Jongerius gehört zu den einflussreichsten Designern unserer Zeit. Seit mehr als 30 Jahren prägt sie ein neues Verständnis von Design und beschreitet neue Wege.
Wie gestaltet man für eine Welt, die eigentlich schon genug hat? Welche Dinge fördern Wertschätzung und Achtsamkeit statt Konsum und Wegwerfkultur? Die Antwort ist und liefert Hella Jongerius.
Die Ausstellung „Hella Jongerius: Whispering Things“ ist ihre erste Retrospektive, die jetzt eröffnet wurde und bis zum 6. September in Weil am Rhein zu sehen ist. Dann wandert sie ins Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg. Und wahrscheinlich in viele weitere Ausstellungshäuser.
Herausforderungen
Denn die komplexe Ausstellung beschreibt nicht nur den erfolgreichen und zugleich ungewöhnlichen Lebensweg einer Designerin und Künstlerin, sondern stellt elementare Fragen an gesellschaftliche Herausforderungen und persönliche Haltungen in einer Zeit der Konflikte und ständigen Ablenkungen. Für das Museum eine große logistische und konzeptionelle Herausforderung, wie VDM-Direktor Mateo Kries vor der Presse betont.
Virtuosität im Design
Die „Dinge“ mit denen wir uns umgeben, erzählen Geschichten von Begegnungen, Lebensphasen, Erkenntnissen, banalen wie erschütternden Erlebnissen. „Whispering Things“ – flüsternd und meist im Unterbewusstsein. Für Hella Jongerius dröhnen sie indes laut, weil sie das Leben einer Persönlichkeit markieren, die sich dem herrschenden Zeitgeist oft widersetzt, mit Konventionen bricht und mit einer im heutigen Design wohl einzigartigen Virtuosität im Umgang mit Materialien und Techniken immer wieder Veränderungsprozesse in den Vordergrund rückt. Bei frühen experimentellen Arbeiten genauso wie bei ihren ikonischen Produkten oder skulpturalen „Angry Animals“ der jüngsten Zeit, die zum Teil als große Skulpturen den künftigen Wasser-Garten vor dem Vitra Design Museum ergänzen werden, der im Juni als nächstes landschaftsarchitektonisches Projekt vor der ART Basel eingeweiht wird.
Archiv an Vitra Design Museum übergeben
Ihre Arbeiten reichen von Textilien, Möbeln und Keramik bis hin zu Raumgestaltung. Aber auch ihr künstlerisches Werk wird weltweit ausgestellt. Das umfangreiche Archiv ihres bisherigen Schaffens übergab sie vor zwei Jahren dem Vitra Design Museum, mit dem sie eine besonders innige Beziehung pflegt, wie im Liebesgedicht von Rolf Fehlbaum im Katalog sehr persönlich und lyrisch deutlich wird.
Sammlung umfasst 30 Jahre
„Das Archiv umfasst 30 Jahre Arbeit – 30 Jahre des Sich-Verlierens im Design-Prozess, denn ich bin fest davon überzeugt, dass diese Zufälle Teil meines Prozesses sind, bis ich ein Endprodukt erreicht habe“, beschreibt Jongerius selber den immateriellen Wert dieser Sammlung.
Material und Technik
Denn nicht nur als Mitglied des Kollektivs Droog Design distanzierte sich Hella Jongerius bereits zu Beginn ihrer Laufbahn in den 1990er-Jahren von der damals dominierenden Ausrichtung des Designs an den Anforderungen des Marktes und der Massenproduktion. Ihre Arbeiten zeichnen sich durch eine intensive Auseinandersetzung mit Materialien und Techniken, Dekoration und Farbe aus; hinzu kommen kritische Überlegungen zur Designpraxis. Dabei betont Jongerius, dass man keine Scheu davor haben dürfe, sich die Hände schmutzig zu machen: Nur so würden die Werkstoffe mit ihren wandelbaren Eigenschaften, ihrer Produktionsgeschichte und ihrer Bedeutung wirklich begreifbar und man lerne, Fehler zu akzeptieren und Grenzen zu überschreiten.
Dilemma von Marktgesetzen
Also beschreibt die Retrospektive in den vier Räumen des Museums nicht nur die Biografie einer einzigartigen Persönlichkeit, sondern auch in immer neuen Reflektionen das Dilemma von Marktgesetzen und Nachhaltigkeit. „Design dreht sich im Wesentlichen um den Alltag der Menschen“ wird die Holländerin in dem äußerst aussagekräftigen Katalog zitiert. „Bei der Gestaltung einer neuen Welt können und sollten DesignerInnen eine Schlüsselrolle spielen“.
Die Wiederentdeckung der Erzählmacht dekorativer Elemente und des Potenzials von Farben und Textilien im Design überraschen in jedem Ausstellungsraum mit berührend starker Wucht. Gestische Titel weisen in dem Konzept des amerikanischen Kurators Glenn Adamson und seiner Assistenzkuratorin Marcella Hanika den Weg wie „Dirty Hands“ im ersten Raum mit vielen haptischen Erkundungen der ersten Jahre. Oder „Business Class“ im zweiten Raum, der Designprozesse mit strategischen Fragestellungen in Beziehung setzt. Gezeigt werden Möbel, Textilien, Keramiken, Skizzen, Prototypen und Filme, darunter etliche Projekte für Firmen wie Maharam, KLM, Camper, IKEA oder Vitra sowie für Institutionen wie das Museum of Modern Art in New York.
Farberkundungen
Im Mittelpunkt stehen die Farberkundungen im dritten Raum: „Feeling Eye“. Die 282 farbigen Vasen sind experimentelle „Colour Catchers“ neben fantasievollen Erforschungen von Web- oder Papiertechniken. „Cosmic Minds“ im Obergeschoss erschließt Dimensionen zwischen Design und Kunst, Mensch und Natur sowie Wahrnehmungen bis in mythologische Tiefen hinein. Sie sind auch als Inspirationsquelle für eine jüngere Generation kritischer Designer:innen des 21. Jahrhunderts gedacht.
Hella Jongerius: Whispering Things. Tägliche Öffnungszeiten unter www.design-museum.de Zur Ausstellung ist ein gleichnamiger Katalog erschienen. Zahlreiche Ausstellungsführungen, Vorträge und Workshops ergänzen das Projekt.