In Freiburg findet sich das Ehrengrab des früheren Reichskanzlers Constantin Fehrenbach, der vor 100 Jahren verstorben ist.
Constantin Fehrenbach hat durch einen Skandal Prominenz erlangt, der weithin vergessen ist. Dabei lag dessen Schauplatz unweit von hier. Und vieles, wovon dieser Skandal erzählt, ist heute noch nicht überwunden. Fehrenbach war dieser Skandal nicht anzulasten, er hat ihn zur Anklage gebracht. Der Skandal illustriert, warum der deutsche Kaiser ein ignoranter Kommisskopf und sein Reich kein wirklicher Rechtsstaat war. Er zeugt von Willkür, nationalistischem Überlegenheitswahn und Kasernenhofmentalität. All dies hat Fehrenbach angeprangert.
Es geht um die sogenannte Zabern-Affäre: Sie ist nach einer gleichnamigen elsässischen Kleinstadt benannt, die heute Saverne heißt. Anno 1913 waren dort preußische Truppen stationiert. Ein schnöselhafter Leutnant mit Adelstitel, gerade der Schulbank entwachsen, wies Rekruten an, sie sollten sich bei Konflikten mit heimischen Zivilisten handfest zur Wehr setzen: „Wenn Sie dabei so einen Wackes über den Haufen stechen, so schadet es nichts.“ Der Ausdruck „Wackes“ war ein Schimpfwort für Elsässer und bedeutete Nichtsnutz oder Rüpel.
Fehrenbachs „Beschämung“ angesichts der Zabern-Affäre
Das Geschwätz des Leutnants machte prompt im Ort die Runde. Es gab es wochenlang Proteste. Über der Stadt wurde der Belagerungszustand verhängt, Leute wurden wahllos verhaftet. Als der provokante Offizier in der Öffentlichkeit angepöbelt wurde, streckte er einen der Wortführer mit dem Säbel nieder.
Die Armee weigerte sich, den Fall aufzuklären, nahm das Recht in die eigene Hand. Der Kaiser „verkannte vollständig“ die politische Brisanz, urteilte der Historiker Wolfgang Mommsen. Kurt Tucholsky schrieb über den säbelschwingenden Leutnant: „...wehrt sich jemand, sticht er gleich mit’s Messer, schon weil der andere sich nicht wehren kann.“ Die Affäre endete mit Freisprüchen für alle Militärs, die ihre Befugnisse überschritten hatten.
Am 3. Dezember 1913 kam der Fall im Reichstag zur Sprache. Constantin Fehrenbach vertrat dort seit 1903 den Wahlkreis Ettenheim-Lahr. Im Namen der Zentrumspartei ergriff er in der Debatte das Wort, um ein „Gefühl der Beschämung“ zu bekunden. „Das Unzulängliche, hier wird es Ereignis“, so benannte Fehrenbach die Affäre, „das Unbeschreibliche, hier ist es getan.“ Der Abgeordnete aus Südbaden pochte auf dem Grundsatz: „Auch das Militär untersteht dem Gesetz und dem Recht.“ Er mahnte: „Wenn wir zu Zuständen kämen, die Zivilbevölkerung der Willkür des Militärs preiszugeben, dann meine Herren – Finis Germaniae!“
Die Schlussformel bezeichnet den Untergang Deutschlands. So weit kam es vorerst nicht. Doch Fehrenbach sah sich ein paar Jahre später veranlasst, seinen Mahnruf zu wiederholen. Das konnte er in jenem Moment freilich noch nicht absehen. Die Zabern-Rede bedeutete allerdings eine „wirkliche Wende für Fehrenbachs politische Karriere“, so die Historikerin Astrid Mannes in ihrer Doktorarbeit über den späteren Reichskanzler. Das liberale „Berliner Tageblatt“ schrieb, Fehrenbach sei aufgetreten als „Repräsentant alles dessen, was staatsbürgerlich denkt und fühlt“. Der zeitgenössische Historiker Karl Bachem nannte ihn einen „überlegenen Anwalt des beleidigten Rechts“.
