Mats Hummels, Matthias Ginter und Robin Gosens (von links) beim Torjubel während des Freundschaftsspiels gegen Lettland. Foto: imago /Moritz Müller

Die Laune ist gut bei der deutschen Nationalmannschaft im Trainingscamp. Aber das wird nicht reichen, um die seit der WM 2018 eher mäßige Fußball-Stimmung im Land aus dem Keller zu holen. Hilft nur der Erfolg?

Herzogenaurach - Das Bild, das die Mannschaft am Freitagvormittag nach außen abgab, war ein geschlossenes. Die Bänke standen bereit, die Fotografen auf der Medientribüne auch – und, na klar, Thomas Müller konnte es mal wieder nicht lassen und gab den Takt vor für die erste offizielle Aufstellung der DFB-Elf für die EM: Für die Aufstellung zum Mannschaftsfoto, geschossen vor der Trainingseineinheit im EM-Quartier im Adi-Dassler Stadion zu Herzogenaurach. Die Kommandos des zuständigen Fotografen in Richtung der Geknipsten waren eindeutig. „Einmal neutral schauen“, sagte er zunächst. Und dann: „Jetzt bitte freundlich.“

 

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Joachim Löw und seine Spieler lächelten dann also nett und sendeten so ein freundliches Bild in die Welt – die große Frage aber ist ja kurz vor dem ersten Gruppenspiel am Dienstag gegen Frankreich in München: Wer will diese Mannschaft gerade sehen, ob sie nun freundlich schaut oder nicht? Gibt es wenige Tage vor dem deutschen Turnierstart also überhaupt Ansätze von Euphorie um diese Elf und ihren scheidenden Bundestrainer Joachim Löw, die nach dem 0:6 von Spanien Ende November und der Blamage gegen Nordmazedonien (1:2) im März angezählt in die EM starten? Und, das ist das vielleicht Entscheidende: Was tun die wichtigste Fußballmannschaft der Republik und ihre Verantwortlichen dafür, dass es im Fußballland Deutschland um sie herum mal wieder eine positivere Grundstimmung gibt?

Auch die Führungskrise beim DFB schadet

Eine echte EM-Stimmung scheint sich im Land noch nicht breitzumachen. Das liegt an Corona, klar, am Überdruss, was den Fußball mit seinen Vorzugsbehandlungen angeht – und am verheerenden Bild, das der Deutsche Fußball-Bund (DFB) in seiner schwersten Führungskrise der Geschichte abgibt. Die Turbulenzen im Verband strahlen in der Außenwirkung auf seine wichtigste Mannschaft ab, auch wenn die Protagonisten der DFB-Elf davon nichts wissen wollen.

Die Bilder aber, die das Nationalteam und seine Verantwortlichen in den vergangenen Jahren selbst aussendeten, spielen in der Betrachtung der Stimmungslage eine wichtige, wahrscheinlich sogar die entscheidende Rolle. Nach der WM 2018 geriet diese Stimmung im Land an immer neue Tiefpunkte. Da war die Blase, in die sich der deutsche Tross schon in der Vorbereitung aufs Turnier in Russland abschottete. Da war die Arroganz, die der Weltmeistertrainer Löw nach dem Vorrunden-Aus auch sich selbst attestierte. Und da waren weltfremde Marketingslogans („Zsmmn“!), die die Nationalelf von ihrem Publikum im Land entfernten.

Wille zu mehr Nähe ist vorhanden

Hinterher haben die Beteiligten aus den Fehlern gelernt, zumindest teilweise. Der Wille zu mehr Nähe war da. Nach dem Turnier 2018 und vor der Coronapandemie etwa ging es für die Stars der DFB-Elf rund um die Länderspiele regelmäßig zu Schulbesuchen, es wurde gelegentlich öffentlich trainiert, solche Dinge passierten. Dann kam das Virus, und die DFB-Elf, die zugänglicher werden wollte, musste sich wieder abschotten, – dieses Mal unverschuldet.

Aber auch in dieser Coronablase ist zumindest ein Wille erkennbar, nahbarer zu werden. Als Löw etwa vor ein paar Wochen seinen EM-Kader bekannt gab, da waren mehr als 2000 Fans aus verschiedenen Bereichen virtuell zugeschaltet. Sie konnten sich um Fragen bewerben – und die, die nach der Spontan-Abstimmung am populärsten waren, wurden live dran genommen. Mehr als eine Stunde dauerte das Ganze. Schulklassen waren dabei, Fußballvereine, Seniorenheime und die freiwillige Feuerwehr – vor drei Jahren wäre so etwas noch undenkbar gewesen beim Raumschiff Nationalelf, das unterwegs war in eine andere Galaxie.

Geerdeter gaben sich Löw und seine Spieler nun auch in den Tagen des EM-Trainingslagers in Seefeld. Die in den vergangenen Jahren stets ausgesperrten (oder nach 15 Minuten rausgeschmissenen) Medienvertreter durften nun länger zuschauen und waren oft bei kompletten Einheiten dabei. Und zweimal, da reckte Löw auf dem Platz unter den beiden Skisprungschanzen spontan den Daumen nach oben in Richtung seines Pressemanns: Alle dürfen drin bleiben – um mehr Eindrücke als zuletzt transportieren zu können. Auch so wird, gerade zu Pandemiezeiten, Nähe nach draußen geschaffen, das haben die DFB-Strategen inzwischen gelernt.

Am Ende zählen nur die Resultate

Liefern diese Mannschaft und ihr Trainer also wieder Gründe, um sich mit ihnen identifizieren zu können? Klar ist aus sportlicher Sicht dies: Löw hatte in seinem Umbruch immer wieder betont, dass er sich an der WM 2010 in Südafrika orientieren wollte, als seine junge und hungrige Elf die Fußballwelt begeisterte. Jetzt hat Löw zur EM die alten Kämpen Thomas Müller und Mats Hummels reaktiviert. Seinen Umbruch mit dem Fokus auf jüngere Spieler ist also gescheitert. Der Coach selbst und sein Team sind es aber mit Blick auf die EM noch lange nicht.

Denn wenn Löws Elf ein tolles Turnier hinlegt, dann hätte der Bundestrainer doch alles richtig gemacht. So ist das im Fußball – wenn am Ende immer die Resultate zählen. Und wenn die passen, dann wird die Stimmung im Land eine andere sein als jetzt, vier Tage vor dem deutschen Turnierstart.