Der Grafiker Andreas Nießen im Selbstporträt Foto: Andreas Möller

Ein Künstler kämpft um seine Existenz – erst in der NS-Diktatur, dann in der DDR. Sein Enkel Andreas Möller begibt sich Jahre später auf Spurensuche. Heraus kommt ein spannendes Buch.

Es ist ebenso naheliegend wie bei Gelingen lehrreich, das Leben nachzuerzählen von Menschen, die in tragischer, heldenhafter oder verbrecherischer Art an den Geschehnissen ihrer Zeit beteiligt oder in sie verstrickt waren. Was aber tun mit den vielen Millionen Leben, die „zu unbedeutend für das Leben der Geschichte“ waren „und doch eng verflochten mit dem Geschehen jenes bewegten Jahrhunderts“? Der Autor Andreas Möller hat sich eines solchen Lebens angenommen – der Biografie seines 1996 verstorbenen Großvaters Andreas Nießen, der sich als Grafiker und Bürger in seinem Leben mit gleich zwei Diktaturen arrangieren musste. Hat er diese Prüfungen bestanden? Oder ist er als Mensch gescheitert? Die Antwort darauf könnte als Beispiel nicht nur den Enkel Jahrzehnte später interessieren.

 

Ein Leben im bürgerlichen Idyll

Möller selbst ist 1974 in Rostock geboren. Die Großeltern lebten damals in Kleinmachnow, einer DDR-Siedlung direkt an der Mauer zum West-Berliner Stadtbezirk Zehlendorf. Hierhin zogen sich Akademiker, Künstler, Schriftsteller zurück, denen in der „Hauptstadt der DDR“, also in Ost-Berlin, die Nähe zur Partei zu groß war. Wie auf einer kleinen Insel im großen Meer der „Diktatur des Proletariats“ konnte man hier ein bürgerliches Idyll pflegen. Was Enkelsohn Andreas erst Jahre nach dem Ende der DDR erfuhr: Die SED-Bürokraten sahen die kritische Intelligenz gar nicht so ungern in Kleinmachnow auf Distanz, vor allem so schön konzentriert – die notorisch Unzufriedenen ließen sich so viel leichter von Stasi-Spitzeln ausforschen.

Das abgeschiedene Leben in Kleinmachnow hat der Autor als Kind und Jugendlicher miterlebt, die große grafische Kunst seines Großvaters immer wieder bewundert. Aber warum genau waren Andreas Nießen große und stete Aufträge in der DDR-Zeit offenbar verwehrt, obwohl sein Ansatz und sein Stil zumindest auf dem flüchtigen Blick mit den Idealen einer sozialistische Ästhetik harmonierten? Und was war überhaupt mit den langen Jahren vor der DDR, in der NS-Diktatur, da es einige Jahre gar Berufsverbot gegeben hatte – aber keineswegs wegen politischer Opposition, sondern weil Nießen in erster Ehe mit einer Jüdin verheiratet war? Eine Geschichte, über die zu Lebzeiten der Großeltern stets nur sehr bruchstückhaft berichtet wurde.

Akribische Forschung in den Archiven

Den Aufwand, den der Autor betreibt, um diese Familiengeschichte aufzuarbeiten, ist enorm. Im Hauptberuf ist Andreas Möller Sprecher des Ditzinger Maschinenbauers Trumpf. Studiert hat er aber Geschichte, war Journalist beim Deutschlandradio in Berlin, hat auch schon zuvor Sachbücher veröffentlicht. Mit anderen Worten: Ihm stand nicht nur die aufklärerische Ambition zu Diensten, sondern auch das professionelle Handwerkszeug. Seine Recherche führte ihn deshalb nicht nur in die Archive der NS- und der DDR-Zeit. Er bettet die Geschichte seines Großvaters auch ein in die Kultur- und Geistesgeschichte ihrer jeweiligen Zeit.

Angesichts seines Geburtsjahres 1906 muss man genau betrachtet von fünf Ländern sprechen, in denen Andreas Nießen gelebt hat: Deutschland als Kaiserreich, als Weimarer Republik, als NS-Terrorstaat, als DDR, und schließlich das neu vereinigte Deutschland. Der Großvater des Autors, so liest man, war in diesen fünf Systemen weder Opfer noch Held oder Verbrecher, sondern wie so viele andere gerade darin bestrebt, nichts von alledem sein zu müssen. Ob am Ende der Recherche und des Niederschreibens dem Enkel aber der Großvater auch näher gerückt ist, bleibt auf eine gewisse Art offen. Das macht die Lektüre umso anregender.

Das Buchcover Foto: Verlag

Andreas Möller: Am Rand Berlins lebt die Intelligenz. Kleinmachnow, mein Großvater und die Reklame fürs Volk. Friedenauer Presse, Berlin. 298 Seiten, 25 Euro.

Lesung Am Dienstag, den 25. November, stellt der Autor um 19.30 Uhr sein Buch im Stuttgarter Hospitalhof vor, Büchsenstr. 33, S-Mitte.