Lockerungsübungen kurz vor dem großen Stressmoment, in dem dem erwartungsvollen Publikum Rottweil-Szenen und Gedanken serviert werden sollen: Behzad Karim Khani (von links), Leta Semadeni, Rebecca Gisler, Manon Hopf, Heinz Helle, Julia Weber, Arno Frank und Christine Koschmieder. Foto: Bodo Schnekenburger

Die Deutsch-Schweizer Literaturtage, die inzwischen 33. Rottweiler Begegnung, servierte am Wochenende den Besuchern einen vielfältigen Blick auf Literatur – und ins Leben. Den Blick auf und aus Rottweil genossen übrigens auch die Teilnehmenden.

Was kann Rottweil? Im Spiegel seiner Geschichte und seiner Geschichten, natürlich bis hin zu ganz aktuellen Begebenheiten, regt es zu Betrachtungen philosophischer Dimension an, rührt an Reflexionen – was dann auch auch zur Diskussion mit angedeuteter philosophischer Dimension wachsen darf –, es besticht förmlich mit seiner Schönheit all jene, die bereit sind, diese oder jenes Schöne zu sehen. Wie auch immer: Was am vergangenen Wochenende geschehen ist, darf verwundern, dürfte es eigentlich nicht, weil sowas immer wieder geschieht. Kommen Leute von auswärts, Menschen, deren Job das Sehen, Denken und Formulieren ist, und sie tun genau das – und sie tun mehr.

 

Oft beginnen die Deutsch-Schweizer Literaturtage in Rottweil mit dem Ende. Die Idee, man könne den Teilnehmenden ja einen kleinen Text über Rottweil, ihre Eindrücke, ihr Erleben, das Treffen unter Kollegen als Hausaufgabe, oder immerhin dringend zu erfüllenden Wunsch, aufgeben, ist bestechend. Wann immer sie sich ins damals noch „Deutsch-Schweizer Autorentreffen“ genannte Literaturfest geschlichen hat, es war ein Ereignis mit maximaler Nachhaltigkeit. Großartig.

Bei der Abschlussmatinee am Sonntag würde es fürderhin keine Anschlüsse an die Einzellesungen vom Samstag geben, kein Kurzkapitel aus demselben Roman wie gestern oder der Anhang von drei Haikus, die schon immer Fragen an dieses gestern so gefeierte Lyrikkonvolut gestellt haben. Nein. Rottweil ist gefragt. Rottweil ist versprochen. Mit Rottweil lässt sich werben. Ach so: Natürlich wird die Sammlung der Texte der diesjährigen Abschlussmatinee pünktlich vor Weihnachten im örtlichen Buchhandel erhältlich sein.

Rottweil regt die Teilnehmenden an

Für die Teilnehmenden ist das allerdings purer Stress. Deshalb fängt das Autorentreffen für viele mit dem Ende an. Der Text darf nicht reifen, er muss sitzen, dem Vergleich mit jenen der Kollegen links und rechts und denen aus den Jahren hinter einem standhalten. Und wenn in launiger Runde ein Satz aus der Vergangenheit ins Abendessen fällt, einer, der einfach ist, brillant, monolithisch, dann kann einem das ziemlich Dampf machen.

Arno Frank erweist sich dieses Jahr allerdings als Endgegner für so einen Satz, den er sehr elegant, mit diplomatischem Charme, aber stringent neu deutet. Rottweil regt sie an, manchmal sicher auch auf, aber vor allem an. Denn die Teilnehmenden, und in diesem Jahr besonders, leben, was von Anfang an im Zentrum stand: „Begegnung“ ist gefragt. Und so begegnen sich Frank, Christine Koschmieder, Behzad Karim Khani, Leta Semadeni, Manon Hopf, Rebecca Gisler, Julia Weber und später auch Heinz Helle auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Erfahrungen werden ausgetauscht, es gibt Fachgespräche, man berichtet über Anreise-Bizarrheiten und manche Skurrilität, die man, hier angekommen, ausgemacht hat. Und von Vorurteilen, die sich möglicherweise nicht bewahrheiten. Damit ist bereits Begegnung Nummer 2 zumindest angeklungen: Zur interkollegialen Kommunikation gesellt sich der Diskurs mit der Stadt und ihren Menschen. Manche machen’s im Kleinen, manche suchen die Öffentlichkeit. Pralles Literatendasein in Rottweil. Wo sonst, an diesen Tagen alle zwei Jahre – zumindest für die Rottweiler.

Begegnung zwischen Literaten und Empfängern

Und das alles wirkt sich natürlich aus. Alle haben sie ihre Bücher oder Ausdrucke von den nächsten Projekten mit dabei. In der Werkhalle von Erich Hauser hört man launige Erzählungen, mehr oder weniger am Realen orientierte Autofiktion, die ebenso poetisch wie explizit sein darf. Man versucht, die Gedichte aus fragmentierten Wortbildern zu sehen, was für Lyriker in so einem großen Raum ein Alptraum ist, was aber doch funktioniert. Auch die dritte Begegnung wird, obschon sie nicht mehr, wie früher, in der Innenstadt präsentiert wird, manifest: Hier draußen begegnen sich Literatur und Publikum, die Literaten und die Empfänger ihrer Ideen und Umsetzungen. Über den Tag verteilt, und nimmt man die Besucher der Matinee am Sonntag mit hinzu, werden es wohl deutlich mehr als 200 Empfänger sein, die, Begegnung Nummer 3.1, anschließend teilweise mitreden wollen und gerne dürfen. So soll es sein bei einem Fest.