Die Pleite des Finanzdienstleisters Wirecard im Sommer 2020 war ein Schock. Ein Doku-Thriller auf TVnow versucht nun zu ergründen, wie Deutschland auf die Hochstapler hereinfallen konnte.
Stuttgart - Der Finanzdienstleister Wirecard hat für einen der größten Skandale der bundesdeutschen Wirtschaftsgeschichte gesorgt: In einem beispiellosen Drama um Betrug, Geldgier und Größenwahn verschwanden rund 1,9 Milliarden Euro, Anleger wurden geprellt, die Bankenaufsicht Bafin wurde düpiert. Idealer Filmstoff, sollte man meinen – dieser allerdings ist komplex und hat viele Akteure. Außerdem handelt es sich um ein schwebendes Verfahren: Der langjährige Wirecard-CEO Markus Braun sitzt seit Juni 2020 in Untersuchungshaft.
Im aktuellen RTL-Doku-Thriller „Der große Fake – Die Wirecard-Story“ spielt Christoph Maria Herbst („Stromberg“) diesen Braun. Als Komödiant eine feste Größe, empfiehlt Herbst sich hier fürs Charakterfach: Nach außen scheinbar ruhig, lässt er das innere Brodeln durchscheinen, das Braun antreibt. Dieser hält sich für überlegen intelligent, hat keinen Humor und verachtet alle anderen, bestenfalls akzeptiert er sie als Zuarbeiter. Herbst überzeugt auch, wenn er als Braun dessen geniales Geschäftsmodell preist und dabei den verstorbenen Apple-Visionär Steve Jobsimitiert.
Fiktionalisierte Handlung, dokumentarische Elemente
Wie spielt man derartigen Größenwahn? „Ich habe mich da richtig reingefuchst“, sagt Herbst über seine Recherche. „Aber man muss vorsichtig sein, nicht eins zu eins eine lebende Figur zu imitieren. Die Grenze zur Parodie wäre dann fließend.“ Wie ein Topmanager habe er „sehr kurze Nächte gehabt“, auch „weil sich das alles so unschön und nicht zu mir gehörig anfühlte“. Er sei am Set anders gewesen: „Normalerweise bin ich ein guter Chemiker, der für gute Stimmung sorgt. Aber ich habe mich bei diesen Dreharbeiten sehr zurückgezogen. Um mich der Figur zu nähern, habe ich mein Herz ein paar Grad kälter gestellt.“
Der Sender RTL und die Produktionsfirma Ufa haben sich an die Firma herangewagt, die mit teils hochriskanten Lösungen zur digitalen Zahlungsabwicklung zunächst ein Vermögen verdiente. Konzept und Drehbuch des Doku-Thrillers stammen von Raymond und Hannah Ley („Tod einer Kadettin“), er hat Regie geführt. Ein Pool aus investigativen Journalisten seriöser Medien trug Fakten bei, das Buch basiert auf Hintergrundgesprächen mit Aufsichtsräten, Führungskräften, ehemaligen Geschäftspartnern, Vertrauten, Investoren, Beratern und Analysten. Die erscheinen teils leibhaftig vor der Kamera, teils nachgestellt oder fiktionalisiert.
Das Treuhandvermögen verschwindet auf den Philippinen
Im Zentrum steht neben Markus Braun dessen aktuell untergetauchter Adjutant fürs Heikle, Jan Marsalek. Der Schauspieler Franz Hartwig („Charité“) macht aus ihm einen unverfrorenen Blender mit ausreichend Charme, um die Figur plausibel erscheinen zu lassen. Marsalek erklärt teils direkt in die Kamera, wie er das „Drittpartnergeschäft“ organisiert, zunächst Online-Glücksspiel und -Pornografie, bald dunkle Deals mit Russland und libyschen Schlepperbanden. Marsalek wird zunehmend zum Getriebenen und macht den entscheidenden Fehler: Er verschiebt das Treuhandvermögen von 1,8 Milliarden Euro von Singapur auf die als eher weniger sicher geltenden Philippinen, wo es prompt verschwindet.
