Daniel Schreiber Foto: IMAGO/Funke Foto Services/IMAGO/

Trauer hört nie auf. Das muss Daniel Schreiber erkennen, als sein Vater stirbt. Wird man durch Verluste ein anderer Mensch? Ein Treffen mit dem Autor.

Wenn Daniel Schreiber einen Text schreibt, dann gehen seine Worte genau dorthin, wo es wehtut. Aber auch dahin, wo es einem irgendwie auch warm ums Herz wird. Auch trostreich ist das, was der Autor nun mit „Die Zeit der Verluste“ auf Papier gebracht hat, indem er aus dem persönlichen Schmerz ein großes Gefühl der allgemeinen Ungewissheit und auch Trauer einfängt. Pandemie, Krieg, Terror – wie können wir leben, wenn die Zeiten voll von Verlusten sind? Seine Kunst ist es, über Ängste zu schreiben, in einem literarischen Essay, in dem kulturwissenschaftliche, philosophische, psychologische Querverweise miteinander verwoben sind. Schreibers Bücher „Nüchtern“, „Zuhause“ und „Allein“ waren allesamt Bestseller. „Die Zeit der Verluste“, das nun aktuell bei Hanser Berlin erschienen ist, steht aber außerhalb dieser Trilogie.

 

Er stürzt sich in Arbeit, als sein Vater stirbt

Angekommen in Stuttgart: Büchersignieren in der Buchhandlung Pegasus, kurzes Durchatmen im Hotel, abends die schon seit langem ausverkaufte Lesung im Literaturhaus, moderiert von der enthusiasmierten, ehemaligen Buchhändlerin Maria Piwowarksi. Die Tage sind durchgetaktet. Es bleibt nur Zeit für ein paar Erdnüsse und einen Schokoriegel. Nach drei Bestsellern kennt er diesen Rhythmus nur zu gut – und stürzt sich wie ein Wahnsinniger in Arbeit, als sein Vater stirbt.

Daniel Schreiber fängt ein großes persönliches Gefühl der Trauer ein und gibt ihm Platz. Obwohl er es zuerst gnadenlos verdrängt. „Verdrängung sollte man nicht verteufeln. Das ist unsere erste Reaktion auf Verluste und erfüllt auch eine Funktion“, sagt er. „Unsere Psyche beschützt uns. Sonst würde es uns sehr schwerfallen, durch den Alltag zu gehen.“

Er fasst die Unbeständigkeit der Welt in Worte

Er nimmt sich Zeit für ein Gespräch über Schreiben, Trauern und seine Lieblingskochbuchautorin Ina Garten. Er fasst die Unbeständigkeit der Welt in Worte, indem er seine persönliche Trauer raus aus den Mittelpunkt rückt. Daniel Schreiber, 1977 in Mecklenburg-Vorpommern geboren, hat ausgehend vom Tod seines Vaters ein Buch geschrieben. In „Zeit der Verluste“ ist zu lesen: „Ich folge den Gassen, reihe mich in die Ströme der Menschen ein, die dichter werden, je näher ich dem historischen Zentrum komme, biege ab, die Tasche fest unter den Arm geklemmt, biege erneut ab, gehe über kleine und größere Brücken und vertraue darauf, dass mein Körper den Weg gut genug kennt, um mich ans Ziel zu bringen. Jene mir inzwischen so vertraute Taubheit hat wieder völlig Besitz von mir ergriffen. Sie ebnet alles ein, sorgt dafür, dass die traurigen Gefühle in mir nicht zu laut werden, die Stimme der Verzweiflung, die unterschwellige Panik.“

Schreiber möchte und sollte nicht missverstanden werden. Er hat keinen Ratgeber geschrieben. Sein Text hat nichts Professorales, doch etwas Allgemeingültiges. Er sagt: „Wir befinden uns kulturell in dieser Verdrängungsphase. Wir haben so viel verloren, trauen uns aber noch nicht hinzuschauen.“ Der Autor sieht die Bedrohung konkret in der Spaltung der Gesellschaft, den Kriegen, der Klimasituation. „Wir müssen alle durchs Leben gehen“, so Schreiber. „Doch es ist wichtig, dass man sich den Verlusten stellt. Sonst kann man die Zukunft nicht mitschreiben.“

Ein nebelgrauer Tag im Februar

Mehr Klischee geht nicht: Die bedrohte Stadt der Vergänglichkeit ist Venedig, genau dort ist das Setting von „Die Zeit der Verluste“ an einem nebelgrauen Tag im Februar. Schreiber reist in die Stadt, in der die Menschen mit der Vergänglichkeit leben, trotz Bedrohung versuchen, ein gutes Leben zu führen, und dabei die perfekten Fritelle, italienische Krapfen, backen.

Ausgehend von diesen schönen Beschreibungen schafft es Schreiber, neben seinem persönlichen Verlust mittels intimer Rückblicke auf seine Familie auch dem Verlust gesellschaftlicher Sicherheiten, den Katastrophenmeldungen, der Hilflosigkeit gegenüber der Unsicherheit der Welt und der Komplexität der Krisen Platz einzuräumen. So schreibt er: „Vielleicht besteht darin die größte Herausforderung dieser unserer Zeit der Verluste: mit dem Schmerz der Trauer leben zu lernen und durch ihn ins Eigentliche unsers Lebens zurückzufinden.“ So ziert das Cover seines Essaybands ein Kunstwerk von Navot Miller, knallbunt und lebensfroh. „Trotz dieser Dinge gibt es ein gutes Leben. Das Problem bei Trauer ist, dass man das nicht sieht“, erklärt Schreiber, der sich in kleinen Schritten wieder den Momenten nähert: „den Momenten der Dankbarkeit, des Staunens, des Genuss‘, der Begegnung.“

„Trauer funktioniert von Tag zu Tag“

Nach Judith Butlers Trauertheorie besteht Trauer in der Akzeptanz der „Tatsache, dass einen der Verlust, den man durchmacht, verändern wird“. Und Schreiber im Snoopy-Kuschel-Pulli sagt: „Trauer funktioniert von Tag zu Tag. Trauer hört nicht irgendwann auf und man ist dann der alte Mensch. Man muss das Leben mit Verlusten gestalten.“ Er wollte ein schönes Buch übers Trauern schreiben. Es ist ihm gelungen. Was bleibt, ist Zuversicht.

Daniel Schreiber: Die Zeit der Verluste. Verlag Hanser Berlin. 144 Seiten, 22 Euro.

Zur Person

Der Autor
Daniel Schreiber, geboren 1977 in Mecklenburg-Vorpommern, studiert in New York und Berlin Literaturwissenschaft, Slawistik, Theaterwissenschaft und Performance Studies. Während seiner Zeit in New York ist er auch Privatkoch für reiche Menschen an der Upper East Side. Er schreibt das Buch „Susan Sontag. Geist und Glamour“. Sehr erfolgreich waren seine Essaybände „Nüchtern. Über das Trinken und das Glück“ „Allein“ und „Zuhause. Die Suche nach dem Ort, an dem wir leben wollen“. Schreiber lebt inzwischen in Berlin.

Das Buch
Als der Vater von Daniel Schreiber stirbt, reist er nach Venedig. Es ist aber nicht nur die große persönliche Trauer, die er in „Die Zeit der Verluste“ beschreibt. Schreibers Kunst ist jene des literarischen Essays. Wie schon in seinen Bestsellern davor, sind es stets Themen, über die man nicht gerne spricht, die uns aber alle angehen.