Es fehlt seit Jahren der eine Sieg in einem wichtigen Spiel, um ins Halbfinale einzuziehen. Können die deutschen Handballerinnen ein Jahr vor der Heim-WM bereits bei der EM zur Weltspitze aufschließen? Bundestrainer Markus Gaugisch gibt seine Einschätzung ab.
Für die deutschen Handballerinnen beginnt am Freitag (20.30 Uhr) mit dem Spiel in Innsbruck gegen die Ukraine die Europameisterschaft in Österreich, Ungarn und der Schweiz. Bundestrainer Markus Gaugisch und sein Team wollen dann ins Halbfinale – wieder einmal.
Herr Gaugisch, denken Sie eigentlich noch oft an Ihre Doppelfunktion zurück?
Ich bekomme immer wieder gespiegelt, dass ich am Ende dieses Jahres furchtbar aussah. Es hat also schon Spuren hinterlassen, einen international vertretenen Club wie die SG BBM Bietigheim und die Nationalmannschaft parallel zu trainieren.
Was machen Sie mit der frei gewordenen Zeit?
Ich habe gar nicht das Gefühl, dass meine Arbeit deutlich weniger geworden ist. Ich schaue gefühlt 1000 Videos, bin in den Hallen unterwegs, aber natürlich bin ich jetzt zeitlich nicht mehr so von den Spielplänen getrieben.
Traumjob Bundestrainer?
Traumjob Handballtrainer. Und Bundestrainer zu sein, ist schon super. Wie viele Menschen können schon bei einer EM, WM oder bei Olympischen Spielen für Deutschland antreten? Das ist ein mega Privileg. Wenn ich jetzt noch das Nationalteam jeden Tag um mich herum hätte, dann wäre es der Traumjob im Quadrat, die Kirsche auf der Torte, weil ich eben doch auch jemand bin, der sehr gern in der Halle steht.
Sieht das Männer-Bundestrainer Alfred Gislason genauso? Tauschen Sie sich aus?
Wenn wir uns sehen, reden wir miteinander, aber nicht über tiefer gehende Themen.
Er deutete an, 2027 etwas anderes zu machen als Bundestrainer. Wie sehen Sie Ihre Zukunft über das Vertragsende 2026 hinaus?
Was Verträge betrifft, bin ich total entspannt. Wir haben jetzt eine EM, dann die Heim-WM 2025 und auch für die Zeit über 2026 hinaus, muss ich schon jetzt Impulse setzen, um beispielsweise mit Blick auf die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles Kontinuität in der Qualität herzustellen. Mir macht die Arbeit jedenfalls saumäßig viel Spaß – und so lange ich Spaß habe, gebe ich Vollgas. Alles andere hängt im Leistungssport eben auch von Entwicklung und Ergebnissen ab.
„Wollen Begeisterung wecken“
Ist die anstehende EM so etwas wie die Generalprobe für die Heim-WM?
Wir wollen Begeisterung wecken, Werbung in eigener Sache betreiben, den Frauenhandball sichtbar machen – auf dieser Welle reiten wir ja schon eine ganze Weile. Wir kämpfen um Aufmerksamkeit. Da ist jedes Turnier, in dem wir im Schaufenster stehen, enorm wichtig.
Die Männer haben bei Olympia Silber geholt. Was macht Sie optimistisch, dass Ihr Team endlich einmal ins Halbfinale eines großen Turniers einzieht?
Es ist unglaublich schwer, in diese Phalanx der großen Vier einzudringen. Das ist in letzter Zeit eine nahezu geschlossene Gesellschaft mit den drei skandinavischen Teams Norwegen, Dänemark und Schweden plus Frankreich. Wir haben uns gemeinsam mit den Niederlanden direkt dahinter etabliert. Nach hinten haben wir es bereits geschafft, Abstand zu schaffen.
Der Blick muss doch aber nach vorne gehen.
Geht er ja auch. Deshalb arbeiten wir an unserer Konstanz und Stabilität. In den Spielen, in denen es gegen die absoluten Spitzenteams eng zugeht, reichen fünf Minuten, in denen du nicht auf Toplevel spielst. Das killt uns derzeit noch gegen die Topnationen.
Anja Althaus schießt zwar keine Tore mehr, ist jetzt aber neue Nationalmannschafsmanagerin. Was versprechen Sie sich von der Ex-Nationalspielerin?
Anja hat in ihrer Karriere extrem viel erreicht und gesehen. Sie kennt die deutschen Strukturen. Dinge, die gut sind. Dinge, die vielleicht auch hemmen. Sie war bei Topclubs und Verbänden im Ausland in verschiedenen Funktionen unterwegs, in Skandinavien, auf dem Balkan. Sie kann mit ihrer Art, mit ihrer Erfahrung eine Wirkung erzielen, Tipps geben, Vorbild sein, auch wenn sie nicht mehr selbst auf der Platte steht. Ich freue mich drauf.
„Ich kenne auch Ingo schon lange“
Die Entscheidung hat der neue Sportvorstand Ingo Meckes getroffen?
