Am Tag nach dem Drama um den Dänen Christian Eriksen herrscht eine Mischung aus Erleichterung, Ärger und Zweifeln. Eine Frage wird besonders emotional diskutiert – und ganz anders als noch am Samstag.
Kopenhagen/Stuttgart - Irgendwann verlässt auch den stärksten aller Dänen die Kraft. Simon Kjaer kann nicht mehr und bittet darum, ausgewechselt zu werden. Gut eine Stunde ist in der EM-Partie gegen Finnland gespielt, als der Kapitän den Platz verlässt, kurz vorher ist sein Team mit 0:1 in Rückstand geraten. An diesem Spielstand wird sich auch bis zum Schluss nichts mehr ändern. Aber wen interessiert das schon an diesem Samstagabend in Kopenhagen, an dem der Sport plötzlich bedeutungslos und Simon Kjaer zum Helden wird.
Der hünenhafte, 32 Jahre alte Abwehrspieler vom AC Mailand ist es, der kurz vor der Halbzeitpause quer über den Platz sprintet und Soforthilfe leistet, nachdem sein Mitspieler Christian Eriksen (29) unvermittelt zu Boden gestürzt und leblos liegen geblieben ist. Mit seinen breiten Schultern bildet der frühere Wolfsburger gemeinsam mit seinen Teamkollegen einen Sichtschutz, als Ärzte und Sanitäter die Wiederbelebungsmaßnahmen einleiten. Und zwischendurch versucht Simon Kjaer auch noch, Eriksens Freundin zu beruhigen, die über die Werbebande auf den Rasen geklettert ist und nun verzweifelt mitansehen muss, wie der Vater ihrer beiden Kinder mit dem Tode ringt.
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Es sind dramatische, gespenstische, quälend lange Minuten des Bangens und des Hoffens. Sie lassen niemanden kalt – nicht die 15 200 Zuschauer im Kopenhagener Stadion und auch nicht den Rest der Fußballwelt, der vor dem Fernseher einem live übertragenen Überlebenskampf beiwohnt. Der Einsatz eines Defibrillators lässt Eriksens Beine zucken, ein Lebenszeichen hingegen ist nicht erkennbar. Das ZDF macht das einzig Richtige, beendet die Übertragung aus Kopenhagen und verabschiedet sich vorübergehend auch aus dem EM-Studio in Mainz, in dem Weltmeister Per Mertesacker mit den Tränen kämpft.
Herzstillstand – aber keine Vorerkrankungen
50 Minuten vergehen, in denen mit dem Schlimmsten gerechnet werden muss. Dann kommt sie endlich, die erlösende Nachricht, dass Eriksens Zustand wieder stabil sei. „Er war schon weg. Es war ein Herzstillstand. Wir haben es geschafft, ihn zurückzuholen“, wird am Tag darauf der dänische Teamarzt Martin Boesen berichten; dass es keinerlei Hinweise auf eine Vorerkrankung gegeben habe, wird Piero Volpi versichern, der Mannschaftsarzt von Eriksens Arbeitgeber Inter Mailand. Und der DFB-Arzt Tim Meyer, Vorsitzender der medizinischen Kommission der Uefa, lobt „die schnelle und adäquate Reaktion“ und sagt: „Wir werden diese Fälle nie gänzlich vermeiden können, sind aber mit unserem System sehr, sehr gut aufgestellt.“
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Aus der Intensivstation eines Kopenhageners Krankenhauses heraus ermuntert Eriksen seine Mitspieler in einem Videotelefonat, die Partie fortzusetzen; auch die Finnen schließen sich diesem Wunsch an. Und so wird, 107 Minuten nach dem schrecklichen Kollaps, ein Spiel fortgesetzt, das unter diesen Bedingungen grotesk erscheint. Die von der Uefa angebotene Alternative wäre gewesen, am nächsten Tag um 12 Uhr weiterzumachen. „Die Spieler waren sich sicher, heute nicht mehr schlafen zu können. Es war besser zu sagen: Wir bringen es jetzt hinter uns“, sagt am Abend Nationaltrainer Kasper Hjulmand und könnte „nicht stolzer auf meine Spieler sein“.
Am Tag danach kommen die Zweifel
Am nächsten Tag jedoch kommen die Zweifel. Kurzfristig lädt der dänische Fußballverband zu einer Pressekonferenz. „Ich denke ehrlich gesagt nicht, dass wir wieder auf dem Plätz hätten sein sollen“, sagt Hjulmand. Ihn plage „ein schlechtes Gewissen“, vielleicht „hätten wir einfach in den Bus steigen sollen und dann schauen, was am nächsten Morgen ist“.
Der früher Bundesliga-Coach des 1. FSV Mainz 05 spricht von einer „harten und falschen Entscheidung, die Spieler zwischen diesen beiden Dingen entscheiden zu lassen: entweder am selben Abend oder am nächsten Tag zu spielen“. Viel deutlicher wird Dänemarks Torwartikone Peter Schmeichel, Vater von Nationaltorhüter Kasper Schmeichel, der es „absolut lächerlich“ findet, „dass die Uefa mit einer Lösung wie dieser dahergekommen ist“. Die Europäische Fußball-Union (Uefa) verteidigt sich mit Verweis auf die Regularien, die Entscheidung den beiden Mannschaften überlassen zu haben.
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Von Krisenpsychologen wird das dänische Team seit Samstagabend betreut – die noch wichtigere Hilfe kommt aber aus dem Krankenhaus. Der Zustand Eriksens sei weiterhin „stabil“, wie der dänische Verband mitteilt. Am Sonntagmorgen habe man mit ihm sprechen können, berichtet Nationaltrainer Hjulmand, „wir haben alle zusammen sein Lächeln auf dem Bildschirm gesehen“. Das sei „eine riesige Erleichterung“ gewesen, seinen Spielern habe der Zustand ihres Mitspielers „einen riesigen Boost“ gegeben.
Also wird Dänemark die Europameisterschaft fortsetzen, „wir werden für Christian spielen“, sagt Kasper Hjulmand. Am Donnerstag geht es im zweiten Gruppenspiel gegen Belgien weiter – viel zu verlieren hat der Europameister von 1992 nicht. Er habe das Gefühl, sagt Sportdirektor Peter Möller, „dass diese Mannschaft mit der Art, wie sie das hier gehandhabt hat, die Herzen aller Dänen gewonnen hat“. Und nicht nur die der Dänen.