Mit George Russell als Teamkollegen dürfte es Lewis Hamilton 2022 nicht mehr so komfortabel haben wie mit Valtteri Bottas. Davon sind die Ex-Weltmeister Jenson Button und Nico Rosberg überzeugt.
Stuttgart/Monza - Wenn ein wichtiger Angestellter ein Unternehmen verlässt, werden oft Reden gehalten, da fallen schöne, mitunter salbungsvolle Worte – es gilt das ungeschriebene Gesetz, dass bösartige Äußerungen unangebracht sind, weshalb der Wahrheitsgehalt solcher Abschiedsreden gelegentlich gegen null tendiert. Am Montag hat Mercedes verkündet, dass Valtteri Bottas zum Saisonende nach fünf Jahren sein Silberpfeil-Cockpit räumen wird, kurz darauf teilte Lewis Hamilton mit, dass der Finne „der beste Teamkollege gewesen ist, den ich je hatte“. Besser als Fernando Alonso, als Jenson Button und als Nico Rosberg, die allesamt mindestens einmal Weltmeister waren.
Hamilton bedankt sich bei Bottas
Wahrscheinlich hat Hamilton nicht mal geflunkert, zumindest wenn man die Statistik als Hintergrund im Sinn hat. In der Fünfjahresbilanz hat der siebenmalige Champion den Kollegen Bottas stets in die Tasche gesteckt: In 55 Großen Preisen siegte der Finne neunmal (16,4 Prozent), Alonso (50), Button (44,5) und Rosberg (40,7) waren härtere Widersacher. Auch in den Qualifying-Duellen vor dem Großen Preis von Italien an diesem Sonntag (15 Uhr/RTL) liegt Hamilton (69,2) in Front, in gemeinsamen Rennen lag er fast in drei von vier Fällen vorn (73,6). „Vielen Dank, Valtteri“, schrieb Hamilton via Social Media, „für deine Unterstützung und großartigen Beiträge zu diesem Team.“
Russell steckt „voller Tatendrang“
Mit dem nächsten Kollegen dürfte es der 36 Jahre alte Routinier ein wenig schwerer haben. „Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass ich nicht voller Tatendrang stecke“, sagte George Russell, seit 2017 Mercedes-Junior und hochgelobtes Talent in der Formel 1, nach seiner Unterschrift. „Dies ist eine riesige Chance, die ich mit beiden Händen ergreifen möchte.“ Weniger diplomatisch verklausuliert heißt das: Der Bursche aus der Grafschaft Norfolk will Weltmeister werden, denn das hat er bereits vor der Sommerpause betont – als aber noch nicht ganz sicher war, dass er 2022 im Silberpfeil sitzen würde. „Meine Ambitionen und Ziele sind klar: Ich möchte Weltmeister werden, und ich möchte das Auto finden, das mir die besten Chancen bietet, dies zu erreichen“, sagte der 23-Jährige vor kaum vier Wochen im August.
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Hamilton dürften so viel unbekümmerte Frechheit und Anspruchsdenken bekannt sein. Als er 2007 als McLaren-Junior den ersten Formel-1-Vertrag erhalten hatte, war er 22 und Kollege von Fernando Alonso, dem Mann, der beide Jahre zuvor Michael Schumacher geschlagen hatte und Champion geworden war. Doch Neuling Hamilton bot dem Star die Stirn, was viel Unruhe ins Team brachte und dazu führte, dass Ferrari-Mann Kimi Räikkönen Champion wurde und Alonso verärgert McLaren-Mercedes verließ. Seitdem weiß eigentlich jeder: Mit Hamilton als Teamkollegen ist nicht gut Kirschen essen, wenn es nicht nach dessen Willen läuft.
Eine neue Konstellation im Team
Jenson Button, der von 2010 bis 2012 wie Hamilton Fahrer bei McLaren war, ist überzeugt, dass bei Mercedes nicht mehr gekuschelt wird. „Das erhöht den Druck auf Lewis“, sagte der Weltmeister von 2009, „er hatte noch nie die Situation, dass er neben einem jungen Teufelskerl antreten musste. Das wird eine andere Dynamik im Rennstall geben.“ Nico Rosberg, der sich mit dem dominanten Briten vier Jahre lang Psychospielchen par excellence lieferte und ihm 2016 den Titel wegschnappte, sieht es genauso. „Das Duell zwischen Hamilton und Russell dürfte hitziger verlaufen als zwischen Hamilton und Bottas“, sagte der 36-Jährige, „für George wird das die Nagelprobe: Nun sitzt er in einem siegfähigen Auto, und zwar mit dem erfolgreichsten Fahrer der Formel 1, der das Team durch und durch kennt.“ Es gibt überschaubarere Herausforderungen.
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Aber Russell wird sich nicht fürchten wie ein Kleinkind vor Knecht Ruprecht, weil es manchmal unartig war. Er ist ein Musterschüler und kommt mit dem jugendlichen Gefühl der Unverwundbarkeit sowie der Gewissheit, dass im Leben alles möglich ist, wenn man sein Bestes gibt. Das macht der 23-Jährige, seit er sich 2006 erstmals ins Kart klemmte. 2017 gewann er als Neuling die GP3-Serie, 2018 holte er sich in der ersten Formel-2-Saison den Titel – und seit er 2019 in der Formel 1 im Williams sitzt, überzeugt das Talent so ziemlich jeden Experten, vor allem im Qualifying bot der Brite oft Herausragendes. Russell hat großen Anteil daran, dass es mit dem lange darbenden Traditionsteam Williams aufwärtsgeht.
Weil nicht nur bei Abschieden warme Worte verteilt werden, sondern auch bei Begrüßungen, hat auch Russell etwas über den neuen Job gesagt. „Ich habe seit meiner Kart-Zeit zu Lewis aufgeschaut und kann nur davon profitieren, von jemandem zu lernen, der ein Vorbild geworden ist“, schwärmte der künftige Mercedes-Pilot, „Lewis ist in meinen Augen der größte Fahrer der Geschichte.“ Diese Worte dürften ernst gemeint gewesen sein. Wahrscheinlich.