Martin Walser in seinem Element: Familie, Öffentlichkeit und eine stets sprungbereite Empfänglichkeit für alles Schöne Foto: Christoph Schmidt/dpa/Christoph Schmidt

Der 95-jährige Autor zieht ins Pantheon der deutschen Literatur ein. Diesen Tag wird man in Marbach nicht so schnell vergessen.

Der Himmel strahlt überirdisch schön über der Marbacher Schillerhöhe. Und vielleicht ist genau das das Problem. Denn eigentlich sollte an diesem Mittag die feierliche Überführung von 75 000 Handschriftenseiten, Briefen, Tagebüchern, Tonbändern und allem, was sich sonst noch im Leben Martin Walsers angesammelt hat, in den unterirdischen Himmel des Deutschen Literaturarchivs gefeiert werden. Allein, die 95-jährige Hauptperson, von der diese schöne Umschreibung für den künftigen Aufenthaltsort seiner Lebens- und Schaffenszeugnisse stammt, lässt auf sich warten.

 

Die Festgäste köcheln im prallgefüllten Saal vor sich hin. Hinter dem Haus gleißt ein Krankenwagen in der Sonne, zur Sicherheit. Davor warten Kameraleute, Journalisten und Mitarbeiter des hohen unterirdischen Hauses, die zusehends nervöser abwechselnd auf ihre Handys und die hohle Gasse blicken, durch die er kommen müsste – um ein wenig Schiller in diesen Walsertag zu mischen. „Bis vor Kurzem stand es noch Spitz auf Knopf, ob er überhaupt teilnehmen kann“, ist von jemand mit direktem Draht zu Walsers nahegelegenem Hotel zu hören.

Chronist der Bundesrepublik

Einer der Geladenen sucht draußen Abkühlung, das Thermometer zeigt 30 Grad. Trotzdem gut gelaunt, treibt er ein wenig Konversation, in einem berlinischen Idiom, das auf sprachlicher Ebene wie eine gelockerte Krawatte wirkt: 2018 sei der Anteil von Hitzetoten signifikant angestiegen. Kein gutes Thema. Dafür gibt es Neuigkeiten aus dem Hotel. In fünf Minuten fahre man los.

Zeit den Ehrengast kurz vorzustellen, wobei zu seinem hervorstechendsten Merkmal gehört, dass er zu den Personen des öffentlichen Lebens zählt, bei denen sich das eher erübrigt. Vom Bodensee aus hat der 1927 in Wasserburg Geborene nicht nur die Gegenwartsliteratur geprägt. Wie in einem Zauberspiegel wirft der Blick auf seine intellektuelle Biografie ein Bild der Geschichte der Bundesrepublik zurück, vom Protest gegen den Vietnamkrieg, über den deutschen Herbst, bis zur Wiedervereinigung – und über allem immer wieder Auschwitz, woran er sich als genau analysierender Prozessbeobachter, später umstrittener Paulskirchenredner immer wieder abgearbeitet hat.

All dies würden die Laudatoren, Gruß- und Dankesredner gerne in wohlgesetzten Worten würdigen. Aber noch heißt es warten. Gerade sei man losgefahren lautet der neueste Stand. Irgendwann rollt ein merkwürdiges Gefährt daher. Von Ferne gleicht es einem feuerroten Papamobil, aus der Nähe einem falschen Alarm – mit einen Tuk Tuk karrt das Marbacher Fremdenverkehrsamt Touristen durch die Stadt.

Noch eine Weile später, in der man erklären könnte, was einen Vorlass vom Nachlass unterscheidet – das Leben beziehungsweise der Tod dessen, um den es geht –, ist es soweit. In einem Rollstuhl rädert ein gut gelaunter Walser in nachlässig geknöpftem rosa Hemd, beschattet von immer noch imponierenden Augenbrauen, direkt in die Frage einer wartenden Journalistin: Was ihn bewogen habe, schon jetzt seinen Vorlass dem Archiv zu überlassen. „Schon jetzt? – Endlich würde ich sagen“, lautet die Antwort, erweitert um den Zusatz: „Hübsches Kleid!“

Zutrauen in die Welt

Dann geht es los. Die Direktorin des Deutschen Literaturarchivs, Sandra Richter, beginnt mit einer langen Liste illustrer Anwesender, die Hälfte davon Mitglieder der Walser’schen Künstler-, Schriftsteller und Schauspielerdynastie. Beinahe so umfangreich sind die Rollen, die sich in ihrer Rede in dem Schriftsteller vereinen: Chronist, Aphoristiker, Moralist, dunkler Romantiker, Verführer. Was sie als Eigenschaft des Autors zitiert, etwas so schön zu sagen, wie es nicht ist, zieht die Glaubwürdigkeit des Komplimenteurs allerdings erheblich in Zweifel.

