Tradition statt Innovation: Kazuya Kimura stellt mit alten Maschinen seine Herrenschuhe so her wie vor 150 Jahren. Foto: Merlin Gröber Foto:  

Warum zieht ein Japaner nach Süddeutschland, um das Nähen von Lederschuhen zu lernen? Ein Besuch bei Kazuya Kimura in seiner ungewöhnlichen Werkstatt in Chigasaki.

„Das ist ein ideales Leder für Schuhsohlen“, sagt Kazuya Kimura, zieht ein Stück gegerbte Tierhaut unter einem Holztisch hervor und hält es ins Sonnenlicht, das schräg durch die Fenster seiner Werkstatt in Chigasaki fällt, einer Großstadt 60 Kilometer südlich von Tokio. Kimura, 29, ist Schuhmacher und fertigt Herrenschuhe für japanische Geschäftskunden. Das Stück Leder, das er in seinen Händen hält, kommt aus einer schwäbischen Kreisstadt: Tuttlingen. Auch seine Handwerkskunst vertiefte Kimura in Süddeutschland.

 

„Siehst du das hier?“, fragt Kimura und lässt seine Hand über das Leder gleiten, das bleistiftdick und hellbraun im Sonnenlicht schimmert. „Das Besondere daran ist die Art der Herstellung.“ Herkömmliches Leder wird mit Chrom gegerbt, Kimura hingegen verwendet ausschließlich natürlich geerbtes Sohlenleder. „Dieses liegt acht bis zwölf Monate in einem Eichensud.“

Einer der wenigen Hersteller weltweit: die Gerberei Martin in Tuttlingen. Seit 1645 gerbt das Unternehmen nach eigenen Angaben pflanzliches Leder, inzwischen in der zehnten Generation. „Für meine Schuhe verwende ich ausschließlich natürliche Materialien“, erklärt Kimura. Die Qualität des Herstellungsprozesses überprüfte er selbst: Die Gerberei besuchte er persönlich, während seiner Zeit in Deutschland. „Es ist meine Pflicht zu wissen, woher das Material kommt, das ich verarbeite.“

Er verfeinerte seine Handwerkskunst in Freiburg

Seine Zeit in Deutschland begann für Kimura 2019, nachdem er auf einer Ausstellung in Japan den deutschen Schuhmacher-Weltmeister Patrick Frei aus Freiburg kennengelernt hatte. „Wir hatten uns hier in Tokio über Lederschuhe unterhalten, ein paar Tage später kam eine E-Mail von ihm mit einer Einladung nach Deutschland.“ Ohne ein Wort Deutsch zu sprechen, verließ Kimura zum ersten Mal seine japanische Heimat, zog nach Freiburg und begann in der Werkstatt von Patrick Frei seine Handwerkskunst zu verfeinern – trotz seiner Arbeitserfahrung und einer fertigen Ausbildung in Japan. „Ich wusste, ich konnte noch mehr lernen.“

Vorsichtig schiebt Kimura das Sohlenleder zurück unter den Holztisch und zieht ein Buch mit abgegriffenen Kanten aus einem Wandregal, das neben einer Walze mit großen Metallrollen und einer Nähmaschine mit Fußwippe steht. „Während meiner Zeit in Deutschland habe ich so viele Bücher über das traditionelle Schuhmacherhandwerk gesammelt wie möglich“, sagt Kimura und schlägt das Buch auf. Sägemehl wirbelt von der Werkbank auf, die ihm zum Fertigen seiner Schuhleisten dient. „Lehrbuch der Fußbekleidungskunst“, Robert Knöfel, steht auf der ersten Seite. Erscheinungsjahr: 1873.

„Das ist ein Schatz, den ich aus Deutschland mit nach Japan gebracht habe“, sagt Kimura und schlägt die ersten Seiten des Buches um. „Herrenbeschuhungen im Allgemeinen“, steht über einem Kapitel, „Der menschliche Fuß, oder: Das Verhältnis der verschiedenen Maße zueinander“ über einem anderen. „Alle europäischen Schuhmacher haben von Knöfel gelernt.“

Robert Knöfel – 1834 im sächsischen Wilsdruff geboren, 1884 in Wien gestorben – gilt als Erfinder des Winkelsystems für Schnittmuster. Er war der Erste, der ein System zur Anfertigung von Schnittmustern auf geometrischer Grundlage entwickelte. „Davor haben Schuhmacher ihre Schablonen freihändig ausgeschnitten“, erklärt Kimura. Der Vorteil von Knöfels System: Durch seine geometrischen Regeln und Maßrechnungen können Schuhmachern seither Schnittmuster mit bestmöglicher Ausnutzung des Leders anfertigen.

Sohlenrundwalzen, Modell 1911

Neben Knöfels Lehrbuch reihen sich in Kimuras Regal weitere Bücher, mehrere Dutzend. Manche mit beschriebenen Buchrücken, andere in braunes Papier eingeschlagen und ohne Titel auf den abgegriffenen Umschlägen. Sachte schiebt Kimura Knöfels Lehrbuch zurück in das Regal, zwischen „Die Fettstoffe des Gerbens“ und „Das Schaftzuschneiden“. Daneben lehnt eine Gebrauchsanweisung für die Sohlenrundwalzen, Modell 1911. „Einige der Bücher hier im Regal sind wichtige Anleitungen für klassische Schuhmacher wie mich“, sagt Kimura und lehnt sich an seine Werkbank, auf der Papierbögen mit Bleistiftzeichnungen, Lederreste und runde Glasvasen mit Schuhhaken stehen. „Es ist wichtig, dieses Wissen zu erhalten.“ Deswegen sammelt er alte Bücher und stellt sie in sein Wandregal – ein Archiv europäischer Schuhmacherkunst mitten in Japan.

