Timo Baumgartl ist der berühmteste Spieler des DFB-Stützpunktes des früheren Bezirks Böblingen/Calw. Er spielte für den VfB Stuttgart und ist aktuell bei St. Louis City in den USA unter Vertrag. Foto: Eibner-Pressefoto/Harry Langer

Am Samstag wird am weiterhin für den Kreis Calw zuständigen DFB-Stützpunkt Gärtringen ein neuer Jahrgang aufgenommen. Darunter war einst auch Timo Baumgartl.

Wie viel Power im DFB-Stützpunkt Gärtringen steckt, bewies er im Januar beim U14-Hallenturnier des TSV Haiterbach. Dort ließ die Talentschmiede des früheren Fußballbezirks Böblingen/Calw, der vor zwei Jahren im Rahmen der WFV-Reform zerteilt wurde, in der Vorrunde unter anderem Schalke 04 und den SV Sandhausen hinter sich. Auch die Zwischenrunde gewann der Gärtringer Stützpunkt – vor dem Karlsruher SC, der TSG Hoffenheim und dem FC St. Gallen. Am Ende wurde er Achter in Haiterbach.

 

Dass der aktuelle älteste Jahrgang des Gärtringer Stützpunkt besonders stark ist, weiß auch Jochen Hirneise. Der Herrenberger ist seit 22 Jahren am Stützpunkt des früheren Bezirks Böblingen/Calw und damit der dienstälteste der fünf Trainer. Vier Jahrgänge werden dort immer ausgebildet. In den ersten beiden Jahrgängen (U12 und U13) sind es meist jeweils 20 Spieler, die zum Kader gehören. Dann wird gesiebt. Dem dritten Jahrgang (U14) gehören meist nur noch etwa 15 Spieler an, im vierten Jahrgang (U15) sind es 12. Der aktuellen U15 gehören in Gärtringen jedoch immer noch 18 Spieler an – eine absolute Ausnahme. „Ein wirklich starker Jahrgang“, unterstreicht Hirneise.

Landesliga-Grundgerüst

Die DFB-Stützpunkte wurden vor rund 25 Jahren ins Leben gerufen, um besonders talentierte Jugendfußballer gezielt zu fördern. Im Idealfall schaffen sie von dort den Sprung in eine der 21 deutschen Landesauswahlen und in ein Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) der Profivereine. 22 dieser Stützpunkte gibt es in Württemberg. „Den Spieler auf die nächste Ebene bringen“, erklärt Hirneise das Ziel, zeigt aber auch auf: „Wir stärken damit ebenso den Amateurbereich. Die früheren Stützpunkt-Spieler stellen meist das Grundgerüst der Landesligisten. Wenn ich zu einem Landesliga-Spiel gehe, kenne ich die Hälfte der Spieler, weil die einst bei mir am Stützpunkt waren.“

Vor der WFV-Reform, als es noch 16 statt heute 12 Bezirke gab, besaß jeder Bezirk zwischen ein und zwei Stützpunkte. Der Stützpunkt des alten Bezirks Böblingen/Calw hatte und hat keinen festen Standort. Er war mal in Sindelfingen, mal in Nagold, mal in Oberschwandorf, inzwischen ist er – wieder – in Gärtringen. Hirneise: „Wir gehen immer dorthin, wo die Vereine Kapazitäten für uns haben. Ansonsten müssen wir weiterziehen.“

Tore nicht entscheidend

Zwei Wege gibt es, wie ein Jugendspieler an einem Stützpunkt aufgenommen werden kann: Zum einen machen die Vereinstrainer Vorschläge, zum anderen schauen sich Hirneise und die anderen vier Stützpunkt-Trainer Spiele von Spielern an, die auf sich aufmerksam gemacht haben. Doch wie erkennt man einen Ausnahmespieler? Hirneise schaut genau hin, wie sich ein Spieler auf dem Platz verhält, wie er Situationen in Bedrängnis löst, ob er auch mit nach hinten geht. „Es ist nicht entscheidend, wie viele Tore er schießt“, verdeutlicht der Stützpunkt-Trainer.

Immer montags findet für die ausgewählten Jugendspieler dann das Stützpunkt-Training statt. Das hat natürlich eine andere Ausrichtung im Verein. Beispielsweise Kondition wird in Gärtringen überhaupt nicht gepaukt. Die genauen Trainingsformen gibt der DFB vor. Momentan steht besonders das Spiel auf Kleinstfeldern mit drei gegen drei oder vier gegen vier Spieler im Vordergrund. „Wir legen großen Wert auf Tempo. Und das ist auch ein ganz anderes Trainingsniveau, weil ja die besten aus der Region zusammenkommen“, zeigt Hirneise auf. Auch müssen sich die Spieler an eine neue Situation gewöhnen: „Die kommen zu uns gehypt, weil sie in ihrem Verein der beste Spieler sind. Bei uns ist das nicht so. Da sind nur gute Spieler. Damit muss jedes einzelne Talent erst einmal klarkommen.“

