Für Joshua Kimmich und Serge Gnabry ist Stuttgart kein Ort wie jeder andere. Beim VfB entstand ihre Freundschaft, die nach anfänglichen Hindernissen heute eine Bande fürs Leben ist.
Stuttgart - Joshua Kimmich kennt sich aus im Raum Stuttgart, und das ist in dem Fall wörtlich zu nehmen. Denn im SSB-Veranstaltungszentrum auf der Waldau gibt es unter anderem einen „Raum Stuttgart“ – und da hat Kimmich einst seine Spuren hinterlassen. Er tänzelte durch die Reihen, er zeigte gewisse Führungsqualitäten auf dem Parkett. Und womöglich, das wiederum weiß man nicht mehr so genau, gab Joshua Kimmich auch schon damals den Takt vor.
Damals, bei seinem Abiball im Jahr 2013.
Der heutige Nationalspieler und frühere Jugendspieler des VfB Stuttgart ist nun am Mittwochmittag zurückgekehrt in das Tagungszentrum auf Degerlochs Höhen. Zwar nicht in den „Raum Stuttgart“, denn der ist blockiert: Der Zettel auf der Tür weist die Prüfung zum Abschluss „geprüfte Rechtsfachwirtin/geprüfter Rechtsfachwirt“ aus.
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Dafür ist der „Raum Degerloch“ frei, wo Kimmich nun nicht tanzt, sondern sitzt. Die Führung übernimmt er an diesem Tag dennoch – der Mittelfeldmann gibt die Pressekonferenz vor dem WM-Qualifikationsspiel der DFB-Elf an diesem Donnerstag in St. Gallen gegen Liechtenstein (20.45 Uhr/RTL). Kimmich blickt dabei aber auch schon weiter voraus: Auf den Sonntag – und damit auf sein persönliches Heimspiel in Stuttgart, in der Arena des VfB, beim nächsten Qualifikationsspiel des Nationalteams gegen Armenien.
Aber klar, am Mittwoch geht es auch um die Schul-Abschlussparty am vertrauten Ort von vor acht Jahren. „Wenn ich hier sitze“, sagt Kimmich, „kommen die Erinnerungen an den Abiball hoch.“ Dann kommt er aber schnell auf seine Kernkompetenz (Fußball) zu sprechen. Denn bei Nachfragen zu seiner Tanzpartnerin beim Abiball schweigt sich Kimmich aus. Und auch, als es um seine tänzerischen Qualitäten von damals im „Raum Stuttgart“ geht, verraten die schüchternen Blicke, dass er wohl lieber in der Mittelfeldformation den Rhythmus vorgibt. Und dass er lieber über seine Schritte auf dem Platz spricht.
Kimmichs bester Kumpel
Sein nächster ist dabei vielleicht ein großer – denn gut möglich ist es, dass Kimmich die DFB-Elf an diesem Donnerstag gegen Liechtenstein als Kapitän aufs Feld führt. Manuel Neuer fehlt verletzt – und Kimmich sagt: „Natürlich wäre das eine Ehre für mich.“
Ob als Spielführer oder nicht: Speziell wird für den 26-Jährigen die Partie am Sonntag gegen Armenien. „Ich komme immer gerne hierher zurück“, sagt er. Und: „Ich freue mich aufs Spiel in Stuttgart.“ Diesen Satz wiederum hat Kimmichs bester Kumpel im Fußballgeschäft tags zuvor im Gespräch mit unserer Redaktion fast deckungsgleich auch so formuliert. Der Kumpel heißt Serge Gnabry, er hat mit Kimmich beim FC Bayern mit dem Gewinn des Triples 2020 schon jetzt eine Weltkarriere hingelegt – und freut sich nun ebenfalls auf das Heimspiel in Stuttgart.
Kimmich und Gnabry spielten einst zwischen ihrem zwölften und 16. Lebensjahr zusammen in der Jugend des VfB und wurden 2011 deutscher B-Jugend-Meister. Gnabry wuchs in Weissach auf und spielte von 2005 bis 2011 beim VfB – und ging dann zum FC Arsenal nach London.
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Kimmich wiederum stammt aus Bösingen bei Rottweil. Er kickte von 2007 bis 2013 beim VfB, lebte im Internat des Clubs – und feierte in seinem letzten Stuttgarter Jahr den Abiball auf der Waldau. Kimmich verließ den VfB 2013 als A-Jugendlicher in Richtung RB Leipzig. Zumindest kurzfristig trauten ihm die damaligen Verantwortlichen des VfB den Sprung zu den Profis nicht zu.
Schwere Zeiten also waren das für den frischgebackenen Abiturienten Kimmich, in jenem Sommer 2013 – und erschwerend hinzu kam, dass ihn sein Kumpel Gnabry damals nicht trösten konnte. Weil die beiden Kumpels irgendwann mal keine echten Kumpels mehr waren. Ihr Kontakt riss ab, nachdem Gnabry nach England gewechselt war.
Freundschaft mit Hindernissen
Jetzt, viele Jahre später, sagt Gnabry im Rückblick und in der Vorausschau dies über seine Freundschaft zu Kimmich: „Wir hatten verschiedene Freundeskreise, jetzt in München sind wir wieder aufeinandergetroffen. Man weiß nie, wo beide Wege hinführen werden, aber wir sind jetzt auf so einem Level, wo wir uns nie aus den Augen verlieren werden.“
Aus der Freundschaft mit Hindernissen also ist jetzt wieder eine Bande fürs Leben geworden – aber ein Fragezeichen bleibt immer, wie Kimmich sagt: „Serge und ich fragen uns öfters, wieso wir überhaupt befreundet sind. Wir könnten kaum unterschiedlicher sein – er ist ein komplett anderer Typ als ich.“ Und weiter: „Serge ist einer, der so eine gewisse Lockerheit mitbringt und mich schon so ein bisschen bremsen und runterholen kann.“
Spezielles Heimspiel
An diesem Sonntag nun steigt das spezielle Heimspiel in Stuttgart für die beiden Kumpels – dort, wo privat und sportlich alles anfing. „Es ist schön, wieder hier in der Region zu sein“, sagt Gnabry. „In der Heimat, dort, wo man aufgewachsen ist, wo eine Verbundenheit da ist, wo man sich wohlfühlt, wo die Familie und die Bekannten noch immer leben – und wo sie jetzt eine kurze Anreise zu meinem Länderspiel haben werden.“