Rund zwei Wochen arbeitet Kimura an einem Paar Schuhe, umgerechnet 2500 Euro verlangt er dafür. Foto: Merlin Gröber

„Die Jahre zwischen 1870 und 1920 waren eine tolle Zeit für handgenähte Schuhe.“ Kimura greift nach einem schwarzen Herrenschuh, der auf der Werkbank steht, und deutet auf seinen Rand, dort, wo eine kaum sichtbare Naht die Sohle mit dem Oberleder verbindet. „Damals gab es nur Weizenkleber. Der natürliche Klebstoff war zu schwach, um die Schuhe zusammenzuhalten.“ Also musste man die einzelnen Lederteile zusammennähen. Das erfordert handwerkliches Geschick, Ausdauer und viel Geduld. Eine Kunst, die laut Kimura um die Jahrhundertwende seine Hochzeit erlebte. „Die Schuhmacher waren sehr anspruchsvoll zu dieser Zeit, gleichzeitig waren sie handwerklich ausgereift.“

Nach dem Ersten Weltkrieg entwickelten sich in Europa unterschiedliche Schuhstile. „Die Deutschen fertigten vor allem praktische Schuhe an“, sagt Kimura. Und orthopädische: „Wegen der Kriegsverletzungen der heimgekehrten Soldaten mussten Schuhe auch einen medizinischen Zweck erfüllen.“ In Frankreich hingegen waren die Schuhe modisch, flach und schmal geschnitten, „aber trotzdem sehr angenehm zu tragen“. Die Engländer bedienten sich sowohl bei den deutschen wie den französischen Schuhmachern, „der englische Schuh war daher eine Mischung aus beiden“.

Und der japanische? Kimura lächelt. „Die Schuhmacherei in Japan hat keine Tradition wie in Deutschland oder Europa.“ Deswegen der zwischenzeitliche Umzug in ein fremdes Land, ohne die Sprache zu sprechen oder die Bräuche zu kennen. „Ich wollte dorthin, wo die Schuhmachertradition herkommt.“

Ihn beeindruckt die Wertschätzung der Deutschen für altes Handwerk

Und die Schuhmachertradition kommt aus Europa. Also zog Kimura nach Freiburg und arbeitete vier Jahre lang in der Werkstatt von Patrick Frei, der 2018 die Weltmeisterschaft im Maßschuhmachen gewann. Sein Eindruck von Deutschland? „Ich war beeindruckt von der Wertschätzung der Deutschen für Handwerk und alte Berufe“, sagt Kimura. In Japan tausche man Geld gegen ein Produkt. In Deutschland hingegen tausche man zwar ebenfalls Geld gegen ein Produkt, interessiere sich aber auch für das Handwerk dahinter und unterstütze es bewusst. Japanische Kunden würden kaum Wert auf die Konstruktion und die Entstehung des Schuhs legen: „Hier kommen die Kunden im Anzug rein und sehen die Schuhe als Modeaccessoire.“ Wichtig sei das Endprodukt, nicht der Weg dorthin. „In Deutschland hingegen kamen die Kunden in die Werkstatt, wollten wissen, wie der Schuh hergestellt wird, und interessierten sich für das Leder und die Werkzeuge.“

Als sein Visum auslief, zog Kimura zurück nach Japan und eröffnete eine eigene Werkstatt im Erdgeschoss seines Elternhauses, einem schmalen Gebäude in einer Wohnstraße, ein paar Hundert Meter vom Strand entfernt. Vor dem Eingang steht eine alte Lederwalze, auf den Fensterbänken reihen sich Schuhe aus braunem, schwarzem und weiß gefärbtem Leder. „Zu mir kommen vor allem 30- bis 50-jährige Männer.“ Banker, Professoren, „Herren aus der Oberschicht“. Rund zwei Wochen arbeitet er an einem Paar Schuhe, umgerechnet 2500 Euro verlangt er dafür. In Europa könnte er das Doppelte verlangen, sagt Kimura. „Dort ist man bereit, mehr für ein Paar handgefertigte Lederschuhe zu zahlen“, Schuhe seien wichtiger Bestandteil des Outfits. In Japan hingegen sei der Lederschuhe in der Modehierarchie ganz unten. „Zuerst kommen Anzug, Uhr und Schmuck.“

Kimura lässt den schwarzen Lederschuh mit der handgenähten Sohle durch seine Hände gleiten. „Jeder Lederschuh hat eine eigene Aura. Man kann ihm ansehen, ob der Schuhmacher sein Handwerk versteht. Hat er die alte Machart verinnerlicht? Ist er souverän im Umgang mit den alten Arbeitsgeräten?“ Vorsichtig stellt Kimura den schwarzen Lederschuh auf die Werkbank zurück, auf der die Nachmittagssonne die Lederreste und Glasvasen anleuchten. „Die Erfindung des Neoprenklebers Mitte des letzten Jahrhunderts hat die Schuhmacherei verändert – für immer.“ Der synthetische Kleber ermöglicht es Schuhherstellern, Fußbekleidung zu kleben, statt zu nähen. Keine genähten Sohlen, keine handgeschnittenen Schnittmuster, der Schuh als Massenprodukt. „Schuhe von Hand zu fertigen ist romantisch, aber die Zeit der handgenähten Lederschuhen ist vorbei. Sie wird nie wiederkommen.“