Ich bin Trainer und nicht für die weitere Personalausrichtung zuständig, aber natürlich gibt es einen Austausch, natürlich nimmt man mich mit, das macht Ingo, das hat Axel ( Axel Kromer, Anm. d. Red) getan.
Sie wohnen drei Kilometer von Axel Kromer entfernt, haben gemeinsam die Jugendmannschaft Ihrer Söhne trainiert. Wie haben Sie den Wechsel wahrgenommen?
Ich kenne auch Ingo schon lange, von daher müssen wir in der Zusammenarbeit nicht bei Null starten. Wir arbeiten gut, eng und vertrauensvoll zusammen.
Wie häufig haben Sie noch Kontakt zu Axel Kromer?
So häufig wie vor seinem Ausscheiden aus dem DHB auch. Wir teilen uns die Fahrten zum B-Jugend-Training unserer Söhne nach Balingen. Wir haben quasi täglich Kontakt.
Wann sehen wir ihn wieder im Handballgeschäft?
Ich hoffe schnell, weil er eine hohe Expertise und ein großes Herz für den Handball hat.
Ingo Meckes hält die Installation von Bundesstützpunkten für den Frauenhandball für sehr wichtig, einer davon soll in Stuttgart entstehen. Wie ist der Stand?
Es wäre ein Riesengewinn, diese Stützpunkte sind ein Schlüsselfaktor für Erfolge, weil die Strukturen im Frauenhandball eben noch nicht so sind wie im männlichen Bereich. Bei den Jungs gibt es flächendeckend Clubs mit Qualität, was Trainingsumfänge, Homogenität der Trainingsgruppen und Know-how betrifft. Wir müssen die Anzahl der Trainingseinheiten bei den Mädchen deutlich erhöhen, damit sie ganz oben ankommen. Dazu musst du Schule und Leistungssport zusammenbringen, da könnten Bundesstützpunkte enorm helfen, das zeigen die Beispiele in den Niederlanden oder in Frankreich.
„Stuttgart wäre guter Standort“
Wissen Sie genaueres über Stuttgart?
Ich bin nicht direkt involviert, aber Stuttgart wäre ein guter Standort, weil es hier eine brutale Dichte an Handballteams gibt.
DHB-Vorstandschef Mark Schober fände es gut, wenn mehr Männer-Bundesligisten ein Frauenteam hätten. Sie auch?
Im Fußball ist das ja inzwischen gang und gäbe. Eine Marke wie etwa Frisch Auf Göppingen ist ein Begriff, da hat es natürlich Charme, dass es da auch ein Frauenteam gibt. Das wäre im Fall von Kiel oder Magdeburg nicht anders. Aber das dürfte vor allem ein Geldthema sein, der Fußball hat da ein ganz anderes finanzielles Gesamtvolumen, um entsprechende Strukturen aufzubauen.
Welche Schlagzeile wünschen Sie sich nach der EM für Ihr Team?
Über Stabilität den nächsten Schritt gemacht.
Also hin zu einer Medaille?
Natürlich wollen wir da hin. Wir sind im Weltranking auf Platz sechs. Was will ich denn anderes ausgeben, als ein höheres Ziel? Dass es brutal schwierig wird, ist uns bewusst und wir werden alles dafür tun, unsere Leistung zu optimieren. Ob das dann reicht, um die Top Vier zu schlagen, ist nicht zwangsläufig garantiert. Deshalb muss unser Weg sein, uns selbst zu entwickeln.
Info
Vita
Markus Gaugisch wurde am 20. April 1974 in Göppingen geboren. Er feierte als Spieler 1993 die Deutsche A-Jugend-Meisterschaft mit dem TSV Heiningen. Später spielte er für den VfL Pfullingen und den TV Neuhausen/Erms. Er trainierte in der Bundesliga den TV Neuhausen/Erms und den HBW Balingen-Weilstetten, 2020 wurde er Chefcoach der Bundesliga-Handballerinnen der SG BBM Bietigheim (heute HB Ludwigsburg). Seit Mitte April 2022 trainiert er zusätzlich die deutsche Frauen-Nationalmannschaft. Ab Juli 2023 nur noch das Nationalteam. Er hat einen Vertrag bis 2026.
Privates
Markus Gaugisch ist verheiratet mit Silke. Das Paar hat die Kinder Ida (19), sie spielt bei der TuS Metzingen, und Kalle (16), er spielt für die B-Jugend des HBW Balingen-Weilstetten. Gaugisch war in Dußlingen Lehrer am Karl-von-Frisch-Gymnasium (Sport und Deutsch). Die Familie wohnt in Nehren.
EM
Deutschland spielt in der Vorrunden-Gruppe F in Innsbruck gegen die Ukraine (29. November, 20.30 Uhr), gegen die Niederlande (1. Dezember, 18 Uhr) und Island (3. Dezember, 20.30 Uhr). Die ersten beiden Teams qualifizieren sich für die Hauptrunde (5. bis 11. Dezember) in Wien. Das Halbfinale (13. Dezember, 17.45 Uhr und 20.30 Uhr), das Spiel um Platz drei (15.15 Uhr) und das Finale (18 Uhr/beide 15. Dezember) gehen ebenfalls in der österreichischen Hauptstadt über die Bühne. (jüf)