Die Marbacher Institute auf der Schillerhöhe haben einen Ausblick auf das Jahr gegeben: Sie haben nicht nur Rilke zu bieten, sondern auch Morgenstern, und eröffnen eine Bühne für Musik und Theater.
Was treibt eine Institution, die gerade einen der größten Coups in ihrer Geschichte gelandet hat? Es ist gerade zwei Monate her, da konnte die Direktorin des Deutschen Literaturarchivs, Sandra Richter, die Erwerbung des Nachlasses Rainer Maria Rilkes verkünden. Nun eröffnet sie die Jahrespressekonferenz der Marbacher Institute mit einem Zitat des Dichters: „Vergangenheiten sind dir eingepflanzt, um sich aus dir, wie Gärten, zu erheben.“ Bis die neue Saat dieser Jahrhunderterwerbung aus den grünen Kästen zu blühen beginnt, braucht es noch etwas Zeit. Eine neu gegründete Expertengruppe wird sich darum kümmern.
Doch der unterirdische Garten des Archivs hat noch einige andere zitatfähige Neuzugänge zu verzeichnen. Der Satz „Ich habe Dir heute ein paar Blumen nicht gepflückt, um Dir ihr Leben zu schenken“, ist von Christian Morgenstern. Wie der Leiter der Handschriftenabteilung, Ulrich von Bülow, bemerkt, ist Morgenstern neben Rilke vielleicht der meistzitierte Dichter der Jahrhundertwende. Nun ist der letzte Teil seiner Hinterlassenschaften nach Marbach gelangt, ein umfangreicher Briefwechsel mit den Zelebritäten der Zeit, Richard Dehmel, Edvard Grieg, Knut Hamsun, Gerhart Hauptmann, Henrik Ibsen. Angesichts dieser Liste kann man nur begrüßen , dass die Bibliothek des Archivs künftig einen Schwerpunkt auf den Nachkauf von Werken der bisher dort unterrepräsentierten deutschsprachigen Schriftstellerinnen des 18. und 19. Jahrhunderts legen wird.
Private Fundgruben
Auch der Philosoph Martin Heidegger hat was er seiner Frau anvertrauen wollte, offenbar gerne schriftlich formuliert: Knapp 2000 Briefe in beide Richtungen aus den Jahren 1915 bis 1970 sind eine Fundgrube, die das Alltagsleben des Paars beleuchten. Mit Grausen erinnert man sich an die letzte private Fundgrube der hier verwahrten Schwarzen Hefte, die die antisemitischen Ausfälle des Meisterdenkers dokumentierten.
In eine in jeder Hinsicht entgegengesetzte Region des Archivs zieht der Vorlass der 1949 in Ost-Berlin als Tochter jüdischer Exilanten geborenen Schriftstellerin Barbara Honigmann. Die Autorin hat sich in ihrem vielfach ausgezeichneten Werk damit auseinandergesetzt, wie die Unheilsgeschichte des letzten Jahrhunderts das eigene Leben schneidet, vom Bruch ihres Urgroßvaters mit dem orthodoxen Judentum über die Schoah bis zur Rückkehr zum Glauben in einer orthodoxen Straßburger Gemeinde. Nun finden ihre Manuskripte, Traumbücher und Briefe eine neue Bleibe.
Im publikumszugewandten Teil der Ausstellungsabteilung wird die Reihe „Literatur bewegt“ fortgesetzt: Nach „Abgedreht“, der Kino-Schau über Roman-Verfilmungen, geht nun der Vorhang über der Bühne auf. Nicht ganz. Die Museums-Leiterin Vera Hildenbrand will vielmehr zeigen, welche Vorarbeiten dazu notwendig sind: „Vor dem Spiel“ präsentiert aus dem Fundus des Archivs Kulissenentwürfe, Dramenzettel, Plakate, Kostümskizzen. Fehlt noch der Konzertsaal: die Hörschau „Singen, Lied und Literatur“ soll den reichen Musikalienbestand in den grünen Kästen zum Klingen bringen und dabei die Frage klären, in welchen menschlichen Grundsituationen das Wort dazu tendiert, in das benachbarte Reich der Töne auszubrechen.
Hölderlin ist mit dem Gedenkjahr 2020 nicht vergessen: Am 20. April wird der Ministerpräsident des Landes, Winfried Kretschmann, das neu gestaltete Hölderlin-Haus in Nürtingen einweihen. 2024 steht dann ganz im Zeichen Kafkas: 100. Todestag. Wie gut dass die Bibliothek gerade die Sammlung Hartmut Binders erworben hat, einem der einschlägigen Kenner des Dichters und seiner Welt. In dem umfangreichen Bestand findet sich Aufschluss auf die letzten offenen Fragen: Konnte Kafka Tennis spielen?