Jörg Senn-Bilfinger in seinem Garten. In dem Metallgebilde ist die Formel für das Mittel Pantoprazol verewigt. Foto: Uli Fricker

Jörg Senn-Bilfinger gehört zu den Erfindern des Medikaments Pantoprazol. Ein Hausbesuch bei dem Patenterfinder und Wissenschaftler in Konstanz.

Das Musikerviertel zählt zu den gehobenen Wohnquartieren von Konstanz. Es trägt seinen Namen wegen der vielen Tonschöpfer, nach denen die Straßen benannt sind. Daran grenzen Villen der Gründerzeit, die von hohen Hecken dezent gerahmt werden. Viele Grundstücke schauen auf den Seerhein und Richtung Süden. Ludwig van Beethoven, der in Wien notorisch seine Wohnungen wechseln musste, hätte sich in der Konstanzer Beethovenstraße keine Bleibe leisten können. Das Viertel ist wohlhabend und kultiviert – der Wohlstand wird hier nicht dick aufgetragen.

 

Auch Jörg Senn-Bilfinger wohnt in diesem Viertel rechts des Rheines. Der 78-Jährige sitzt am Esstisch und hat dort sein Laptop aufgebaut. Vom Tisch aus sieht er auf seine winterlichen Stauden im Garten, den grauen Winterrasen und die fahle Blässe, die der Dauernebel über den Bodensee streut. Von seinem geräumigen Haus blickt er auch auf sein Lebenswerk. Er zeigt auf eine Metallplastik, deren verspielte Teile an die Mobiles erinnern, die in den 70er Jahren über deutschen Kinderbetten schwebten. Der Laie, der von Chemie wenig Ahnung hat, sieht in dem Gebilde ein modernes Kunstwerk. Für Senn-Bilfinger ist es viel mehr. Es bildet die chemische Formel ab, die sein Leben geprägt hat. Die ihn zu einer kleinen Berühmtheit im Kosmos der vielen Labormenschen machten, die Tag für Tag mit Molekülen jonglieren, um neue Wirkstoffe zu komponieren. Ihm ist es gelungen: Er war federführend an der Erfindung von Pantoprazol beteiligt – dem großen Magenfreund unter den Medikamenten.

Wie viele deutsche Mägen sind übersäuert?

Der Patenterfinder und Wissenschaftler ist kaum noch zu bremsen, wenn er auf seine große Zeit zu sprechen kommt. Er doziert dann über die Jahre des Aufbruchs, als wäre es erst gestern gewesen, dass er das Labor leitete. Die Firma Byk Gulden saß im Konstanzer Industriegebiet. Nicht gerade ein Champion in der Liga der Pharma-Hersteller. „Es war eine Klitsche“, sagt Jörg Senn-Bilfinger ohne Schnörkel. „Wir verkauften damals alte Hüte.“ Der Fortschritt tanzte anderswo auf flinken Füßen.

In den 80er Jahren entschied sich ein kluger Vorstand für neue Pfade. Wie viele Mägen in Deutschland, damals noch Wirtschaftswunderland, waren übersäuert, wund, unwohl? Dagegen musste jetzt ein Mittel erfunden werden.

Zehn Jahre lang tüftelten Senn-Bilfinger seine Kollegen an der neuartigen Formel des Magensäurehemmers. „Wir hatten viele Rückschläge“, berichtet er. Fehlversuche, Störfeuer von außen. Am Ende profitierten sie vom „Glück der Tüchtigen“, wie er sagt. Diese Formel bringt es auf den Punkt: Chemiker und Laboranten verstanden ihr Handwerk, sie waren auf dem Stand der Wissenschaft. Doch ohne das Momentum des Zufalls hätten sie keine Chance gehabt. Man benötigt beides – Kompetenz und Fortüne.

Überhaupt Einzahl und Mehrzahl: Die Erfindung von Pantoprazol war keine solitäre Leistung, die ein einsamer Forscher erbrachte, während die anderen keine Ahnung hatten und die Reagenzgläschen nummerierten. Der Erfinder ist ehrlich, er sagt gerne „ich“ und noch häufiger „wir“. Pantoprazol, erläutert er, war eine Teamleistung. Je nach Phase arbeiteten daran mehrere Labore und zehn bis 15 Menschen in fiebriger Hast.

Benötigt die Pharmabranche Tierversuche?

Auch vierbeinige Lebewesen waren am immer wieder gefährdeten Durchbruch beteiligt. Zahlreiche Ratten und Mäuse dienten als erste Versuchssäugetiere. Die ersten Ergebnisse wurde den Nagern gespritzt, dann die Reaktion beobachtet und ausgewertet. Senn-Bilfinger erinnert sich: „Erst wenn ein Forschungspfad erfolgreich war und es den Mäusen besser ging, experimentierten wir auch an Hunden.“ Sie eignen sich noch besser als Kleintiere für das Verabreichen des Prototyps eines neuen Mittels.

Schon in den 80er Jahren, als erste Vorläufer von Pantoprazol komponiert wurden, waren Tierversuche umstritten. In einigen Universitätsstädten kam es regelmäßig zu Demonstrationen, bei denen Plakate mit grässlich eingezwängten und blutenden Affen herumgetragen wurden. Labore wurden beschädigt, die Verantwortlichen angeprangert. Senn-Bilfinger wirft einen klinischen Blick auf diese Proteste: „Die Pharmabranche kann nicht ohne Tierversuche arbeiten“, sagt er. Das mögliche Verletzen des Tieres sei das eine, der vielfache Nutzen für den Menschen das andere. Wenn der Säurehemmer bis heute problemlos eingenommen werden könne und den Magen schnell gnädig stimme, dann auch wegen der Tierversuche.

