Vater und Tochter: Wolfram Koch als Prospero, Linn Reusse als Miranda. Szene aus Shakespeares „Der Sturm“ bei den Bregenzer Festspielen. Weitere Eindrücke aus der Inszenierung von Jan Bosse in der Bildergalerie. Foto: Bregenzer Festspiele/Armin Smailovic

Der Stuttgarter Regisseur Jan Bosse inszeniert in Bregenz Shakespeares „Sturm“ mit dem „Tatort“-Kommissar Wolfram Koch in der Hauptrolle. Und so ist der Abend geworden.

Was nicht alles ein Strick sein kann: ein Schiffstau, eine Schaukel, eine Hängematte, eine Liane, eine irre Cobra aus Hanf. Und in der Masse, in der sie vom Bühnenhimmel herabbaumeln, auch dies: Schicksalsfäden, die jemand in der Hand hält.

 

Herr der Stricke ist Prospero (Wolfram Koch). Halb Tarzan, halb Heavy-Metal-Frontmann im Baumwollschurz, mit langen Schnittlauchhaaren und jeder Menge Kajal um die Augen. Der gealterte Charismatiker hat sein Reich verloren, verschanzt sich mit Tochter Miranda auf einer Insel und wartet, bis seine Feinde vorbeisegeln, damit er einen Sturm entfachen und sich an ihnen rächen kann.

Ariel will ins Rampenlicht

Er lässt sich bei Zaubertricks helfen – von einer feschen jungen Dame im Gothic-Look: Ariel (Lorena Handschin). Die macht einen Schnips mit den Fingern, schon geht das Saallicht aus am Samstag bei der Premiere von Shakespeares „Sturm“, einer Kooperation des Deutschen Theaters Berlin mit den Bregenzer Festspielen. Der Spot ist auf sie gerichtet, doch der Alte schubst sie aus dem Rampenlicht – vorerst.

Das also ist es, worum es hier inmitten des strickreich großartigen Bühnenbilds von Stéphane Laimé gehen wird: um den Generationenkonflikt und, wie so häufig im Theater dieser Tage, um die Debatte, wie man den alten weißen Mann am besten loswird. Das geschieht – Überraschung – mit vielen Männern. Dazu gehören der aus Stuttgart stammende Regisseur Jan Bosse, die Autoren William Shakespeare und Jakob Nolte (der den Text von 1611 neu übersetzt) sowie der ausdrucksstarke Hauptdarsteller Wolfram Koch, bekannt auch als Kommissar der TV-Serie „Tatort“.

Jan Bosse, für seine genaue Lesart gerade von Shakespeare viel gerühmt, findet auch hier feine Risse: Etwa, wenn Miranda (Linn Reusse) aufgeht, dass Daddy sie nur benutzt hat. Er lässt Miranda und den gestrandeten Königssohn Ferdinand (Jeremy Mockridge) in Liebe entflammen, um von dessen Vater Alonso (Tamer Tahan) sein Reich zurückzubekommen. Die bedröppelte Miranda unterlegt ihren Satz von den wunderschönen Menschen, die sie erstmals im Leben sieht, mit reichlich Sarkasmus.

Über weite Strecken wird der Abend aber zur lauten, genderkorrekten Endzeit-Revue mit coolen Frauen und täppischen Männern, singenden Geistern, sowie mit nur mittellustigen Rauf-und-Saufszenen. Die junge weibliche Generation, Sklavin Caliban (Julia Windischbauer), vor allem die smarte Lorena Handschin als Ariel und ihr Alter ego, die Musikerin Carolina Bigge, rockt und zaubert, was das Zeug hält. Doch die jungen Geister bleiben anders als im Original unerlöst.

Aus den Fugen: Welt und Grammatik

Das zeigt sich auch sprachlich. In Jakob Noltes Fassung wird der englische Text oft wörtlich übersetzt – „Tust du lieben mich?“ – und anderweitig verfremdet. Wenn sich zwei ineinander vergucken, heißt es, sie „haben getauschte Augen“. Der Sprachspuk zeigt: Die Welt ist ebenso aus den Fugen wie die Grammatik. Sobald aber Prospero sein Ziel erreicht hat und nicht mehr der Hilfe der jungen Leutchen bedarf, wird die Welt langweilig und banal, Verben und Adjektive finden wieder ihren korrekten Platz. Der Rest ist nicht Schweigen, sondern Wut. Die Jugend brüllt: „Die Hölle ist leer, alle Teufel sind hier!“

Prospero? Haut ab durch die Hintertür. Die Alten hinterlassen dem Nachwuchs eine Welt im Wirrwarr. Das ist, bei allem Spielwitz des Ensembles und bei allem dunklen Glamour, ein heftig beklatschter, ernüchternder Kommentar zum Leben der Jungen und Alten auf der Welt.

Info

Weitere Vorstellungen
25. Und 26. Juli, jeweils 19.30 Uhr. Premiere im Deutschen Theater Berlin: 1. September.