Ralf Bernd Herden war 1993 Bürgermeister von Bad Rippoldsau-Schapbach. (Archiv) Foto: Verstl

Ralf Bernd Herden war 1993 Bürgermeister von Bad Rippoldsau-Schapbach. Als Jurist und Kommunalpolitiker kann er den Mordfall Harter aus unterschiedlichen Blickwinkeln einschätzen. [Archiv]

Von 1991 bis 2007 war Ralf Bernd Herden, Jahrgang 1960, Bürgermeister der Gemeinde Bad Rippoldsau-Schapbach. Im Rahmen unserer Redaktionsserie "Aufgedeckt" haben wir mit ihm im Jahr 2018 über den Mord an Wilhelm Harter im Jahr 1993 in Freudenstadt gesprochen.

Denken Sie an dieses Verbrechen immer wieder, auch wenn Jahrzehnte her ist?

Auch wenn das Geschehen langsam verblasst, so bleibt doch immer eine Erinnerung zurück. In mir vor allem die Erinnerung an die Mutter, Maria Harter, der das Schrecklichste widerfahren ist, was einer Mutter widerfahren kann: Ihr Kind zu verlieren, noch dazu unter so furchtbaren Umständen. Letztendlich glaube ich noch heute, dass Maria Harter auch an gebrochenem Herzen starb. Sie konnte nicht verkraften, was geschehen war.

Als Bürgermeister einer kleinen, ländlichen Gemeinde wie Bad Rippoldsau-Schapbach waren Sie sicher nicht darauf vorbereitet, mit einer solchen Tat konfrontiert zu werden. Wie sind Sie damit umgegangen?

Ich wurde gnädig davor bewahrt, mir vor Ort ansehen zu müssen, was geschehen war. Was man gehört und gelesen hat, war schon furchtbar und schwer genug. Entlastend kam für mich hinzu, dass ich während meiner Referendarzeit auch die übliche Station bei der Staatsanwaltschaft absolviert habe und dort mit Schwerstkriminalität konfrontiert war. Die Tatsachen und Fakten zu erfahren, war nichts Neues. Allerdings jetzt ohne die Begleitung des erfahrenen Oberstaatsanwalts. Und am schwersten war, das unmittelbare Leiden der Mutter zu erleben. Es waren dies Erfahrungen und Eindrücke, auf die sicherlich jeder gern verzichtet hätte.

Wie waren die Reaktionen in der Bevölkerung?

Die Bevölkerung war zutiefst betroffen. Hier bei uns im Wolftal ist ein Menschenleben noch etwas Heiliges. Niemand konnte verstehen, wie es zur Tat kommen konnte, niemand konnte die furchtbaren Tatumstände fassen oder nachvollziehen. Tiefe Bestürzung, Hilflosigkeit und Entsetzen waren die vorherrschenden Reaktionen.

Sie hatten engen Kontakt zu Maria Harter, der Mutter des Opfers. Konnten Sie ihr dadurch wenigstens ein Stück weit helfen, mit diesem fürchterlichen Schicksalsschlag fertig zu werden?

Ich würde es mir wünschen, wenn ich ihr hätte helfen können. Jedenfalls habe ich versucht, vor allem durch Erklärungen und Erläuterungen, ein ganz kleines Stück Weg mit ihr zu gehen. Die Schicksalslast abnehmen konnte Maria Harter vermutlich kein Mensch, und ob man wirklich helfen konnte, muss ich immer wieder in Zweifel ziehen.   

Angesichts der schier unglaublichen Brutalität der Tat wurde das Urteil allgemein als zu milde empfunden. Wie beurteilen Sie das als Jurist?

Ich kann die Gefühle der Menschen vor Ort genauso verstehen, wie die den meisten Menschen fremden Ausdifferenzierungen der Juristen. Über das Urteil kann ich mir, weil ich Verfahren und Akten nicht kenne, kein Urteil erlauben. Nur kann ich immer wieder betonen: Unsere Richter und Staatsanwälte arbeiten sehr pflichtbewusst und zuverlässig. Es geht ihnen, um mit Simon Wiesenthal zu sprechen, um „Recht, nicht Rache“.

Die Täter müssten ihre Strafe verbüßt haben. Wissen Sie, was aus ihnen geworden ist? 

Nein – aber selbst, wenn ich es wüsste: Dadurch würde nichts, rein gar nichts, ungeschehen werden.

Hinweis der Redaktion: Dieses Interview wurde im September 2018 geführt und war im Rahmen der Schwarzwälder Bote Redaktionsserie in gedruckter Version veröffentlicht worden.