Der Bundestrainer Julian Nagelsmann hat erklärt, warum er den VfB-Spieler nicht nominiert hat – und daran zeigt sich, dass die Nationalelf nicht ausjustiert ist.
Es ist wieder so weit. Julian Nagelsmann erhält seine Spielwiese. Diesmal liegt sie zunächst in Wolfsburg, wo sich die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) trifft, um sich auf die möglichst letzte Runde der WM-Qualifikation vorzubereiten. Zwei wichtige Länderspiele stehen an, um das direkte Ticket zur Weltmeisterschaft im nächsten Jahr zu sichern: Am Freitag (20.45 Uhr/RTL) in Luxemburg und am darauffolgenden Montag (20.45 Uhr/ZDF) in Leipzig gegen die Slowakei. So weit zu den Fakten und Pflichten – und nun erklärt der Bundestrainer, wie Rang eins in der WM-Qualifikationsgruppe A behauptet werden soll.
„Machen, nicht reden“, sei weiterhin das Motto, betont Nagelsmann in der VW-Arena. „Wir haben keine weitere Möglichkeit für einen Ausrutscher, weil wir uns den schon genehmigt haben. Deswegen müssen wir die beiden Spiele gewinnen“, sagt der Bundestrainer. Aber schon die Kadernominierung hat im Vorfeld zu Verblüffung und Verärgerung geführt – und somit zu Diskussionen über Nagelsmanns Planspiele.
Schon wieder. Denn die Berufungen zeigen, dass der Bundestrainer seine Mannschaft noch nicht gefunden hat – und womöglich auch noch nicht die eine klare Idee, wie sie zusammengestellt sein soll. Hin und her geht es. Beispiel Angelo Stiller. Am nicht berücksichtigten Mittelfeldspieler des VfB Stuttgart lässt sich die Problematik festmachen, welche die „Süddeutsche Zeitung“ als „On-off-Nationalspieler“ bezeichnete. Einmal ist man dabei, dann wieder nicht. So gehörte Stiller fest zum Elitekreis, befand sich allerdings während des Oktober-Lehrgangs nicht in Bestform und saß nur auf der Bank.
Jetzt tritt Stiller beim VfB wieder stark auf und bekommt dennoch zu hören: „Aleksandar Pavlovic und Felix Nmecha sind derzeit einen Tick vor ihm. Sie spielen sehr stabil in ihren Clubs.“ Zudem führt Nagelsmann aus, dass er auf das Gleichgewicht im Kader achten müsse und nicht zu viele Spieler für die Sechserposition berufen wolle. Nicht wie vor vier Wochen, als fünf nominiert waren und gegen Luxemburg (4:0) und in Nordirland (1:0) nur zwei zum Einsatz kamen.
Ohnehin sind von den 24 EM-Teilnehmern im Sommer 2024 nur noch acht Nationalspieler diesmal dabei. Dabei sollte das – trotz prominenter Rücktritte – der Kern der Gruppe bleiben. Nagelsmann erweckte unmittelbar nach dem Viertelfinal-Aus gegen Spanien sogar den Eindruck, als könne nach der Europameisterschaft im eigenen Land gleich die Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko beginnen.
Doch nun erlangt die Nationalelf nur langsam die ausgerufene Titelreife – wenn überhaupt. Auch, weil Jamal Musiala, Kai Havertz, Marc-André ter Stegen und Antonio Rüdiger ständig fehlen. Das macht ungeduldig und Nagelsmann wirkt in seinen Entscheidungen sprunghaft. Sie sind aber vor allem dem Umstand geschuldet, dass sich die Auserwählten und Alternativen nicht dauerhaft auf höchstem Niveau bewegen.
Siehe Maximilian Mittelstädt. Wieder vom VfB. Der Linksverteidiger zählt zum zweiten Mal hintereinander nicht zum DFB-Kader. David Raum und Nathaniel Brown werden ihm vorgezogen. Obwohl sich Mittelstädt „wieder super stabilisiert hat“, wie Nagelsmann betont. Dennoch sah er keine Veranlassung die Plätze im Aufgebot anders zu vergeben. Für Mittelstädt wie Stiller gelte jedoch: „Die Tür zur WM ist nicht zu.“
Das ist gut zu hören und betrifft auch eine Reihe anderer Profis, die trotz der „klaren Kommunikation“ (Nagelsmann) womöglich nicht genau wissen, woran sie sind. Jamie Leweling, Ridle Baku, Nathaniel Brown, Malick Thiaw, Felix Nmecha, Karim Adeyemi, Jonathan Burkardt und Kevin Schade zählen diesmal zum DFB-Aufgebot. Nicht berufen wurden hingegen außer Stiller und Mittelstädt noch Deniz Undav, Robin Koch, Yann Bisseck, Nnamdi Collins, Paul Nebel und Maximilian Beier. Da stellt sich natürlich die Frage, ob das Vertrauen schafft.
Doch offenbar erfüllen einige Nationalspieler die Ansprüche des Bundestrainers nicht voll und ganz, wenn aus ihm die Fußballideen nur so heraussprudeln. Und dann will er die Pläne natürlich umgesetzt sehen. Zumal der Vollbluttrainer stets einige Wochen warten muss, ehe er an die praktische Arbeit kann. So hat Nagelsmann seit seinem Amtsantritt die schmerzliche Erfahrung gemacht, dass es ein Spagat ist, während einer Qualifikationsrunde gleichzeitig Automatismen etablieren zu wollen und Testreihen durchzuführen: Also einerseits Stammpersonal zu definieren und es sich einspielen zu lassen, um für das ersehnte Endturnier im nächsten Sommer ein gestärktes Fundament zu haben und andererseits jungen aufstrebenden Kräften, eine Chance zu geben, um das Team weiterzuentwickeln.