Angststörungen werden heute häufiger diagnostiziert als vor zehn Jahren. Was können Betroffene tun?
Herzrasen, zitternde Knie, schweißnasse Hände, Atemnot: Wenn einen die Angst überfällt, ist das alles andere als angenehm. Trotzdem ist das beklemmende Gefühl urmenschlich und sogar wichtig – als Schutzmechanismus. Bemerken unsere Sinne eine bedrohliche Situation, schaltet das Hirn in den Alarmmodus, auch damit wir schnell reagieren können. Das war bereits bei unseren Urahnen so.
Angst warnt uns also vor Gefahr, mahnt zur Vorsicht und gehört somit zum Leben. Doch zuweilen ist Angst auch unbegründet; sie kann sogar krank machen. Neben Depressionen zählen Angststörungen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen in Deutschland.
Was sind Angststörungen?
Krieg, der Verlust eines geliebten Menschen, der Klimawandel – all das macht den Deutschen derzeit am meisten Kummer, wie im März eine Forsa-Umfrage im Auftrag der Gothaer Versicherungen ergeben hat. Sorgen, Anspannung und Unsicherheiten gehören im Leben aber immer mal wieder dazu. Das ist völlig normal.
Bei manchen können sich angstvolle Gedanken, etwa die Furcht vor Verlust oder Versagen, aber festsetzen. Kritisch wird es, wenn die Alarmanlage plötzlich auch in Situationen anspringt, die eigentlich harmlos sind. Dann kann die Angst mehr und mehr den Alltag bestimmen und das Leben schließlich fast unerträglich machen.
Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) sind in Deutschland etwa 15 Prozent der Bevölkerung im Lauf ihres Lebens mindestens einmal von einer behandlungsbedürftigen Angststörung betroffen, sprich: gut zwölf Millionen Menschen. Frauen erkranken deutlich häufiger als Männer. Experten vermuten hormonelle Schwankungen als Ursache. Zudem reagieren Frauen meist empfindlicher auf Stress. Allerdings haben Männer in Sachen psychische Erkrankungen während der Pandemie aufgeholt, wie Studien ergeben haben.
Es gibt unterschiedliche Formen von Angststörungen, zu den wichtigsten gehören nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für psychosomatische Medizin und ärztliche Psychotherapie (DGPM) die Panikstörung, zu der etwa die Angst vor Menschenmassen zählt, die generalisierte Angststörung, die soziale Angststörung sowie spezifische Phobien, etwa vor Spinnen, Höhe oder Spritzen.
Angststörungen – typische Symptome
Herzrasen, Zittern, Ruhelosigkeit und Schweißausbrüche gehören zu den typischen körperlichen Symptomen. Dazu können Schwindelgefühle, verschwommenes Sehen, Atemnot und Übelkeit kommen. Betroffene klagen zudem häufig über extremen Druck auf der Brust. Auf der seelischen Ebene entstehen daraus Gefühle wie Stress und Panik, oftmals erlebt als Hilflosigkeit, Kontrollverlust, Todesangst. Bestimmende Gedanken sind dann: „Ich kann nicht mehr!“, „Ich drehe durch!“, „Das ist das Ende!“.
Betroffene sorgen sich dabei permanent, um den Partner, die Kinder, den Job, das Geld. Selbst Alltagsprobleme wie eine defekte Glühbirne können sie als Katastrophe empfinden. Hellhörig sollte man also werden, wenn die Angst unverhältnismäßig oft und lang anhaltend auftritt – und um Dinge kreist, die in Wahrheit eher harmlos sind. Manchmal merken die Betroffenen jedoch gar nicht, dass Ängste hinter ihren Problemen stecken, sondern vermuten körperliche Ursachen, etwa einen Herzinfarkt.
Viele Patienten versuchen, künftige (vermeintliche) Bedrohungssituationen zu umgehen, statt sich damit auseinanderzusetzen. Dadurch entsteht häufig ein Teufelskreis. Und es kommt auch noch Angst vor der Angst hinzu. Im Extremfall kappen Betroffene ihre sozialen Kontakte, verlassen kaum noch das Haus, werden von ihren Ängsten dominiert und gequält.
Wie Angststörungen diagnostiziert werden
Wer wieder ohne Einschränkungen leben will, muss sich laut Experten seinen Ängsten stellen. Voraussetzung hierfür ist, dass man selbst erkennt: „Ich habe ein Problem.“ Ist dieser erste Schritt getan, wendet man sich am besten an den Hausarzt, der auch abklären kann, ob tatsächlich keine körperlichen Erkrankungen vorliegen – oder gleich an einen Psychiater oder Psychotherapeuten. Eine Diagnose erfordert aber Offenheit auf Patientenseite und Fingerspitzengefühl auf der Arztseite.
Therapie – was hilft gegen Angststörungen?
Angststörungen sind nach Angaben von Experten recht gut zu behandeln. Laut Studien helfen unter anderem die kognitive Verhaltenstherapie und die Behandlung mit Antidepressiva. „Diese beiden Therapien stehen als Empfehlungen an erster Stelle“, sagt der Göttinger Psychiater, Neurologe und Angstforscher Borwin Bandelow. In der Verhaltenstherapie können Verhaltensmuster erkannt, die damit verbundenen Gefühle und Ängste eingeordnet und durch Übungen verändert werden. Je früher die Behandlung beginnt, umso besser sind die Aussichten auf eine Heilung.
Prävention gegen Angststörungen
Es gibt nicht nur eine einzige Ursache für Angsterkrankungen. Zu möglichen Entstehungsfaktoren können Dauerstress, einschneidende Ereignisse wie die Trennung vom Partner oder der Tod eines Angehörigen gehören. Zudem liegt häufig eine genetische Disposition vor: Wer direkte Verwandte mit Phobien hat, hat selbst ein höheres Risiko, zu erkranken.
Man kann aber etwas tun, um nicht in eine Spirale aus Angst zu rutschen: etwa zum Stressabbau regelmäßig Sport treiben, Entspannungsübungen machen, genügend schlafen, sich Auszeiten nehmen. Auch ein Tagebuch kann helfen, da man sich so seiner Gefühle bewusster wird. Überhaupt sollte man seiner Angst nicht ausweichen, sondern sie annehmen und versuchen, sie nach und nach zu überwinden. Zudem schützen positive Gedanken, mit denen man auch negative Erfahrungen und Bilder im Kopf löschen kann – und nicht zuletzt offene Gespräche mit Menschen, die einem nahestehen.