Gewalt an Schulen, das meint häufig auch psychische Gewalt in Form von Beleidigungen bis hin zu Mobbing. Foto: imago//Ute Grabowsky

Fast jede zweite Lehrkraft beobachtet an der eigenen Schule Fälle von psychischer und physischer Gewalt. Das zeigt eine repräsentative Umfrage der Robert-Bosch-Stiftung, die noch mehr besorgniserregende Zahlen beinhaltet.

Dagmar Wolf ist „entsetzt über die Zahlen“. Aber überrascht haben die Werte der aktuellen Ausgabe des Deutschen Schulbarometers die Leiterin des Bereichs Bildung bei der Robert-Bosch-Stiftung nicht. Sie hätten sich bereits abgezeichnet. „Wir sehen an den Ergebnissen und deren Verlauf, dass sich die Probleme nach der Pandemie manifestiert haben. Und wir erwarten, dass wir in den kommenden Jahren eher noch mit einer Zunahme dieser beobachteten Trends zu rechnen haben“, sagte Dagmar Wolf bei der Pressekonferenz.

 

Mehr Gewalt an Schulen

Besonders „drastisch“ sind aus ihrer Sicht die Zahlen zum Thema Gewalt an Schulen. So gaben in der repräsentativen Umfrage 47 Prozent der Befragten an, dass es an ihrer Schule Fälle von psychischer und physischer Gewalt gibt. Betrachtet man nur die Schulen in sozial benachteiligten Lagen, sind es sogar 69 Prozent, an Förder- und Sonderschulen 67 Prozent. Auch an Grundschulen gibt es demnach bereits viele Vorfälle, in diesem Bereich gaben 45 Prozent der Befragten an, dass es an ihrer Schule Gewalt gibt. Am Gymnasium beobachtete das ein Drittel der Lehrkräfte.

Viele Lehrkräfte sind emotional erschöpft

Gewalt an der Schule wirkt sich negativ auf das berufliche Wohlbefinden aus. So gaben 36 Prozent der Befragten an, dass sie sich mehrmals pro Woche emotional erschöpft fühlen. „Das ist eine relativ hohe Zahl“, kommentierte Dagmar Wolf. Auf die Frage, ob sie den Schuldienst verlassen würden, wenn sie die Möglichkeit dazu hätten, antworteten 27 Prozent der Lehrkräfte und 19 Prozent der Schulleitungen mit „ja“ oder „eher ja“. „Das ist besorgniserregend, weil es hier um einen Professionswechsel geht, als Lehrkraft wechsele ich nicht nur den Arbeitgeber, sondern mache etwas gänzlich anderes“, sagte Dagmar Wolf und ergänzte: Angesichts des Personalmangels in den Schulen sei jede verlorene Lehrkraft kontraproduktiv.

Dennoch sind viele Lehrkräfte mit ihrem Beruf zufrieden

Umgedreht gaben aber auch 75 Prozent der Lehrkräfte und 83 Prozent der Schulleitungen an, dass sie mit ihrem Beruf zufrieden sind. Für Uta Klusmann, die an der Studie mitgearbeitet hat, ist das kein Widerspruch. „Viele mögen die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Sie sind Lehrkraft geworden, weil sie ein soziales Interesse haben. Mit ihrer pädagogischen Tätigkeit sind sie zufrieden“, sagte die Professorin und stellvertretende Leiterin der Abteilung Erziehungswissenschaft und Pädagogische Psychologie am Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik und fügte hinzu: „Gleichzeitig sehen wir aber, dass sie erschöpft sind. Das heißt, sie sind chronisch im Stress.“

Emotionale Erschöpfung sei ein zentrales Symptom von Burn-out, ergänzte Uta Klusmann. „Die Zahlen sind auch relevant, weil sich das Befinden der Lehrkräfte in den Beziehungen zur Schülerschaft und in der Arbeit im Kollegium manifestiert. Die Qualität von Bildung wird dadurch beeinflusst, wie es der Berufsgruppe der Lehrkräfte geht. Daher muss man den Befund ernst nehmen und systematisch schauen, wie man Lehrkräfte entlasten und unterstützen kann.“

Was Lehrkräfte besonders herausfordert

Als größte Herausforderung in ihrer beruflichen Tätigkeit nennen die Lehrkräfte das Verhalten der Schülerinnen und Schüler (35 Prozent) – auch dieser Befund korrespondiert mit der zunehmenden Gewalt. Darauffolgend thematisiert ein Drittel der Befragten die Heterogenität der Schülerschaft. Für Lehrkräfte an Grundschulen ist das aktuell sogar die größte Herausforderung (45 Prozent). An dritter Stelle werden die eigene Arbeitsbelastung und der Zeitmangel (28 Prozent) angegeben, gefolgt vom allgemeinen Personalmangel (26 Prozent). „Das Verhalten der Schülerschaft als große Herausforderung ist so zu verstehen, dass es der Unterrichtsqualität abträglich ist“, erklärte Klusmann. Wenn Lehrkräfte erst einmal die Klasse organisieren müssten, koste das Zeit. Auch das führe zu einer Überforderung.

Wenige Fortbildungen und kaum Feedback

Erstmals beleuchtet das Deutsche Schulbarometer auch das Thema Fortbildungen, und zwar im internationalen Vergleich. Demnach wurden Fortbildungen zu pädagogischen Konzepten von 23 Prozent der Befragten besucht (international: 73 Prozent), Fortbildungen zu individualisiertem Lernen von 20 Prozent (international: 49 Prozent). Auch der Austausch im Kollegium wird in Deutschland nur selten gepflegt. Direktes Feedback erhielten nur 28 Prozent der Befragten. 24 Prozent gaben an, im vergangenen Jahr überhaupt keine Rückmeldung zu ihrer Arbeit erhalten zu haben. „Man arbeitet unbemerkt. Miteinander unterrichten, voneinander lernen – all das ist bei uns wenig ausgeprägt, und das hat Auswirkungen“, kommentierte Wolf. „Wir müssen über ein gemeinsames Nachdenken über Unterricht Lehrkräfte wieder stärker in die Kooperation bringen, zugunsten einer gemeinsamen Schulentwicklung und zugunsten einer Qualitätssteigerung an den Schulen“, so ihr Fazit.

Situation an Schulen

Studie
Das Deutsche Schulbarometer ist eine repräsentative Umfrage im Auftrag der Robert-Bosch-Stiftung. Es erscheint seit 2019 in regelmäßigen Abständen. Das Ziel ist es, die Situation an Schulen aus Sicht der Lehrkräfte und Schulleitungen zu beschreiben. Für die aktuellen Ausgabe hat das Meinungsforschungsinstitut Forsa im November und Dezember des vergangenen Jahres mehr als 1600 Lehrkräfte online befragt.

Gewalt
Auch laut dem Sicherheitsbericht des Innenministeriums hat die Zahl der Gewalttaten an Schulen zugenommen: So wurden im vergangenen Jahr 2545 entsprechende Straftaten gegenüber Schülern und Lehrern in Baden-Württemberg erfasst. Im Vorjahr waren es noch 2243 – eine Zunahme um 13,5 Prozent. Die Zahl der Opfer stieg von 2557 auf 2838. Rund 52 Prozent der registrierten Straftaten waren vorsätzliche leichte Körperverletzungen, etwa 16 Prozent waren gefährliche Körperverletzungen.