Wenn der Eindruck nicht täuscht, findet Martin Walser auch am schönen grünen Kleid der Direktorin Geschmack. Größere akustische Schwierigkeiten scheint ihm ihre Rede zu bereiten: „Ich habe nicht alles verstanden – ich hoffe, es hätte mir gefallen.“ Mit lauter Stimme führt die Kulturstaatssekretärin des Landes, Petra Olschowski, den Schönheitsdiskurs mit weiteren Walser-Worten fort: „Weil wir die Fähigkeit haben, etwas schön zu finden, sind wir nicht verloren.“ Für Olschowski verbürgt der Satz ein Zutrauen in die Welt, auch in unruhigen Zeiten: Walser sei eine zentrale Figur der Gegenwart, die aus dem Allerpersönlichsten schöpfe, um das Allgemeine, viele Menschen Betreffende zu finden. Das zu hören hätte ihm ganz sicher gefallen.

Quittungen des Lebens

Wie sich die werk- und kulturgeschichtlich bedeutsamen Botschaften des neuen Bestandes entschlüsseln lassen, führen Ulrich von Bülow und Dorit Krusche an Beispielen aus dem Archiv vor: Auf den ersten Seiten eines Geschäftsbuchs der elterlichen Gastwirtschaft in Wasserburg findet sich vor sorgfältig kalligrafierten Bilanzen ein dahingekritzelter Aufsatz über Schiller neben dem Entwurf einer Ballade. In einem Brief aus dem Jahr 1947 erteilt die 15-jährige Holocaustüberlebende Ruth Klüger dem fünf Jahre älteren Walser ausdrücklich die Erlaubnis, sie mit Vornamen anzusprechen. Es ist der Beginn einer wechselvollen Freundschaft, „wie eine brüchige Schnur mit vielen Knoten, die man besser nicht entwirrt“, wird Klüger später sagen. Mit Walsers Roman „Tod eines Kritikers“ von 2005 reißt sie endgültig entzwei.

Alte Quittungen dokumentieren, mit welchen Themen sich der junge Reporter während seiner Zeit beim damaligen Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart beschäftigt hat: „Zähne ziehen und sie wieder einsetzen“ oder „Zitherorchester in Ruit“.

Die Tücken der Vereindeutigung veranschaulicht eine später verworfene Passage aus Walsers vielleicht meistgelesenem Werk „Ein fliehendes Pferd“. Was der Suhrkampverleger Siegfried Unseld lieber im Ungewissen lassen wollte, motiviert den neugierigen Brief einer Schulklasse: „Sehr geehrter Herr Walser, wir würden gerne wissen, ob Helmut Klaus mit Absicht ins Wasser geschmissen hat.“ Ein anderer Leser identifiziert sich wiederum so sehr mit dem Protagonisten, dass er eine Annonce aufgibt, in der „eine Art Helmut Halm“, sachte aber neugierig anfragt, „ob eine zartfühlende Frau sich erwärmen könnte, ab und an mit ihm einen Schweinsbraten zu essen.“

Die besten Interpreten seines Werks findet Walser in der eigenen Familie. Franziska Walser, ihr Mann Edgar Selge und ihr auf gleichen Erfolgsspuren wandelnder Sohn Jakob lesen Passagen. Zuletzt aus den jüngst erschienen „Postkarten aus dem Schlaf“. Der Träumer beklagt sich darin über seine Tochter Theresia, schimpft auf Franziska: „Da kommt plötzlich Edgar aus dem Fernsehapparat und erheitert uns alle.“ Genauso kann man das stehen lassen.

Das Schlusswort hat der Gefeierte selbst. Er bedankt sich bei den Gästen, erstens, dass sie gekommen, zweitens, dass sie dageblieben seien. Im Mittelpunkt steht Sandra Richter: „Diese junge Frau hat die uralte Bürde auf sich genommen. Es gibt nicht mehr viel was wichtig ist, Sandra Richter ist wichtig.“ Man muss an Mynheer Peeperkorn aus Thomas Manns „Zauberberg“ denken: Die große Geste stimmt, ansonsten herrscht erhabene Verwirrung. Unter den von Richter in ihrer Rede angeführten Aphorismen ist auch der Satz: „Wer andauernd begreift, was er tut, bleibt unter seinem Niveau“. Es gilt auch für diesen Monolog. Was mit Warten auf Walser beginnt, endet mit Beckett’schem Hintersinn.