1994 kommt das Medikament in die Apotheken

Hunde oder Affen stehen dem Menschen am nächsten. Wobei zum Beispiel Schimpansen nie in den Käfigen von Byk Gulden gehalten wurden – was freilich nicht aus Tierliebe geschah, sondern aus ökonomischem Kalkül: „Affen sind viel zu teuer,“ sagt Senn-Bilfinger trocken. Anders sieht es in Ländern aus, deren Natur von den Primaten bewohnt wird. Sie greifen sich die Affen aus der freien Wildbahn, ohne zu fackeln.

Als Pantoprazol 1994 in die Apotheken kam, brachen für den Branchenzwerg Byk Gulden goldene Zeiten an. Das Medikament wurde weltweit beachtet und verkauft. Senn-Bilfinger und seine Kollegen schrieben plötzlich in Fachmagazinen über ihre Arbeit, die Konstanzer waren in aller Munde. Magengeschwüre konnten nun akut behandelt werden, ebenso Geschwüre am Zwölffingerdarm. Die kleinen Pillen halfen beim Schließen einer therapeutischen Lücke.

Der Patentschutz von 20 Jahren brachte die Firma nach oben. Es wurde gebaut und weiter geforscht. An den Erfolg von Pantoprazol konnte das Unternehmen jedoch nicht anknüpfen. Byk Gulden lebte von seiner einzigen Milchkuh. „Wir sind in neue Dimensionen vorgestoßen“, schwelgte der damalige Vorstand Klaus Schweickart Ende 2000. Erstmals hatte das Unternehmen laut dem Geschäftsbericht die Umsatzmarke von einer Milliarde Mark geknackt. Aber nie wieder sollten die medizinischen Chemiker einen Durchbruch gleichen Kalibers erleben.

Nach Ablauf der patentgeschützten Schonzeit begann der Abstieg. Der Versuch, einen ähnlichen Durchbruch mit einem Lungenmittel zu erzielen, scheiterte. Die Forschungsstrategien erwiesen sich als Holzwege. Senn-Bilfingers Blick verdüstert sich, wenn er von den vielen vergeblichen Anläufen berichtet. Im Schatten von Pantoprazol wollte nichts mehr wachsen und gedeihen.

Pantoprazol wird zum schnell zum Star

Byk Gulden war keine Firma wie andere. Über ihre Eigentümer war sie indirekt mit der Wirtschaftspolitik der NS-Diktatur verknüpft. Die Schlüsselfigur: Günther Quandt, der als NS-Wehrwirtschaftsführer vom Zweiten Weltkrieg profitierte. Seine Firmen rüsteten die Wehrmacht mit wichtigem Zubehör wie Batterien aus. 1941 – im Jahr des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion – brachte Günther Quandt Byk Gulden in seinen Besitz. „Der Mann war Teil des NS-Regimes“, urteilt der Historiker Joachim Scholtyseck. Als Pantoprazol 1994 auf den Markt kam und zum Star wurde, gehörte die Firma zum Besitz von Quandts Enkelin Susanne Klatten. 2007 verkaufte sie als Mehrheitsaktionärin das Unternehmen an den Investor Nycomed, der es schnell und zu doppeltem Preis an die japanische Gruppe Takeda weiterreichte. Am Ende wurde der Standort Konstanz aufgegeben, der industrielle Campus verkauft, von einst 3000 Arbeitsplätzen blieb kein einziger übrig. Die Ex-Mitarbeiter reagieren bis heute mit Bitterkeit und gekränktem Stolz. Doktoren, Laborleiterinnen, Köche und Tierpflegerinnen hatten ihre gute Arbeit verloren, mehr noch: Sie sahen ihr Lebenswerk zerstört und zeigten auf das Management. Besonders über den letzten Chef Schweickart hört man wenig Freundliches.

Wenig später heuerte auch der Pantoprazol-Pionier ab. Jörg Senn-Bilfinger ging vorzeitig in den Ruhestand. Ihm war klar geworden, dass die neuen Besitzer an Forschung kein Interesse mehr hatten, denn die ist schließlich teuer und bringt auch keine Dividende, wenn dem Tüchtigen das Glück versagt bleibt.

Ein Pendler zwischen Konstanz und Stuttgart

So startete der Chemiker eine zweite Karriere. Er reist durch die Lande, berichtet aus seinem Leben und über sein Leib-und-Magen-Thema. Jahrelang pendelte er auch, nun ohne den Dienst-BMW, vom Musikerviertel an die Universität Stuttgart. Inzwischen schmückt der Titel „Professor“ seine Visitenkarte. Senn-Bilfinger drückt das Kreuz durch, wenn er davon erzählt. Und versetzt sich dann gedanklich zurück in die Kindheit. Der kleine Ort Magenbuch im Kreis Sigmaringen. Die Dorfschule. „Acht Klassen saßen in einem Raum.“ Dem Lehrer, der den Haufen alleine unterrichtete, ist er bis heute dankbar. „Er schaffte es, indem er einzelne Gruppen herausnahm, sie auf die Ecken des Klassenzimmers verteilte und separat förderte.“ Der junge Jörg kletterte die Karriereleiter langsam nach oben. Von der Zwergschule zum Chemie-As. Eine schwäbische Karriere der Nachkriegszeit.

Der Exkurs in die Kindheit wird unterbrochen: Im Hintergrund werkelt seine Frau Rose hörbar mit Pfannen und scharfem Messer. Es gibt Maultaschen mit geschmelzten Zwiebeln, dazu Chicoréesalat, berichtet sie aus der Küche, die ja auch eine Art von Labor darstellt. „Kochen ist Lebensmittelchemie“, sagt er. „Das ist Sache meiner Frau.“