Die Kathedrale sieht sonderbar aus – nicht jedem Spanier gefällt das. Foto:  

Seit sechzig Jahren baut der Spanier Justo Gallego in der Nähe von Madrid seine eigene Kirche. Er wollte Schönheit schaffen. Daraus wurde ein Kunstwerk aus Müll. Nun ist er 95 und sieht dem Tod entgegen.

Mejorada del Campo - In einer Ecke des Hauptschiffes der Kathedrale von Justo Gallego zertrümmert Ángel López ein Bidet. „Das haben sie neulich vorbeigebracht, als ich nicht hier war“, erzählt er. „Manchmal bringen sie mir Sachen, die ich nicht brauchen kann.“ Wenig später sitzt er auf einem abgewetzten Sessel und gähnt. Er hat nicht viel geschlafen. „Ich komme nicht zur Ruhe. Nachts muss ich mich um Justo kümmern.“ Immer häufiger bitte Justo um Hilfe: „Ángel, ich kann nicht atmen, Ángel ich ersticke.“

 

Ángel López ist der Erbe von Justo Gallego, sein Pfleger, sein Bauleiter, sein Apostel. Er will das Werk zu Ende führen, das Gallego vor sechzig Jahren begonnen hat: den Bau einer Kirche in Gallegos Heimatdorf Mejorada del Campo, einem Vorort von Madrid.

Kein Plan und keine Genehmigung

Der Auftrag war ein himmlischer, kein irdischer. Ohne Plan, ohne Genehmigung und ohne technische Kenntnisse machte sich Gallego 1961 an die Arbeit. Er arbeitete von früh bis spät, alle Tage, mit allem, was er fand, was er erbettelte und was man ihm schenkte. Unter den ungläubigen Blicken des Dorfes wuchs die Kirche heran.

Jetzt ist Gallego 95 Jahre alt und geht nur noch wenig unter die Leute. Aber seine Kirche steht – unfertig, aber doch als Kirche zu erkennen, so beeindruckend, dass sie alle nur die „Kathedrale von Justo Gallego“ nennen. Sie ist keine wirkliche Kathedrale, noch nicht mal eine geweihte Kirche, aber ein Monument des Glaubens: an Gott und an sich selbst. Ein Kunstwerk aus Abfällen. Eine Herausforderung an die Naturgesetze. Eine mächtige Villa Kunterbunt. Der Schriftsteller Manuel Juliá lernte Gallego im Mai vor zwei Jahren kennen. „Ich sagte ihm: ,Justo, du spricht immer von Bescheidenheit. Aber du hast dir das denkbar Eitelste und Stolzeste vorgenommen: eine Kathedrale zu bauen.’ Er antwortete: ,Sie ist nicht für die Menschen da, sondern für Gott, und für Gott muss es das Beste sein.’“

Gallego ein perfekter Don Quijote

Gallego hat seine Geschichte oft erzählt. Er war Landarbeiter, als er mit 27 beschloss, Mönch zu werden. Noch als Novize erkrankte er an Tuberkulose und musste das Kloster verlassen. Um aber dennoch Gott zu dienen, nahm er sich den Bau seiner eigenen Kathedrale auf einem kleinen, ihm gehörenden Stück Land in Mejorada del Campo vor. Für Manuel Juliá ist Gallego ein perfekter Don Quijote. Juliá hat ein Buch über quijoteske Figuren der Gegenwart geschrieben, eines der Kapitel ist Justo Gallego und seiner Kathedrale gewidmet. Quijotesk heißt: sich etwas Unmögliches vorzunehmen. „Wenn es möglich ist, nennt es niemand quijotesk“, sagt Juliá.

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Die Kathedrale ist tatsächlich ein Ding der Unmöglichkeit. Der Madrider Architekt Alejandro Villagrasa ließ vor ein paar Jahren ihre Strukturdaten durch ein Rechenprogramm laufen, und dabei kam raus: Das kann nicht halten. Aber die Wirklichkeit ist hartnäckig: Die Kirche steht seit 60 Jahren, in unterschiedlichen Graden der Vollendung, und nie ist was passiert. Kein Arbeitsunfall, kein verletzter Besucher, keine einstürzte Decke, keine gekippte Wand. Die „architektonische Realität“ – so nennt es Villagrasa – zeigt: Was Justo Gallego gebaut hat, ist haltbar.

Der Kathedrale zieht die Touristen in den kleinen Vorort von Madrid

Die kleine Stadt mit ihren 23 000 Einwohnern ist über dieses Wunder gespalten. „Die Hälfte findet es lobenswert“, sagt Pedro Muñoz, der Betreiber des Cafés „Esmeralda“ in der Nähe des Rathauses, „die andere Hälfte findet es verrückt.“ Muñoz gehört zu den Bewunderern. „Jemand, der sein Leben für etwas opfert, wird von der Gesellschaft nicht verstanden“, bedauert er. Der Ort profitiere jedenfalls von Justos Werk, es bringe ein wenig Tourismus in die Gemeinde, die ansonsten touristisch rein gar nichts zu bieten hat.

