Mit einer „behinderten Comedyshow“ ist das deutsch-türkische Kabarettfest im Renitenztheater eröffnet worden.
„Darf ich jetzt lachen oder nicht“, bringt Okan Seese die „Sorgen“ vieler Leute auf den Punkt, als „Deutschlands inklusivstes Trio“ Fragen beantwortet, die das Publikum in der Pause auf Kärtchen schrieb. Okan Seese ist taub, sein Comedy-Kollege Timur Turga ist blind, und Tan Caglar sitzt im Rollstuhl. Das eigentliche Problem aber ist: Alle drei sind Türken beziehungsweise „kein richtiger Türke“, wie Timur Turga oft hört, weil sein Vater – die Mutter ist Deutsche – vor lauter Schichtarbeit keine Zeit hatte, ihm türkisch beizubringen.
Okan Seese stellt sich als „halb Deutscher, halb Türke, aber ganz schwul“ vor. Und Tan Caglar gesteht: „Ich bin überintegriert.“ Schuld daran seien die Eltern, die in den 70ern nach Deutschland kamen. Heute noch hisse der Vater, wenn nachts der Halbmond überm Haus stehe, die Deutschlandfahne. Herzlich willkommen bei „Şaka Maka“, dem deutsch-türkischen Kabarettfest im Renitenztheater!
Timur Turga, dessen Sehkraft seit dem 16. Lebensjahr bei fünf Prozent liegt, müsse sich manchmal rechtfertigen, wenn er dies auf der Bühne zum Thema mache. Für ihn ist „Humor die schönste Art aufzuklären“. Denn offensichtlich gibt es Klärungsbedarf genug: Wenn er etwa vor einer Flugreise in den Sammelbereich für Behinderte in einen Rollstuhl gesetzt werde. Tan Caglar hingegen kann von seinen Erlebnissen mit der Deutschen Bahn berichten. Ohne Anmeldung seines Handicaps darf er nicht mitfahren, könnte es doch sein, dass er nicht alleine in den Zug kommt. Darüber diskutiert er eine halbe Stunde mit dem Schaffner – im fahrenden Zug, der dann eine „Ausnahme“ macht, denn: „Kenn ich Sie nicht?“ Ja, vielleicht als Arzt im Rollstuhl aus der ARD-Serie „In aller Freundschaft“.
Und der taubstumme Okan Seese? Soll im Fundbüro wegen seiner verlorenen Handtasche „persönlich vorsprechen“. Und von wegen „Recht auf kulturelle Teilhabe“ – für seinen Antrag auf eine Dolmetscherin im Theater erhielt er einen ablehnenden Bescheid.
Zum Glück gibt es im Renitenztheater gleich drei Frauen, die in Gebärdensprache übersetzen. Mit einer davon hat Okan Seese seinen besonderen Spaß, weil er als „Mentalmagier“ nicht nur den Namen von Jessica in der ersten Reihe, sondern auch deren Lieblingsfarbe Grün, die sie ebenfalls in den Raum ruft, errät. Natürlich ganz „ohne Verabredung“ mit der Dolmetscherin. Was für ein befreiender Auftakt des deutsch-türkischen Kabarettfests, das noch bis zu diesem Sonntag gefeiert wird!