Seit der Wiedervereinigung fiel die olympische Bilanz der Deutschen nie dürftiger aus als jetzt. Hierzulande stellt man fest: Helden zu formen kostet Geld.
Tokio - Die Olympischen Spiele in Tokio sind vorbei, die Diskussionen im deutschen Sport nicht. Auch wegen Neeraj Chopra. Der Mann ist ein indischer Weltklasse-Speerwerfer und seit Samstag Olympiasieger – das auch, weil der klare Favorit Johannes Vetter ein sportliches Desaster erlebte und nur Neunter wurde. Das brachte Chopra (23) Gold und einen Haufen Geld. Die indische Regierung und private Unternehmen kündigten an, den Leichtathletik-Helden mit Prämien im Wert von rund 1,7 Millionen Euro zu belohnen, zusätzlich zu den 85 000 Euro, die Indiens Olympia-Komitee ausgesetzt hat. An solche Summen braucht in Deutschland kein Ringer, Ruderer oder Kanute zu denken. Aber auch kein Leichtathlet oder Turner. Ihnen geht es um andere Fragen: Wie viel ist Deutschland der sportliche Erfolg wert? Und wie viel Wertschätzung erfahren erfolgreiche Sportler? Noch gibt es keine befriedigenden Antworten.
Seit der Wiedervereinigung fiel die Bilanz nie dürftiger aus
Rückblick. Sechs Stunden vor dem Finale im Speerwerfen sitzen Alfons Hörmann und Dirk Schimmelpfennig auf dem Podium in einem der Medien-Konferenzräume im olympischen Dorf. Der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) und sein Vorstand Leistungssport, zugleich die Delegationsleiter in Japan, ordnen die Leistung ihrer Mannschaft ein. Und kommen dabei kaum über Allgemeinplätze, Plattitüden und Schönrednerei hinaus. „Unsere Athleten waren großartige sportliche Botschafter“, sagt Alfons Hörmann, „wir kehren mit schönen Erfolgen nach Deutschland zurück.“ Und Dirk Schimmelpfennig erklärt: „Mein Highlight war, wie sich die Sportler präsentiert haben. Das Team D ist nicht nur eine Marke, es wird gelebt.“ Die nackten Zahlen hätten auch eine etwas kritischere Interpretation zugelassen. Denn die Tendenz ist eindeutig.
Seit der Wiedervereinigung fiel die Bilanz nie dürftiger aus. 1992 in Barcelona belegte das deutsche Team noch Rang drei der Nationenwertung (33 x Gold, 21 x Silber, 28 x Bronze), 2016 in Rio de Janeiro sprang mit 42 Medaillen (17/10/15) immerhin noch Platz fünf heraus. In Tokio gab es nun 37 Podestplätze, allerdings nur noch zehn Goldmedaillen (plus 11 x Silber, 16 x Bronze). Und das, obwohl sich die Zahl der Wettbewerbe im Vergleich zu den Sommerspielen in Brasilien um 33 auf 339 erhöht hat. Damit rutschte das Team D hinter Australien (17/7/22), die Niederlande (10/12/14) und Frankreich (10/12/11) auf Rang neun ab.
Das muss einen nicht stören, vielen ist der Kampf um olympische Medaillen ohnehin viel zu nationalistisch, chauvinistisch und egoistisch geprägt. Man kann es aber auch ganz anders sehen – schließlich steckt reichlich Steuergeld im System.
Am Ehrgeiz hat es den Athletinnen und Athleten in Tokio zwar nicht gefehlt
Der Bund fördert den Spitzensport derzeit mit rund 300 Millionen Euro pro Jahr. Und erwartet dafür Ergebnisse. Da scheint es durchaus fraglich zu sein, ob die vor den Spielen verbreiteten Botschaften der DOSB-Vorstandsvorsitzenden Veronika Rücker („Der Medaillenspiegel spielt diesmal eine untergeordnete Rolle“) und ihres Präsidenten Hörmann („Wichtig ist, alle wieder gesund nach Hause zu bringen“) wirklich zielführend waren. Am Ehrgeiz hat es den Athletinnen und Athleten in Tokio zwar nicht gefehlt. An der Ausbeute manchmal sehr wohl.
