Führungskraft in der Nationalmannschaft: der Abwehrspieler Antonio Rüdiger Foto: imago//Joerg Nieberga

Der Nationalspieler will einen Vorfall auf dem Frankfurter Flughafen schnell abhaken – um sich auf seine neue Rolle im Länderspiel gegen die Ukraine zu fokussieren.

Der Sünder hat sich gleich reuig gezeigt. Noch bevor Antonio Rüdiger vor dem Fußball-Länderspiel an diesem Montag (18 Uhr/ZDF) gegen die Ukraine auf sportliche Fragen antwortete, war ihm eines wichtig. „Natürlich habe ich überreagiert“, sagt der Nationalspieler, „deshalb möchte ich mich in Richtung des Autogrammjägers noch einmal entschuldigen.“

 

Thema abgeräumt, wie es der Abwehrmann auch in seinem Spiel bevorzugt: kurz und knackig. Zuvor war im Internet ein Film veröffentlich worden, der dokumentiert, wie Rüdiger einen aufdringlichen Fan am Frankfurter Flughafen beleidigt. Es ging um beharrliche Autogrammwünsche. Rüdiger rief dem Mann ein Schimpfwort zu. „Ich kenne zwar das Video nicht, aber den Vorfall“, sagte darauf hin Rudi Völler, der Sportdirektor des Deutschen Fußball-Bundes (DFB).

Der offensive Umgang mit Kindern

Rüdiger fühlte sich wohl ein Stück weit verfolgt, weil die Szene per Handy festgehalten wurde. Das ist der Preis der Prominenz. Der Profi kennt das. Im Grunde gehört er ja auch zu den Spielern, die gerne unterschreiben und für Selfies zur Verfügung stehen. Nur halt mit bitte und danke. „Er weiß, dass er einen Fehler gemacht hat“, sagt Völler, der Rüdiger am nächsten Tag zum Gespräch bat.

Keine große Sache soll daraus gemacht werden. Zumal der DFB eine PR-Kampagne fährt. Zwischen Fans und Nationalelf soll wieder mehr Nähe entstehen. Der Verband hofft auf die Zuwendung der Anhängerschaft spätestens zur Heim-EM im nächsten Jahr. Und Rüdiger stürzte sich zuletzt beim öffentlichen Training auf dem DFB-Campus in Frankfurt fast so in die kleine Menschenmenge mit Kindern, Müttern, Vätern, Omas und Opas wie er es auf dem Platz in den Zweikämpfen tut – mit vollem Engagement.

Seit Jahren haftet Rüdiger das Image des Rambos an. Ein Abwehrspieler, der furcht- und gnadenlos zu Werke geht. Robust, schnell und aggressiv. Da kann er die Grenze des Zulässigen schon einmal überschreiten. Früher ist ihm das mit seinen Grätschen und Attacken auch öfter passiert. Er galt als Hitzkopf, mindestens aber als einer, der im Übereifer zu viel des Guten tut. Bereits während seiner Zeit beim VfB Stuttgart (bis 2015) arbeitete der damalige Jungprofi deshalb mit einem Mentalcoach zusammen – um seine Energie in die richtigen Bahnen zu lenken.

Mittlerweile ist Rüdiger 30 Jahre alt. Gereift bei europäischen Topclubs wie der AS Rom, dem FC Chelsea und seit einer Saison bei Real Madrid. Königlich ist sein Spiel nicht, aber souverän. In 33 Ligaeinsätzen erhielt Rüdiger in Spanien nur eine Gelbe Karte, in den zehn Champions-League-Partien dieser Saison gar keine. Ausdruck eines kontrollierten Verteidigens, ohne auf seine Kernkompetenzen zu verzichten. Zu sehen war dies zuletzt vor allem im Königsklassenhalbfinale, als er den Stürmerstar Erling Haaland von Manchester City im Hinspiel ausbremste. Teils mit eigenwilligen Aktionen. „Ich plane das nicht. Das kommt aus dem Moment heraus“, sagt Rüdiger.

Auch Erling Haaland bekommt was zu hören

Einen solchen Fels in der Abwehrbrandung wünscht sich auch Hansi Flick in der Nationalelf. An Rüdiger (57 Länderspiele) sollen die gegnerischen Stürmer abprallen. Ungelenk mag das erscheinen, wie der 1,90 Meter große Modellathlet agiert und klammert, aber für den Bundestrainer stellt Rüdiger eine feste Größe dar, mit seinem Erfolgshunger und seiner Erfahrung.

„Ich sehe mich als Führungsspieler“, sagt Rüdiger, der nun in einer neuen Dreierkette spielen soll. Nicht im Abwehrzentrum. Der Real-Mann mag es mehr zu attackieren als zu organisieren. Auch mit Worten, zumindest auf dem Feld. „Es ist bekannt, dass ich gern Trashtalk mit meinen Gegenspielern betreibe“, sagt der Verteidiger. Auch Haaland hat da schon einiges zu hören bekommen.