Marlene Gotthardt wird auch in dieser Bundesligasaison für den MTV Stuttgart turnen. Foto: imago/Schreyer

Beim MTV Stuttgart haben sie lange überlegt, ob weiterhin eine Frauenriege an der Turn-Bundesliga teilnehmen soll. Am Ende hat man sich dafür entschieden. Vor dem Start am Samstag gelten aber neue Vorzeichen.

13 Titel in Folge seit 2012 – das klingt nicht nur beeindruckend, sondern auch nach einer Verpflichtung für die nächste Ausgabe der Deutschen Turnliga (DTL) der Frauen. Doch Nico Helwerth will einen solchen Gedanken nicht formulieren. Nicht in diesem Jahr. Nicht mit dieser Vorgeschichte. Also sagt der Präsident des MTV Stuttgart vor dem DTL-Auftakt an diesem Samstag in Mannheim: „Wir müssen ein bisschen kleinere Brötchen backen – und das tut vielleicht auch mal ganz gut.“

 

Seit Jahren speist sich die Riege, die der MTV ins Ligarennen schickt, zum Großteil aus den Kaderathletinnen, die am Kunstturnforum in Stuttgart an ihrer internationalen Karriere feilen. Aber eben dieser Bundesstützpunkt ist durch die öffentlichen Berichte früherer und den Hinweisen aktueller Turnerinnen ordentlich erschüttert worden in den vergangenen Monaten. Und so ist das letzte, was man vonseiten des Stuttgarter Großvereins nun ausstrahlen möchte: Erfolgsdruck.

„Natürlich gehen wir nicht in einen Wettkampf, um zu verlieren“, sagt Alexander Otto. Doch auch der Teammanager der MTV-Riege betont: „Wir müssen nicht jedes Jahr deutscher Meister werden. Es gibt in diesem Jahr keine Erwartungen.“ Zumal die besten Stuttgarter Turnerinnen ja auch mit einigem Trainingsrückstand zu kämpfen haben.

Als Folge der Kritik an den Trainingsmethoden am Kunstturnforum (KTF) sind eine Trainerin und ein Trainer freigestellt worden. Bis Ersatz gefunden war – mittlerweile coacht die Amerikanerin Aimee Boorman am KTF – hat es viele Wochen gedauert. Zu Beginn der turbulenten Zeit „durften die Mädels ja nicht einmal in die Trainingshalle“, erinnert sich Alexander Otto. Entsprechend kann er nur hoffen, dass die Turnerinnen nun dennoch schon ein gutes Wettkampfniveau erreicht haben. Auch in deren eigenem Sinne.

Bundesligaauftakt ist auch EM-Qualifikation

Denn so sehr der MTV bemüht ist, Druck aus dem ersten Bundesligatag der Saison zu nehmen – der Wettkampf in Mannheim dient dem Bundestrainer Gerben Wiersma bereits als erste Qualifikation für die Heim-EM, die Ende Mai in Leipzig stattfindet. Die zweite und letzte findet dann am 10. Mai statt.

Für die Stuttgarter Turnerinnen ist also wichtig, dass sie sich überhaupt präsentieren können auf dieser nationalen Bühne. Dies war letztlich auch der Grund, weshalb man sich beim MTV dazu entschieden hat, trotz der Vorkommnisse weiter eine Mannschaft an den Start zu schicken. „Wir haben zahlreiche Gespräche mit den Athletinnen, aber auch mit deren Eltern geführt“, berichtet MTV-Präsident Nico Helwerth, „es war der große Wunsch da, weiter in der Bundesliga turnen zu können.“ Alexander Otto ergänzt: „Wir wollten die Turnerinnen nicht hängen lassen. Für sie ist die Liga eminent wichtig, um Kaderpunkte zu sammeln. Hätten wir nicht mehr gemeldet, hätten sich alle kurzfristig nach einem neuen Verein umschauen müssen.“

Als dann auch vom wichtigsten Sponsor die Zusage da war, dabeizubleiben, war die Entscheidung für die Fortführung endgültig gefallen. Aber: Es ist keine auf Jahre hinaus.

„Wir haben das zunächst für diese Saison entschieden“, sagt Nico Helwerth, „danach schauen wir weiter.“ Man wolle den Prozess der Aufarbeitung und Veränderung im Leistungssport Turnen weiter genau beobachten. Bislang, betont der Vereinschef, gebe es bis auf die Suspendierungen ja noch keine endgültigen Entscheidungen beim Deutschen Turner-Bund (DTB) und beim Schwäbischen Turnerbund (STB). Der MTV selbst hat die Gültigkeit seines Kinderschutzkonzepts nun auch auf die Betreuerinnen und Betreuer der Bundesligamannschaft im Turnen ausgeweitet.

Elisabeth Seitz (li.) und Pauline Schäfer-Betz werden in Mannheim nicht turnen können. Foto: imago/kolbert-press

Betreut wurde das MTV-Team bislang stets von den Trainerinnen und Trainern der Spitzengruppe aus dem KTF, da diese auch im Alltag viele Turnerinnen anleiten. Durch die Suspendierungen entstehen aber auch hier Veränderungen. Marta Boldori und Elena Dolgopolova – beide sind in der Zeit der Vakanz am KTF auch bei der Topgruppe eingesprungen – werden nun im Einsatz für den MTV sein. Welche Turnerinnen in Mannheim dabei sein werden, entscheidet sich kurzfristig.

Klar ist: Obwohl Elisabeth Seitz und Pauline Schäfer-Betz auf der Kaderliste des MTV stehen, werden die Routiniers aus Verletzungsgründen erst einmal nicht an die Geräte gehen. Meolie Jauch (TS Neckargym Nürtingen/zweite Liga) und Michelle Timm (TSV Berkheim) haben den MTV verlassen.

Im Fokus stehen also vor allem jüngere Turnerinnen – wobei die gesamte Liga mit Blick auf die jüngsten Diskussionen im Frauenturnen da ein eher diskussionswürdiges Bild abgibt. Nur in zwei von acht Teams ist das jüngste Kadermitglied 14 Jahre oder älter. Bei der Hälfte der Mannschaften sind sie dagegen erst elf oder zwölf Jahre jung. Beim Dresdner SC liegt gar das Durchschnittsalter unter 15 Jahren.