Salvatore Martinelli an seinem Arbeitsplatz: Im Deutschen Harmonikamuseum ist er angetan von all den Details und Geschichten, die hier bereitgehalten werden. Foto: Daniela Schneider

Salvatore Martinelli ist gut angekommen in seiner neuen Aufgabe als Museumsleiter in Trossingen. Jeden Tag, sagt er, lernt er hier etwas dazu – und das sogar am eigenen Instrument.

Strahlend kommt Salvatore Martinelli aus seinem Museumsleiterbüro um die Ecke gebogen. Dessen Tür, sagte er, muss immer offen stehen, für alle, die hier ins Museum kommen. Das sind Besucherinnen und Besucher von auswärts, die neugierig sind, wieso Trossingen so bedeutend in der Harmonikawelt ist, oder Einheimische, die sich hier mal wieder umschauen oder ein bisschen in ihren Erinnerungen schwelgen wollen.

 

Für alle ansprechbar zu sein, Informationen zu liefern, aber auch mal ein Schwätzchen zu halten und sich auszutauschen, das ist dem neuen Museumsleiter besonders wichtig, wie er betont, allein schon, weil er dabei selbst so viel erfährt und dazulernt. Seinen Dienst als Museumschef hat er im vergangenen Sommer als Nachfolger von Martin Häffner angetreten und sich seither schon recht gut eingelebt. Seine Begeisterung für das Sujet, mit dem er es nun hier zu tun hat, ist ungebrochen, das merkt man nicht nur seinem strahlenden Gesichtsausdruck an, sondern auch seinem leidenschaftlichen Vortrag, wenn er durch das Museum führt.

Messner-Ausstellung läuft bestens

Das geht schon bei der Sonderausstellung anlässlich des 150. Todestages von Christian Messner los, dem Pionier der Harmonikaindustrie und Begründer der Trossinger Mundharmonikaproduktion. Dass Themen wie dieses mehr in den Fokus rücken, ist absolut im Sinne Martinellis. Die Sonderausstellung läuft noch bis Ende Februar. Da sie sehr gut angenommen werde, könne es zudem auch gut sein, dass man sie nochmal verlängere, stellt der Museumsleiter in Aussicht.

Die Sonderausstellung zum 150. Todestag von Christian Messner kommt so gut an, dass sie eventuell verlängert wird, sagt der Museumsleiter. Foto: Daniela Schneider

Dass die Geschichte der Instrumenten-Produktion vom 19. Jahrhundert bis ins 20. Jahrhundert hinein auch von anderen Firmen geprägt war, wird hier an Menschen, die gut in der Thematik drin sind, ebenso vermittelt wie an alle, die neu einsteigen. Schulklassen zum Beispiel – die sind im Museum sehr willkommen, sagt Salvatore Martinelli. „Wissenstransfer ist ein hochspannendes Thema“, sagt der Historiker, der in Kassel, Florenz und Neapel Geschichte studiert und sich dabei mit mittelalterlicher Kartographie beschäftigt hat. Zuvor hatte er eine Lehre als Musikalienhändler gemacht. Aufgewachsen ist er in der Bodenseeregion, die nächsten beruflichen Stationen waren Chicago, Rom und Montreal. Martinelli, der italienische und kanadische Wurzeln hat, ist rumgekommen in der Welt, bevor er im Elias-Schrenk-Haus in Tuttlingen tätig war und dann schließlich als Museumsleiter nach Trossingen wechselte.

Fasziniert von Objekten und deren Geschichte

Vor allem die Geschichte, die hinter den Musikinstrumenten steckt, ist für ihn spannend. „Jedes Objekt hat etwas zu erzählen“, ist er sich sicher. Ein Beispiel? Die „Black Prince“ ist eines seiner Lieblingsstücke in der Ausstellung. Diese wurde im 19. Jahrhundert aus hochwertigem Messing und mit fein graviertem Gehäuse gefertigt. Sie zeigt eindrucksvoll, wie die Grundlagenarbeit Christian Messners eine neue Ära für dieses Instrument einleitete. Oder das Hohner-Modell „Schwabentreue“: Was für eine Geschichte, dass sie einen Soldaten aus Reichenbach an der Fils vor dem Tod an der Front bewahrte. Hinzu kommen so spannende Schenkungen wie die eben erst erfolgte: Ein Akkordeon, das einst auf dem Schweren Kreuzer „Admiral Hipper“ der deutschen Kriegsmarine im Zweiten Weltkrieg mitschipperte, ging in den Bestand des Museums über.