Ein rhetorisches Talent schon in jungen Jahren
Eine solche Rolle war dem damals 60-jährigen Provinzpolitiker nicht in die Wiege gelegt. Er kam in dem Schwarzwalddorf Wellendingen zur Welt, heute ein Stadtteil von Bonndorf. Sein Vater war Volksschullehrer, die Mutter eine Bauerntochter. Nach einem glänzend bestandenen Abitur sollte Fehrenbach eigentlich Pfarrer werden. Davon, so ein Freund und Parteikollege, der badische Staatspräsident Heinrich Köhler, habe ihn „ein heißes Frauenherz in letzter entscheidender Stunde“ abgebracht. Über rhetorisches Talent verfügte der Theologiestudent schon in jungen Jahren. Als er mit Kommilitonen in einem Ortenauer Gasthaus zechte und deklamierte, sagte der Wirt zu der Runde: „Ihr könnt so gut Reden halten, ihr kommt alle noch in den Landtag!“
So kam es tatsächlich. Als Rechtsanwalt machte sich Fehrenbach zunächst in der Stadtverordnetenversammlung Freiburgs einen Namen. 1885 wurde er in die Zweite Kammer der badischen Ständeversammlung gewählt, der er mit Unterbrechungen bis 1908 angehörte. Zuletzt übte er dort die Rolle des Parlamentspräsidenten aus – ein Amt, das ihm 1918 auch im Reichstag übertragen wurde. In dieser Funktion kämpfte er als überzeugter Monarchist noch am Ende des Ersten Weltkriegs für den Fortbestand des Kaiserreichs.
Doch „die Geschichte überrollte ihn“, so die Biografin Mannes. Mit Fehrenbach, schreibt sie, verbinde sich Anfang und Ende, Untergang und Neubeginn. Der Sturz des Kaisers erschütterte ihn zutiefst. Nach der Novemberrevolution 1918, mit der Deutschland zur Demokratie wurde, habe er Berlin „in tiefer Depression“ verlassen. Aus einer vertrauten Runde in Offenburg berichtete Joseph Wirth, Parteifreund und später ebenfalls Reichskanzler: Fehrenbach habe sich „in vollständiger körperlicher und seelischer Auflösung“ befunden, „geweint und seinen ganzen Schmerz herausgeschrien mit dem Wehruf: ‚Finis Germaniae!’“.
Für den Mann aus Freiburg war das freilich nicht das Ende. Er habe sich „mit der neuen Staatsform nicht nur arrangiert“, so die Biografin Mannes. Fehrenbach sei vielmehr „einer der stärksten Verfechter von Demokratie und republikanischer Staatsform“ im katholisch-konservativen Zentrum geworden. Die Weimarer Nationalversammlung erkor ihn zum Präsidenten. Somit hatte er eine Schlüsselrolle inne, als das Fundament für die neue Republik gelegt wurde.
Regierungschef eines bürgerlichen Minderheitenkabinetts
Das machtvollste Amt in Fehrenbachs Karriere erwies sich als sein heikelstes. Am 25. Juni 1920 wurde er Regierungschef eines bürgerlichen Minderheitskabinetts. Der regierungsunerfahrene Reichskanzler hatte eine schier unlösbare Aufgabe: Er musste mit den Siegermächten ausverhandeln, wie der Versailler Vertrag erfüllt werden sollte – den er selbst als „Werk der ödesten Selbstsucht, des Hasses und der Rache“ bezeichnet hatte.