Einige Figuren sollen emotionale Anteilnahme herstellen: Marsaleks Assistentin, schon auf dem Absprung, lässt sich bezirzen und zum Bleiben bewegen, Brauns Chauffeur, der seinen Chef bewundert, investiert sauer Erspartes in Wirecard-Aktien. Nina Kunzendorf tritt als investigative Journalistin auf, die handfest bedroht wird, und der reale Box-Promoter Ahmet Öner erzählt ganz offen, wie er im Auftrag von Wirecard Leute eingeschüchtert hat.
Manche hatten früh Zweifel
Zu Wort kommen auch James Freis, der Markus Braun am 19. Juni 2020 über Nacht als CEO nachfolgte, der Wirecard-Begründer und Namensgeber Peter Herold sowie Michael Olaf Schütt, der in den USA über 40 Konten betreute, von denen er Online-Spielern Geld auszahlte. Der Privatanleger Eberhard Schuler, der eine halbe Million Euro verloren hat, fasst stellvertretend seine maßlose Enttäuschung in Worte, und die New Yorker Leerverkäuferin Fahmi Quadir erklärt, wieso ihr schon früh Zweifel kamen über die Geschäftspraktiken von Wirecard.
„Wie ein Puzzlespiel“ sei die Produktion gelaufen, sagt der Ufa-Chef Nico Hofmann. Tatsächlich fügt der Film schlüssig zusammen, wie charismatische, gierige Hasardeure es weit bringen konnten. Was der Film nicht leistet, ist eine tieferliegende Reflexion, wie sie etwa J. C. Chandor über die Finanzkrise 2008 geliefert hat in seinem Thriller „Der große Crash – Margin Call“ (2011): Stanley Tucci, Jeremy Irons und Kevin Spacey sinnieren da als gescheiterte Investment-Banker über ihre Motive und die menschliche Natur.
Stoff für eine Satire?
Wahrscheinlich ist es dafür zu früh. „Im Untersuchungsausschuss beißen sie sich an dem auch gerade die Zähne aus“, sagt Herbst über Markus Braun, dessen unheimliche Präsenz er längst wieder abgeschüttelt hat. Nicht aber seine Entrüstung darüber, wie „anscheinend gegenüber dem Aufsichtsrat gemauert wurde“, wie „anscheinend alle versagt haben“ – „da ist schon was faul im System“.
Herbst glaubt, die Wirecard-Geschichte, einmal ausgestanden, eigne sich für eine Satire wie die gefälschten Hitler-Tagebücher, die Helmut Dietl in „Schtonk!“ (1992) verarbeitet hat: „Das hat der deutschen Gesellschaft damals gutgetan.“ Ob die jetzt Geschädigten das so auch sehen würden? Der Fall des schillernden Hochstaplers Jordan Belfort war 20 Jahre alt, als Martin Scorsese und Leonardo DiCaprio ihm ein filmisches Denkmal setzten in „The Wolf of Wall Street“ (2013).
Film und Sender
Doku-Thriller
„Der große Fake – Die Wirecard-Story“ wird am 31. März 2021 zunächst exklusiv beim Streamingdienst TVnow veröffentlicht. Nur wenige Wochen später wird er aber auch im linearen RTL-Programm ausgestrahlt: Die Free-TV-Premiere findet am 22. April um 20.15 Uhr statt. Im Anschluss zeigt RTL einen Hintergrundbericht über den aktuell untergetauchten Wirecard-Manager Jan Marsalek.
TVnow
Der Streamingdienst von RTL konkurriert unter anderem mit Netflix, Amazon Prime, Sky und Disney+ um Zuschauer. Höhepunkte aus dem linearen Programm des Privatsenders sind auf TVnow ebenso zu sehen wie eigens produzierte Inhalte aus dem Show-, Real-Life- und Comedy-Segment sowie Dokumentationen und fiktionale Formate. Dazu kommen eingekaufte Spielfilme, Serien, Livesport und Familienprogramm. TVnow hat drei Bereiche im Angebot: „Free“ ist werbefinanziert, Premium kostet 4,99 Euro im Monat, Premium+ 7,99 Euro.