugezogene haben Wurzeln in anderen Teilen der Welt. Um ihnen die Historie ihres Wohnortes näherzubringen, muss das Archiv erlebbar werden. Archivarin Judy Temime verschickt jeden Schabbat einen Newsletter. Ein Anfang.
Amos Fröhlich sagt, dass er sich als junger Mann wenig für die Geschichten seiner Eltern interessiert habe. „Wir wollten von ganz vorne anfangen, in einem neuen Land, in unserem Land Israel“, sagt Fröhlich. Aber die nächste Generation, seine Kinder und Enkel, hätte irgendwann begonnen, Fragen zu stellen. Amos Fröhlich hat deshalb vor ein paar Jahren seine Geschichte und die Shavei Zions aufgeschrieben. Dabei hat auch ihm, dem Zeitzeugen, das Dorfarchiv geholfen, wo er all das fand, was die Zeit aus seinem Gedächtnis gelöscht hatte.