Der Bundestrainer Julian Nagelsmann schwört die Nationalspieler im Trainingslager auf das große EM-Ziel ein. Auch für den VfB-Profi Waldemar Anton ist die aufkommende Euphorie etwas Besonderes.
Von Waldemar Anton gibt es ja die schöne Geschichte, dass er seinen Eltern nach dem Abschluss eines neuen Vertrages etwas Gutes tun wollte. Ein Häuschen wollte er ihnen hinstellen, und sie sollten nicht mehr arbeiten müssen. Doch Mutter und Vater haben den Sohn in diesem Moment nur mit großen Augen angeschaut und das Angebot dankend abgelehnt. Sie wollten ihr normales Leben in Hannover weiterführen, als Köchin und Busfahrer.
Da sei nichts zu machen, meint der Abwehrspieler des VfB Stuttgart, wenn er darüber spricht. Und die Erzählung passt deshalb so gut in Antons Berufsphase, weil sie für den Arbeitsethos steht, der den 27-Jährigen bis in die Nationalmannschaft gebracht hat. Denn von klein auf hat er vermittelt bekommen, dass er nichts geschenkt bekommt und sich für alles voll einsetzen soll.
Die Lust der Nationalspieler
Jetzt gehört Anton zum EM-Kader und bereitet sich mit der Auswahl des Deutschen Fußball-Landes (DFB) im Weimarer Land auf das Heimturnier ab 14. Juni vor. Etwas Besonderes ist das für den vielseitigen Verteidiger, da er noch nie bei einem Großereignis dabei war, und etwas Außergewöhnliches sollen die nächsten Wochen werden. „Ich freue mich am meisten auf die Atmosphäre, die im ganzen Land herrschen wird“, sagt Anton. Er verspürt wie die anderen Nationalspieler eine enorme Lust, eine neue Begeisterungswelle auszulösen.
In Thüringen hat es nicht viel gebraucht, um die Stimmung zu heben. Schon am Tag der Anreise säumten Kinder und Fans die Lindenallee hinauf zum Mannschaftshotel, einem exklusiven Golfresort in Blankenhain. Auf Campingstühlen sitzend, mit Getränken und Snacks versorgt, hofften die Anwohner und Anhänger einen Blick auf die ankommenden Stars zu erhaschen, vielleicht sogar ein Foto zu knipsen oder ein Autogramm zu erhaschen. „Es ist schön, wenn man hier hochfährt und die Fans empfangen einen, schmücken ihre Häuser und schwenken ihre Fähnchen. Das gibt auch der Mannschaft ein tolles Gefühl“, sagt der Bundestrainer Julian Nagelsmann.
Ein Vorgeschmack, auf das was im ganzen Land nach Siegen passieren kann, ist das. Am Montag ging dann die Charmeoffensive des DFB weiter. In Jena wurde ein öffentliches Training abgehalten, vor 15 000 Besuchern. Innerhalb von zehn Minuten waren die Eintrittskarten vergriffen. „Wir hätten ein deutlich größeres Stadion füllen können“, sagt der Sportdirektor Rudi Völler, dem es ein persönliches Anliegen war, dass sich die Nationalmannschaft im Osten der Republik zeigt. „Die EM soll nicht nur in den zehn Spielorten stattfinden. Es soll eine Europameisterschaft für ganz Deutschland sein“, sagt Völler, der sehr auf den Faktor Euphorie setzt.
Seit Wochen spricht Völler über den Optimismus, den es in den nächsten Wochen in der Fußballnation braucht. Möglichst bis zum Finale am 14. Juli in Berlin sollen die positiven Emotionen das Team um Nagelsmann tragen. Das ist die Hoffnung, die der DFB-Präsident Bernd Neuendorf in den Politikersatz gepackt hat: „Wir wollen, wie alle Mannschaften, das Maximale erreichen und glauben, dass es möglich ist.“
Familiäres Programm
Auch Nagelsmann hat den Gewinn des EM-Titels bereits als Ziel formuliert. Im inneren Zirkel wird der Glaube, es nach drei erfolglosen Turnieren wieder besser hinzubekommen, immer fester verankert. Dabei ist das Vertrauen groß in die Entscheidungen des Bundestrainers, der zusammen mit der Mannschaft im vergangenen März mit den Siegen gegen Frankreich und die Niederlande einen Neustart hingelegt hat – dank eines veränderten Kadermixes.
Nun geht es darum, weiter die Abläufe in Defensive und Offensive zu trainieren – ohne die Spieler nach einer strapaziösen Saison körperlich zu überfordern. „Wir werden uns nicht kaputt trainieren“, glaubt Maximilian Mittelstädt, der mit Waldemar Anton, Deniz Undav, Chris Führich und Alexander Nübel zur fünfköpfigen VfB-Gruppe in Thüringen zählt. Mit seiner Freundin ist der Linksverteidiger angereist und macht so Gebrauch von Nagelsmanns Angebot, das erste Trainingslager familiär zu gestalten.
Entsprechend ist das Rahmenprogramm ausgelegt, mit einem Grillfest, mit einer Teambuilding-Maßnahme gemeinsam mit einem Sondereinsatzkommando der Polizei, mit dem Besuch des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier. Das soll einerseits Lockerheit bringen, andererseits das Mannschaftsgefüge stärken.
Die Arbeit auf dem Platz bleibt für Nagelsmann – bei aller Abwechslung – dennoch das Allerwichtigste. „Ich erwarte, dass wir Vollgas geben“, sagt der Bundestrainer, der aber noch auf zehn Spieler wegen der Verpflichtungen in ihren Clubs verzichten muss. Das gibt einem relativen DFB-Frischling wie Anton die Gelegenheit, sich weiter zu empfehlen. Zumal er seit Kindesbeinen ohnehin nur den Vollgasmodus kennt.