Kim de l’Horizon erhält für „Blutbuch“ den Deutschen Buchpreis 2022. Foto: dpa/Arne Dedert

Das „Blutbuch“ von Kim de l’Horizon erzählt die Familiengeschichte eines sich geschlechtermäßig nicht festlegenden Protagonisten.

Der diesjährige Siegertitel beim Deutschen Buchpreis ist ein Buch der Härte, gerade weil es von intimsten Beziehungen berichtet. Da ist das Kind, das sich zum Vater flüchtet, wenn die Mutter („Sie wäre gern ein Mann geworden. Sie wollte aggressiv sein dürfen. Studieren. Keine Kinder haben dürfen. Gleichzeitig hasst sie die Männer“) zur „Eishexe“ wird. Der Vater ist öfter abwesend, jedenfalls ohne Einfluss auf das Wesen, das im Werden begriffen ist und der Kälte der Mutter mit Einfühlung begegnet. Es will kein Bub sein, kein Mann werden.

 

Zwischen komischen Momenten und Selbstanklage

Später dann, in diesem kühn konstruierten „Blutbuch“, legt die Erzählerfigur als ältere Version ihrer selbst Zeugnis vom Ausleben einer bestimmten Sexualität ab, vom Aufgehen in der Schwulenkultur, „ich wurde ein Werwolf, ein Wenwolf, ein Wenfickeichheutewuff“. Man darf sagen, dass dieses Buch mit seinem smarten Sprachzugriff („Ich hüpfte in beballerter easyJet-oranger Aufgejazztheit zwischen Berlin und Zürich hin und her, machte Aderlass und gab mir das Mainstream-Gaydom beider Städte intravenös“) auch seine komischen Momente hat. Selbst dann, wenn es in der Selbstanklage, der Unerbittlichkeit gegen sich selbst endet: „Ich schäme mich für all das.“

Wie verwandelt man eine verschwimmende Identität in einen Text?

„Blutbuch“ ist ein in mancherlei Hinsicht gewagtes Experiment: Wie man die eigene verschwimmende, nicht fest andocken wollende Identität in einen Text verwandelt, der dementsprechend nicht als kunstvoll gefügter, fest gestanzter Roman durchgehen will. Kompliziert zu lesen ist der Text dennoch nicht. Aus der Perspektive eines sich wie sein Verfasser geschlechtermäßig nicht festlegenden Protagonisten wird die Lebens- und Familiengeschichte eines jungen Menschen aus der Schweiz erzählt, der den Prägungen und Gegenprägungen aus Kindheit und Jugend nachforscht.

Im ersten Teil ist dieser Roman hauptsächlich eine Familienaufstellung, ein Zurückblicken in die Ahnengalerie. Im zweiten ist das „Blutbuch“, bei dem die im Garten vom Vorfahr gepflanzte Buche ein Gegenstand hartnäckiger Betrachtung ist, ein Bericht der persönlichen, non-binären Entwicklung. Der Roman erzählt auf jeder Seite die gleiche Geschichte der absoluten Dekonstruktion, in der nicht nur Geschlechter, sondern auch die Kategorien Familie, Klasse und Milieu hinterfragt werden. Die Orientierungsschwierigkeiten des Kindes („Das Kind fragt sich. Wann muss man sich entscheiden. Ob man Mann oder Frau wird?“) weicht viel später der sexuellen Bestimmtheit im Unbestimmten: „Und ich war ja auch tatsächlich nie schwul, weil Schwulsein geht ja nur, wenn mensch daran glaubt, dass es zwei Geschlechter gibt und dass mensch auf dasselbe Geschlecht steht; und dieses Schauermärchen von bloss zwei Geschlechtern, von zwei unschmelzbaren Gletschern, die genau das Gegenteil voneinander seien, das erzähle ich nicht weiter.“

Man wartet nicht auf „jemanden“, sondern auf „jemenschen“

Hier ist alles fluid, die Geschlechter sind im Fluss. Der Mensch als Mann ist eine Erfindung, der Mensch als Frau auch. Sprachlich wird das Patriarchat unbedingt ausgeschlossen. Man wartet in diesem selbstbewusst funkelnden Text nicht auf „jemanden“, sondern auf „jemenschen“. „Blutbuch“ ist eine Erzählung vom Körper, der immer wieder neu imaginiert wird.

Kim de l’Horizon: Blutbuch. Roman. Dumont Buchverlag. 336 Seiten, 24 Euro.