Die schwierigen Verhandlungen wurden auf Konferenzen im belgischen Badeort Spa, Paris und in London geführt. Doch Fehrenbach „fehlte jede internationale Erfahrung“, so Astrid Mannes. „Sein Milieu war nicht das diplomatische Parkett.“ Immerhin schraubten die Alliierten ihre Reparationsansprüche an das Deutsche Reich während seiner Amtszeit von 226 auf 132 Milliarden Goldmark zurück. Dieses sogenannte Londoner Ultimatum erlebte Fehrenbach jedoch nicht mehr als Reichskanzler. Er scheiterte damit, seine Koalition auf den Kompromiss einzuschwören – war jedoch erleichtert, die Bürde dieses Amtes wieder loszuwerden.
Die Urteile von Historikern über Fehrenbachs Kanzlerschaft klingen häufig harsch. „Sein Wesen (war) ohne die fehlende Spannkraft, die in der damaligen Lage Deutschlands für einen Staatsmann notwendig war“, schrieb Michael Freund. Der Mann aus Freiburg sei „vom Amt des Reichskanzlers von Anfang an überfordert“ gewesen, befand Heinrich August Winkler. Die Biografin Mannes fasst zusammen: „Er war kein Mann des Tat, sondern ein Mann des Wortes.“
Fehrenbach ließ sich nicht entmutigen. Er resignierte nicht nach seiner nur zehn Monate währenden Amtszeit als Regierungschef. 1922 wurde er Mitglied des neu geschaffenen Staatsgerichtshof zum Schutze der Republik, den der Reichstag nach der Ermordnung Walter Rathenaus mit Zweidrittel-Mehrheit installiert hatte. Der verstand sich selbst als „Hüter der Verfassung“ und sollte den demokratischen Staat vor dessen Feinden bewahren – hat Adolf Hitler aber nicht von dessen Putschversuch ein Jahr später abgehalten.
„Alles Extreme und Radikale war ihm fremd“
Der Mann aus Freiburg engagierte sich in einem Verein zur Abwehr des Antisemitismus, der auch in konservativ-katholischen Kreisen Anhänger fand. „Wenn ich das Wort völkisch höre, wir mir schon ein bisschen schwummerig“, sagte er auf dem Parteitag des Zentrum 1922. „Alles Extreme und Radikale war ihm fremd“, schreibt Mannes. Fehrenbach unterstützte auch den Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, eine sozialdemokratisch dominierte Organisation, die SA-Schlägertrupps handfest zu bekämpfen und demokratische Veranstaltungen zu schützen versuchte.
Seine Lebenskraft hatte sich in den politischen Schlachten jener Zeit erschöpft. Am 23. Februar 1926 erlitt er in Berlin einen Zusammenbruch. „Den Todeskeim im Herzen“, so ein alter Freund, sei er aus der Hauptstadt nach Freiburg abgereist, wo er am 26. März im Alter von 74 Jahren starb.
Noch am Todestag würdigte ihn Reichstagspräsident Paul Löbe vor dem Parlament. „Ein Mann des Volkes zu sein, dem Volk zu dienen“, sei immer Fehrenbachs wichtigstes Motiv gewesen. Er habe „den Mut zur Verantwortung behalten in einer Zeit, in der Verantwortung so selten war“. Das Kanzleramt, so der Sozialdemokrat Löbe, „raubte ihm sogar den sonnigen Frohsinn und den goldenen Humor, der immer ein Charakterzug gewesen ist“. Löbe fügte hinzu: „Was ihm nicht geraubt werden konnte, war die innere Bescheidenheit, mit der er allen Menschen begegnete.“
Constantin Fehrenbach wurde im Beisein des damaligen Erzbischofs auf dem Freiburger Hauptfriedhof bestattet. Er habe sich stets um eine „Politik der Verständigung“ bemüht, wurde ihm aus den Reihen der eigenen Partei nachgerufen. Gerade „in der Zeit der nachrevolutionären Gärung“, in der er Kanzler war, sei eine „ruhige und versöhnliche Persönlichkeit“ hilfreich gewesen. Die „Freiburger Tagespost“ erinnerte an eine Eigenschaft, die auch heute viel zu rar ist: Fehrenbach sei stets bestrebt gewesen, „auch politischen Gegnern in objektiver Weise gerecht zu werden“.