2021 hat es schonungslos aufgedeckt: Gesellschaft und Staat blenden zu weit aus, dass Krisen und Katastrophen auch Deutschland treffen können. Zeit, das im neuen Jahr zu ändern, schreibt StN-Chefredakteur Christoph Reisinger.
Stuttgart - Den ewigen Frieden gibt es nicht auf der Erde. Eine Vollkasko-Rundumsorglos-Sicherheit leider auch nicht. So hart wie im endenden Jahr sind diese Gewissheiten schon lange nicht mehr angekommen in Deutschland: Im Sommer die Flutkatastrophe im Ahrtal und das chaotische Finale des deutschen Engagements in Afghanistan, im Herbst die vierte Welle der Coronapandemie – all das steht besonders eindrücklich für diese Erschütterungen. Sie werden lange in Erinnerung bleiben.
Ob das auch für die Blöße gilt, die Deutschland dabei ein ums andere Mal gezeigt hat? Es wäre richtig und wichtig.
Erschütternde Szenen
Wie wenig Staat und Gesellschaft darauf vorbereitet sind, dass ihr vieles Geld, ihre vielen Vorschriften und Konzepte zuweilen an enge Grenzen der Wirksamkeit stoßen, spiegelt sich darin, wie sich Deutschland aus Afghanistan verabschiedet hat. Der Fülle frei zugänglicher Informationen zum Trotz taten viele sehr überrascht, als die extremistischen Taliban rasch die Führung im Land übernahmen und sich nicht nur am Flughafen der Hauptstadt Kabul erschütternde Szenen abspielten. Der damalige Außenminister Heiko Maas meinte noch im Juni, einen schnellen Vormarsch der Taliban ausschließen zu können. Obwohl es an seriösen Warnungen nie gemangelt hatte. Deutsche Generäle drückten ihre Verwunderung über die fehlende Kampfbereitschaft der Regierungstruppen aus. Dabei hatte die Bundeswehr fast 20 Jahre an deren Ausbildung mitgewirkt und hätte sie daher kennen sollen.
Grausig hohe Verluste
Fehlende Vorausschau verschärfte auch die Flutkrise in Deutschland. Behördliche Ignoranz gegen frühe Warnungen durch Wetterdienste und die unterbliebene oder missglückte, weil kaum noch geübte frühe Warnung der Bevölkerung trugen wesentlich zur grausig hohen Zahl der Verluste bei.
Die Bundestagsdebatte am 25. August brachte das Versagen auf den Punkt. Flut, Afghanistan und Pandemie standen auf der Tagesordnung. In vereinter Ratlosigkeit schoben sich Parteien und Minister die Verantwortung zu. Folgenlos. Dieses Bild fügt sich in ein größeres. Von einer Gesellschaft, die zwar täglich mit Informationen aus aller Welt geflutet wird, in der die landläufigen Befindlichkeiten und Dauerreizzustände aber auf wesentlich größere Aufmerksamkeit stoßen als objektiv vorhandene Risiken. Eine Gesellschaft, die – vereinfacht gesagt – Zumutungen nur noch schwer aushält.
Wegsehen bis zum großen Knall
Bis zum großen Knall im August war Afghanistan aus dem öffentlichen Bewusstsein weithin verschwunden. In dem war auch wenig Platz für die plausiblen Prognosen, angesichts einer zu niedrigen Impfquote drohe im Herbst eine vierte Pandemiewelle. Die allgemeine Erleichterung darüber, im Frühling die dritte Welle überwunden zu haben, war so groß, dass die Behörden ungestört den Sommer in Sachen Pandemiebekämpfung verschlafen durften.
Auf abenteuerlichem Niveau
Im Nachgang der Flut wurde es besonders sichtbar: Die gesellschaftliche Widerstandskraft gegen Krisen ist inzwischen gering. In der Wissenschaft mag umstritten sein, wie viel dieses Naturereignis mit dem Klimawandel zu tun hatte. Offen zutage getreten ist aber, dass sich der deutsche Katastrophenschutz auf ein abenteuerlich niedriges Niveau zurückentwickelt hat. Dennoch kam die Politik mühelos durch mit ihrer Lesart, hier gehe es um quasi unabwendbare Klimawandelfolgen. Was umso mehr verwundert, als der missglückte Warntag im September 2020 erhebliche Vorsorgelücken in Erinnerung gerufen hatte. Lücken, die sich schon 2002 während der Flut an Donau und Elbe aufgetan hatten.
Mohrenstraße oder Seidenstraße?
Zum Missverhältnis in der Wahrnehmung gefühlter und echter Risiken gibt es einen treffenden Spruch. Er hebt auf die zuletzt so erregten Debatten um den Umgang mit Sprache, Kultur, Geschichte ab: Die Deutschen beschäftigen sich mit der Mohrenstraße, die Chinesen mit der Seidenstraße. Mit der politischen Korrektheit alter Namen die einen, mit globalem Einfluss und Wirtschaftskraft die anderen. Die Philosophin Svenja Flaßpöhler sagt: „In einer liberalen Demokratie müssen wir Menschen ermächtigen, mit bestimmten Zumutungen umzugehen. Auch, weil wir uns sonst selbst infantilisieren.“
Wo noch was geht
2022 bringt hoffentlich weniger Katastrophen und Zumutungen als 2021. Auf jeden Fall bringt es die Chance, echten Risiken nüchterner und tatkräftiger zu begegnen. Anders gesagt: die Chance an diesem Jahr der Blöße zu wachsen. Die überwältigende Welle individueller Hilfsbereitschaft nach der Flut gibt Mut zu der Hoffnung: Da geht noch was.