Das Modell „Schwabentreue“ rettete einem Soldaten das Leben. Foto: Daniela Schneider

Was Salvatore Martinelli besonders begeistert, ist die gute Quellenlage. Die sei insbesondere Matthias Hohner zu verdanken, der – ganz tüchtiger Geschäftsmann – alles sammelte und dokumentierte, was vor allem mit ihm konkurrierende Unternehmen machten. „Wir haben ein Riesenarchiv“, freut sich der Museumsleiter, ebenso wie über die rund 30 000 Exponate, die zur Verfügung stehen. Rund ein Zehntel davon wird im Museum präsentiert und rund um die meisten gibt es wissenschaftlich allerhand aufzubereiten. „Die Forschung endet nie“, sagt der Fachmann.

Japanische Journalisten zu Gast

Besonders freut ihn das aufrichtige Interesse der Museumsbesucher. Die kommen aus Trossingen und der Region, aber auch aus der ganzen Welt. Eben erst klopfte ein japanisches Fachmagazin an, dem er gerne ein Interview gab. Und auch Gäste aus anderen Ecken der Welt sind keine Seltenheit. Da kommt es schonmal vor, dass jemand aus dem Mittleren Westen der USA vorbeischaut oder jemand aus Peru oder Kolumbien Näheres zu Harmonikas und Co. wissen möchte. „Letztens war sogar ein Besucher aus Neuseeland da“, erzählt der Museumschef erfreut von dieser Begegnung. Und dann wäre da auch noch der Professor, bei dem er einst selbst in Neapel studiert hat. Der war mit seiner Frau auf Deutschlandreise, machte dabei einen Zwischenstopp im Harmonikamuseum – und staunte wirklich nicht schlecht, dass er ausgerechnet hier seinen ehemaligen Studenten wiedertraf.

Mit der VR-Brille übers Hohner-Areal

Dieser fuchst sich nach und nach in die Themen des Museums immer tiefer hinein, auch mit Hilfe der engagierten Ehrenamtlichen. Deren Expertise, ihr insbesondere technisches Fachwissen und auch das seines Vorgängers Martin Häffner helfen ihm dabei aufs Beste, wie er explizit betont, zusätzlich zur hervorragenden Unterstützung durch die Stadtverwaltung und das Unternehmen Hohner.

Neben dieser immer noch anhaltenden Einarbeitung feilt er aber auch schon längst an neuen Projekten. Die Digitalisierung spielt dabei eine zentrale Rolle. Das Hohner-Areal mit einer Virtual-Reality-Brille erlebbar zu machen, und dabei auch noch die Entwicklungsgeschichte darlegen, ist dabei eines der Ziele – unter anderem, um damit auch die jüngeren Generationen anzuziehen.

Ein Hologramm von Arbeiterinnen in der Produktion schwebt ihm da zum Beispiel auch vor. Die Förderanträge für das Projekt laufen. „Die Aussichten sind relativ gut“, ist der Museumsleiter optimistisch, dass hier bald ein weiterer Mehrwert für das Museum, aber auch für Trossingen geschaffen werden kann. Für das Projekt will man bei der Umsetzung mit einem Tuttlinger Unternehmen kooperieren.

Interaktiv und informativ: So ist das Museum bereits aufgestellt. Jetzt wird noch an diversen Digitalisierungen gearbeitet. Foto: Daniela Schneider

Musik im Museum für alle ein Gewinn

Eingeführt hat er bereits eine verstärkte Kooperation mit dem Hohner-Konservatorium: Dessen Studierende bekommen einmal monatlich die Chance, im Foyer des Museums ein Konzert zu geben. Das ist für alle ein Gewinn – für das Publikum, das die „Top-Spieler“, wie Martinelli sagt, bei freiem Eintritt erleben kann, für die jungen Musizierenden, die hier eine Auftrittsmöglichkeit haben, und für das Museum sowieso.

Außerdem plant er als neuestes Projekt ein Erzählcafé: Hier könnten zum Beispiel ehemalige Hohnerbeschäftigte Schulklassen in lockerer Runde berichten, wie es damals in der Produktion zuging und wie die Zeit war. „Ich versuche, Geschichte lebendig zu vermitteln“, erklärt er diesen Ansatz.

Zudem ist es sein Ziel, neben den Mundharmonikas auch das Akkordeon und Handzuginstrumente stärker in den Blickpunkt zu rücken – auch das ein langfristiges Vorhaben, dessen genaue Ausgestaltung noch offen ist.

Wenn die Katze jault und die Frau rausgeht

Apropos Instrumente: Ob er denn auch selbst eines beherrscht? Ja, schmunzelt er, Ocarina und E-Gitarre spielt er gerne, auch wenn dabei „die Katze jault und meine Frau den Raum verlässt“. Und in seinen Pausen im Büro, verrät er noch ganz zum Schluss, packt er seine Mundharmonika aus und übt, was das Zeug hält. „Man muss es auch ein bisschen leben als Museumsleiter“, sagt er voller Überzeugung.

Infos zum Museum

Mehr Infos
gibt es unter https://harmonika-museum.de/