Der DFB-Sportdirektor Rudi Völler blickt dem symbolträchtigen Länderspiel gegen die Ukraine mit Vorfreude entgegen. Foto: IMAGO/Schüler/IMAGO/Marc Schueler

Die Nationalelf trifft am Montag auf die Ukraine – eine symbolträchtige Partie. Zum einen ist es für den DFB das 1000. Länderspiel, zum anderen werden viele Signale ausgesandt.

Mit der politischen Positionierung ist das ja so eine Sache beim Deutschen Fußball-Bund (DFB). Einerseits wurde die Zeit des Zeichensetzens zuletzt im März offiziell für beendet erklärt. Der Fokus richte sich allein auf den Sport, hieß es von allen Seiten, gerade vor der Heim-EM im nächsten Jahr. Der Bundestrainer Hansi Flick betonte es, der Sportdirektor Rudi Völler untermauerte es, und der Ersatzkapitän Joshua Kimmich wiederholte es.

 

Verständlich nach der unsäglichen Debatte, die sich während der WM 2022 in Katar wegen eines Stücks Stoff zugespitzt hatte. Die One-Love-Binde – mit ihr verbindet sich das sportliche Scheitern sowie das Einknicken des Verbandes und seines Präsidenten Bernd Neuendorf vor dem Weltverband Fifa.

Das sagt der DFB-Präsident Bernd Neuendorf

Andererseits erhebt der DFB jedoch den Anspruch, auch abseits des Platzes etwas zu sagen zu haben und mit seinem Tun von gesellschaftlicher Relevanz zu sein. Jetzt trägt der Spielführer Schwarz-Rot-Gold am Arm, und der letzte Dreiklang eines Statements bei einem Länderspiel wirkte befremdlich. Auf der Anzeigetafel wehte die ukrainische Flagge, am Mittelkreis des Stadions war ein großes Peace-Logo zu sehen, und aus den Lautsprechern dröhnte Marius Müller-Westernhagen mit seinem Song „Freiheit“. Ein Versuch, sich mit der von Russland angegriffenen Nation zu solidarisieren.

Doch nun wird es für den DFB konkret: Das 1000. Länderspiel der Verbandsgeschichte steht an – und es ist eine Begegnung für den Frieden. „Das Spiel gegen die Ukraine hat eine ganz besondere Bedeutung in einer außergewöhnlichen Zeit“, sagt Neuendorf. Hohe politische Prominenz wird an diesem Montag (18 Uhr/ZDF) erwartet. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat sich angekündigt. Und es ist davon auszugehen, dass sich um ihn herum weitere Politiker und Funktionäre in Szene setzen wollen.

Ein Signal soll vom Weserstadion aus gesandt werden: Unterstützung für die leidgeplagte Bevölkerung im Osten Europas und eine kleine Auszeit von den Schrecken des Krieges für die Nationalspieler des Gegners. Aber schon mit diesem Begriff hat der DFB-Präsident diesmal seine Schwierigkeiten: „Wir spielen mehr mit der Ukraine als gegen die Ukraine.“

Neuendorf mag jedoch nicht falsch verstanden werden – bei aller Vorfreude auf das Jubiläum. „Gewinnen wollen wir schon“, sagt der 61-Jährige. So sagt es auch sein Nebensitzer auf dem DFB-Campus in Frankfurt: Rudi Völler. Sie sind gekommen, um die politische und sportliche Ebene des Auftritts zu verbinden – ein Spagat. Der Ex-Stürmer fungiert ja seit wenigen Monaten als Sportdirektor, und er erscheint als eine Art Innen- und Außenminister des Verbandes in Personalunion. Nach innen wirkt Völler integrativ, verknüpft die A-Nationalmannschaft mit den Nachwuchsteams. Nach außen stellt der 63-Jährige die neue Integrationsfigur dar.

Ein wichtiger Test vor der EM 2024

Völler ist beim Publikum noch immer beliebt. Ein volksnaher Typ, der eine Fußballzeit verkörpert, als vieles in der Ballbranche noch nicht so kompliziert war. Der DFB-Sportdirektor ist ein Mann der einfachen Wahrheiten. „Es wird trotz des Benefizcharakters kein reines Freundschaftsspiel werden“, sagt Völler. Er stuft die symbolträchtige Begegnung als einen wichtigen Test ein. In einem Jahr beginnt die EM – und das deutsche Team will sich im eigenen Land anders präsentieren als bei den Turnieren zuvor.

Leidenschaft lautet das große Schlagwort, dass Flick und Völler vor sich hertragen. Denn die Wüstenweltmeisterschaft im vergangenen Herbst hat gezeigt, wozu Mannschaften fähig sind, die nicht nur Fußball spielen können, sondern mit Willensleistungen an die Grenze gehen. Beste Beispiele: Weltmeister Argentinien und Halbfinalist Marokko. Die DFB-Elf war weit davon entfernt und versucht sich nun wieder auf die alten Tugenden zu besinnen.

Schön spielen ist vorbei, über den Kampf ins Spiel finden dagegen wieder angesagt. Diese Herangehensweise soll die Basis dafür bilden, dass die Fans die Distanz zu ihrer einstigen Lieblingsmannschaft überwinden. Und in Bremen soll eine lange vernachlässigte Region zurückerobert werden. Denn aufgrund politischer Differenzen wurde seit mehr als elf Jahren kein Länderspiel mehr in der Hansestadt ausgetragen. Es herrscht ein Rechtsstreit mit der Deutschen Fußball-Liga um die Übernahme von Polizeikosten.

Doch auch hier gibt es nun ein Zeichen Richtung EM. Zumal das WM-Turnier ebenfalls vor Augen geführt hat, welche emotionale Kraft sich aus der Verbindung mit der Anhängerschaft entfalten kann. Für die Nationalelf heißt es somit, verloren gegangenen Kredit zurückzugewinnen und gleichzeitig zu helfen, eine Imagekrise des Verbandes zu bewältigen. Das Spiel für den Frieden bietet dazu einen willkommenen Anlass.