Vorstandsvorsitzender André Guzzardo weiß, dass viele Menschen erst spät auf den sozialen Bereich aufmerksam werden. Foto: Hoffmann

Als Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung bietet das Diasporahaus Bietenhausen ein duales Studium und Ausbildungen zum Sozialpädagogen oder Erzieher an. Einrichtungsleiter André Guzzardo berichtet vom herausfordernden Berufsalltag der Betreuer.

Was haben Sozialpädagogen und Erzieher im Diasporahaus Bietenhausen gemeinsam? Sie sind belastbar. Das ist nämlich die Grundvoraussetzung für die Arbeit in der Kinder- und Jugendhilfe, wie André Guzzardo, Vorstandsvorsitzender und Leiter der Einrichtung, erklärt.

 

Mit seinen 450 Mitarbeitern in Verwaltung, mobilen Diensten sowie in Tages- und Wohngruppen leistet das Diasporahaus alle Hilfen zur Erziehung. Kinder und Jugendliche, die nicht auf eine öffentliche Schule gehen können, werden im „Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrum“ – kurz SBBZ – unterrichtet und 17-Jährige können in der einrichtungseigenen Fahrschule seit einiger Zeit ihren Führerschein machen.

Im Studium drei Monate nach Nepal

Wer als Betreuer beim Diasporahaus arbeiten möchte, der kann dort ein duales Studium in Sozialpädagogik absolvieren – inklusive dreimonatigem Praktikum in Nepal – oder sich zum Erzieher ausbilden lassen. Für Berufsfremde mit einer bereits abgeschlossenen Ausbildung oder einem Studienabschluss, die bereits in ihrem Beruf gearbeitet haben, bietet das Diasporahaus neuerdings etwas ganz Besonderes an: Bei einem Nettoverdienst von rund 1700 Euro kann man ebenfalls eine dreijährige Erzieherausbildung machen.

„Die Tätigkeit ist sinnstiftend“

Warum dies für viele Menschen eine gute Option sein kann, weiß André Guzzardo: Vielen sei unbekannt, dass Erzieher nicht nur in Kindergärten arbeiten – irgendwann würden sie dann auf den sozialen Bereich aufmerksam werden und verstehen, dass sie dort glücklicher sein könnten. Für ihn selbst sei sein jetziger Beruf ebenso wenig der erste – aber der liebste, denn: „Die Tätigkeit ist sinnstiftend.“ Der Einrichtungsleiter erzählt von der großen eigenen Entwicklung von Menschen mit sozialem Beruf, schließlich käme ständig Feedback von den Kindern und Jugendlichen – „egal in welche Richtung“. Kern der Arbeit von Sozialpädagogen und Erziehern sei Konfliktlösung, heißt es von Guzzardo. Das fange bereits beim Schuheausziehen an und reiche bis hin zu Kindern und Jugendlichen, die scheinbar grundlos ausrasten. Dann fange das „Detektivspiel“ jedoch erst richtig an, sagt der Vorstandsvorsitzende, denn: „Kinder und Jugendliche haben einen guten Grund, warum sie sich so verhalten, auch wenn es unerwünscht ist.“ Statt Sanktionen zu verhängen besteht die Aufgabe der Betreuer in solch einem Fall dann darin, dem Betroffenen einen sicheren Ort zu bieten.

In kleinen Klassen werden Kinder und Jugendliche im SBBZ unterrichtet. Foto: Hoffmann

Aus dem Alltag der Tages- und Wohngruppen berichtet André Guzzardo weiter, dass viele Minderjährige sich selbst regulieren, wenn sie unruhig oder emotional überlastet sind. Scheitert ein solcher Versuch aber, rasten viele Jugendliche irgendwann aus.

Betreuer sind kein Elternersatz

So etwas müsse dann zusammen mit dem Betreuer nachbearbeitet werden – in den Wohngruppen sei genau dafür Zeit: „Das ist unser Handwerkszeug: Gespräche führen.“ Was Betreuer außerdem beachten müssen? Viele der Kinder und Jugendlichen im Diasporahaus sind laut André Guzzardo traumatisiert, weshalb die Betreuer auch in „Traumapädagogik“ geschult werden und über Fachwissen über Prozesse im Gehirn verfügen müssen.

Zwar sei man als Betreuer kein Elternersatz, doch müsse man den Kindern ein Bindungsangebot machen: „Das Kind ist bedürftig und ich muss das wissen“, so der Einrichtungsleiter. „Die Kinder wollen wissen, dass wir für sie da sind, auch wenn es brenzlig wird.“ Deshalb habe jedes Kind eine Art Bezugsbetreuer, auch wenn die Pädagogen und Erzieher stets zu zweit im Dienst seien. So könne ein Betreuer im Zweifel an seinen Kollegen weiterverweisen, wenn er einem Kind oder Jugendlichen nicht selbst helfen könne, berichtet Guzzardo. Er betont: „Wichtig ist erstmal zu sehen, dass jemand in Not ist.“

Betreuer werden auch nach der Ausbildung unterstützt

Auch das – als Betreuer Glaubwürdigkeit und Stärke zu vermitteln – lernen angehende Betreuer in der Ausbildung. Doch auch danach werden die Mitarbeiter durch Supervision, Intervisionsgruppen und kollegiale Teams unterstützt, so erzählt es der Leiter des Diasporahauses.

Die Einrichtung bietet Beratungen für Berufsinteressierte an, ein Freiwilliges Soziales Jahr oder Bundesfreiwilligendienst kann ebenso absolviert werden.