Erstmals seit 25 Jahren blieben die Mannschaften in den großen Ballsportarten ohne Medaille, allein das Tischtennis-Team der Männer holte Silber. Die Schützen schossen zu wenig treffsicher, als es um die Podiumsplätze ging, auch die Fechter, Boxer und Triathleten gingen leer aus. Es gab Favoritenstürze wie von Vetter oder Ruderer Oliver Zeidler, dafür nur wenige Ausreißer nach oben. Und wie schon bei den Winterspielen 2018 in Pyeongchang eine Nullnummer bei den neuen, jungen, hippen Sportarten.
Im Skateboarden, Sportklettern und Surfen waren die Deutschen raus, als es richtig zur Sache ging. Weshalb die Analyse von Dirk Schimmelpfennig im Rückblick fast schon ein wenig skurril anmutete.
Der Leistungssport-Chef des DOSB begründete das Abrutschen in der Nationenwertung unter anderem damit, dass sich andere Länder auf medaillenträchtige Sportarten konzentrieren würden. Australien zum Beispiel holte 20 Podestplätze im Schwimmen, Japan allein neunmal Gold im Judo, dazu fünf Medaillen (darunter drei Siege) im Skateboard. „Wir“, erklärte Schimmelpfennig, „setzen weiter auf die Vielfalt des Sports.“ Geht nicht beides? Das fragt sich auch Robert Harting.
„Ich würde mir wünschen, dass häufiger selbstbewusst gesagt wird: Wir wollen Erster sein!“
Der Olympiasieger und dreimalige Weltmeister im Diskuswerfen war schon als Athlet ein kritischer Geist, und diese Haltung hat er sich bewahrt. Während der Spiele in Tokio meldete er sich in diversen Kolumnen zu Wort. „Deutschland ist eine Standardnation. Wir liefern durchschnittlichen Erfolg mit durchschnittlichem Glauben an die eigene Leistung, wachsen nur selten über uns hinaus“, meinte Harting zum Beispiel, „ich würde mir wünschen, dass häufiger selbstbewusst gesagt wird: Wir wollen Erster sein! Denn es geht um die Effekte für die Gesellschaft. Erfolgreiche Spitzensportler werden zu Vorbildern und Ikonen, woraufhin mehr Kinder und Erwachsene angetrieben werden, Sport zu machen, was Gesundheit und Wohlbefinden steigert.“ Doch Helden zu formen kostet: Geld.
Harting rechnet vor, dass für eine Neustrukturierung des deutschen Sports eine Investition von rund drei Milliarden Euro nötig sei. Der frühere Diskuswerfer fordert eine Taskforce mit hauptamtlich tätigen Experten aus Sport, Politik und Wirtschaft, mehr hauptamtliche Trainer, Betreuer und Funktionäre, eine Verankerung des Leistungssports in den Universitäten (ähnlich wie in den USA, wo Athleten über Stipendien gefördert und ihnen so die duale Karriere ermöglicht wird). Zudem müsse das Image des Sports in Deutschland dringend verbessert werden, meint Harting: „Dabei geht es nicht ums Geld, sondern um das Ansehen. In anderen Nationen wird Leistung mehr gewürdigt, bei uns kippt das Gleichgewicht zwischen Aufwand und Ertrag.“
Es klingt nicht, als würde der deutsche Sport nun rasch an Tempo zulegen
In Tokio hört sich in der Pressekonferenz im olympischen Dorf stattdessen alles nach einem kräftigen „Weiter so!“ an. Hörmann und Schimmelpfennig sprechen davon, dass die bereits Ende 2016 beschlossene Spitzensportreform mit ihrem berühmten Potenzialanalysesystem vom 1. Januar 2022 an vollumfänglich im Einsatz sei, die Strukturen in den Verbänden so weit geschaffen seien, dass man sich nun intensiv um die Vermehrung der Finalplätze und Medaillen bei den Spielen 2024 (Paris/Sommer) und 2026 (Mailand/Winter) kümmern könne. Schon Anfang 2022 finden die Winterspiele in Peking statt. Es klingt nicht, als würde der deutsche Sport nun rasch an Tempo zulegen. Und auch, was Anreize für erfolgreiche Athleten angeht, herrscht Stillstand.
Am Schlusstag der Spiele in Tokio rühmt sich die Deutsche Sporthilfe, an jeden Olympiasieger einen Bonus von 20 000 Euro auszuzahlen, insgesamt gingen an das Team D Prämien in Höhe von 1,35 Millionen Euro. Es gibt einen indischen Speerwerfer, der darüber nur müde lächeln kann.