Die Stadtverwaltung hat jahrzehntelang nicht gewusst, was sie mit diesem Ding anstellen soll, das alle Kathedrale nennen, aber doch ein illegales Bauwerk ist. Einerseits hätte es längst abgerissen werden müssen, andererseits hat es dem Ort aber einen gewissen Ruhm eingebracht. Die lange quälende Unentschlossenheit scheint dieses Jahr überwunden zu sein. Im April hat der Bürgermeister Gallego mit der Ehrenbürgerwürde ausgezeichnet, bevor es dafür zu spät ist. Und seine Kirche soll zum Denkmal erklärt werden. Dann wäre sie nicht mehr illegal.

Ein Kunstwerk aus Müll

Es wäre ein merkwürdiges Denkmal. „Schön ist es nicht“, sagt der Cafébetreiber Muñoz, um dann einen Vergleich anzustellen: „Ein Bild von Miró oder von Picasso mag dir vielleicht nicht schön vorkommen, wenn du nichts von Kunst verstehst…“

Kunst? Gallego wollte Schönheit schaffen, keine Kunst, aber ihm ist das Gegenteil passiert. „Sein Werk ist reiner Eklektizismus“, sagt der Madrider Architekt Manuel Ocaña, „eine Repräsentation dessen, was für ihn eine Kathedrale ist. Und er hat sie gebaut, wie er eben konnte. Aus Müll.“ Ein Beispiel: Von einem benachbarten Ziegelwerk ließ er sich misslungene, fehlgeformte Steine schenken, die er mit der Unterseite nach vorn zu zauberhaften Türmen vermauerte. Ein zweites Beispiel: Fenster- und andere Bögen erschuf er aus zementgefüllten Sprungfedern, weil ihm die Zeit und die Kenntnisse fehlten, fachgerechtes Gesims zu meißeln. Die Federn, „die sind seine großartigste Entdeckung“, sagt Ocaña.

Es sind solche Details, die Architekt Ocaña faszinieren. Aber mehr noch begeistert ihn „der Wille, der Heldenmut, die Individualität, die Persönlichkeit“ hinter dem Bau. Der Prozess der Schöpfung. „Eine 60 Jahre dauernde Performance“, nennt er Gallegos Kathedralenbau.

Die Kathedrale ist von Licht durchflutet

Das Schlimmste, was einem solchen Werk geschehen kann, ist seine Vollendung. Gallego aber will seit sechzig Jahren eine Kirche bauen, in der eines Tages Messen gelesen werden sollen, und dafür muss sie fertig werden. Der von Gallego bestimmte Erbe Ángel López, ebenso Autodidakt wie sein Meister, soll den Bau zu Ende bringen.

Ángel López kniet auf dem Boden. Er klopft Marmorbruchstücke in weichen Zement, um den halb fertigen Fußboden des Hauptschiffes zu vervollständigen. So hat vor ihm Justo gearbeitet, so arbeitet nun der 48-jährige López: mit Ameisengeduld, sich eine Aufgabe nach der anderen vornehmend, mit dem Material das gerade da ist. Der Vollendung entgegen.

Die Kirche ist nicht mehr dieselbe wie noch vor einiger Zeit. Man merkt es nicht gleich, aber dann doch: Sie ist aufgeräumt! Sie riecht nicht mehr nach Müllhalde! Sie ist von Licht durchflutet – die Pappe vor vielen Fensteröffnungen ist von durchscheinendem Plastik ersetzt. Die in siebeneinhalb bis elf Meter Höhe umlaufende Empore schützt ihre Besucher jetzt mit weitmaschigen Metallgittern vor dem Absturz. Ringsum hängen bunte Fahnen. Die einst grob verputzten Innenwände sind professionell geglättet.

Ein Monument des Unvollkommenen

Justo Gallegos Kathedrale hat sich fein gemacht, im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Eine katholische Hilfsorganisation, Mensajeros de la Paz, hat etliche zehntausend Euro in ihre Verschönerung gesteckt. Sie will hier eines Tages Bedürftigen Hilfe und Obdach gewähren. Ángel López ist sehr zufrieden, und Gallego sei es auch, sagt López.

Alejandro Villagrasa ist es weniger. Die Renovierung „nimmt dem Werk aus meiner Sicht etwas von seinem Wert“, sagt der Architekt. „Das Schöne an dieser Kirche ist gerade ihre Unvollkommenheit. Sie ist ein Museum ihrer selbst.“ Einen Vorschlag zur Perfektionierung hätte er dennoch. Vor gut zwei Jahren entwarf er in seiner Studienabschlussarbeit einen originellen Plan, wie die Kuppel, die seit 25 Jahren als offenes Metallskelett über der Kirche thront, zu schließen wäre, ohne dass ihr Gewicht oder der Wind das Dach oder das ganze Gebäude zum Einsturz brächten. Gut möglich, dass der Plan eines Tages ausgeführt wird. Dann regnet es nicht mehr hinein. Dann wäre sie beinahe eine richtige Kirche.

Und dennoch: „Fertigstellen würde ich sie nie“, sagt Villagrasa. Abreißen auch nicht. Sondern sie als Monument des ewig Unvollkommenem belassen.