Klar ist auch: Jeden Montag muss abgeliefert werden. „Die Tür geht nach innen und außen auf“, unterstreicht Hirneise. Neue Talente können auch während der Saison zum Stützpunkt stoßen – andere den Stützpunkt aber auch wieder verlassen. „Da ist schon ein gewisser Druck da. Wichtig ist, dass absolute Leistungsbereitschaft kommt“, sagt Hirneise, der auch Engagement „im Eigentraining“ zu Hause erwartet. Sollte es bei einem Spieler nicht mehr für den Stützpunkt reichen, müsse das Trainerteam jedoch behutsam vorgehen. Hirneise: „Das muss man wertschätzend machen, damit der Spieler ein gutes Gefühl hat.“ Und wenn es wieder besser läuft, stehe auch einer Rückkehr an den Stützpunkt nichts im Weg.

Es wird ruhiger gearbeitet

Großer Vorteil der Stützpunkte sei aus Hirneises Sicht, dass er im Gegensatz zu den Vereinen keinen regelmäßigen Spielbetrieb hat. Dadurch könne man ruhiger arbeiten – unabhängig von Ergebnissen am Wochenende. „Das tut den Spielern richtig gut, das merkt man“, meint Hirneise. An ein paar wenigen Turnieren pro Jahr nimmt der Stützpunkt dann aber doch teil. Das U14-Turnier in Haiterbach gehört dazu sowie in den kommenden Tagen die Stützpunkt-Vergleiche in Rottweil und Ruit, mit denen der so starke Jahrgang 2011 verabschiedet wird.

Stammgäste sind bei diesen Turnieren die NLZ-Beobachter. Für Gärtringen relevant sind besonders der VfB Stuttgart, die Stuttgarter Kickers, die TSG Hoffenheim und der SC Freiburg. Nach absoluten Ausnahmespielern streckt aber auch das NLZ von Bayern München seine Fühler aus. Etwa vier bis sechs Spieler pro Jahrgang schaffen den Sprung von Gärtringen in die Nachwuchs-Bundesliga. „Wir haben eine gute Quote, weil wir ein starker Bezirk sind“, sagt Hirneise. Deutlich höher als bei den Jungs ist die Quote bei den Mädchen, die schließlich bei der TSG Hoffenheim oder dem SC Freiburg landen. Dazu gehörte in der Vergangenheit etwa die Wildbergerin Chantal Hagel, die derzeit beim FC Sevilla spielt.

Berühmtester männlicher Spieler, den der Stützpunkt des alten Bezirks Böblingen/Calw hervorgebracht hat, ist Timo Baumgartl. Der kam vom GSV Maichingen, lief zwischen 2014 und 2019 insgesamt 115-mal für den VfB Stuttgart auf und hatte 20 Einsätze für die deutsche U21-Nationalmannschaft. Er spielt nun für St. Louis City in der US-amerikanischen MLS. Für Hirneise ist Baumgartl das perfekte Beispiel, wie wichtig die Arbeit des Stützpunktes ist: „Er kam zu uns als Stürmer und hatte in Maichingen viele Tore gemacht. Im Stützpunkt waren wir der Meinung, dass seine Zukunft in der Abwehr liegt, und haben ihn zum Innenverteidiger umgeschult. Ohne uns wäre er weiter Stürmer geblieben. Mit Sicherheit ein guter Stürmer, aber die Frage ist, ob er als solcher auch den Sprung in ein NLZ geschafft hätte.“

Baumgartl ist nicht der einzige, der den Sprung vom Stützpunkt des alten Bezirks Böblingen/Calw in den Profifußball geschafft hat. Auch der Oberjesinger Manuel Bihr (einst beim 1. FC Nürnberg, jetzt in Thailand bei Bangkok United) gehört dazu. Doch Hirneise dämpft die Erwartungen: „Der Schritt in den Profifußball ist noch mal ein ganz anderer.“ Er schätzt, dass nur einer von 1000 Stützpunkt-Spielern in der 1. oder 2. Bundesliga landet.

104 Leibchen mit Nummern

Die neuen Stützpunkt-Spieler des Jahrgangs 2015 werden an diesem Samstag beim großen Sichtungstraining – der sogenannten Talentiade – in Gärtringen aufgenommen. 104 talentierte Kinder aus dem ehemaligen Bezirk Böblingen/Calw sind eingeladen. Für Hirneise und die anderen vier Stützpunkt-Trainer der Hauptkampftag im Jahr. Jeder Spieler erhält ein Leibchen mit einer Nummer und muss von jedem Trainer mindestens einmal in Aktion gesehen werden. Die vergeben Punkte und laden anschließend etwa 25 Kinder zum Stützpunkt-Training ein. Vier Wochen werden vergehen, bis der eigentliche 20-Spieler-Kader steht. Groß ist die Hoffnung, dass ein neuer Timo Baumgartl darunter ist.