Die Bahn-Experten Christoph Engelhardt und Roland Morlok kritisieren Pfaffensteig- und Sulzer-Tunnel als „wirtschaftlich unsinnig“. Warum sie meinen, dass die Zahlen eine Mogelei sind.
Sind die geplanten Tunnel auf der Gäubahn Zahlen-Mogelei? Das werfen zwei Bahn-Experten Bund und Behörden vor.
Roland Morlok vom Deutschen Bahnkundenverband, bekannt auch von den Horber Schienentagen, kritisiert die Wirtschaftlichkeitsrechnung für den Pfaffensteigtunnel (1,96 Mrd. Euro Kosten). Er soll über 12 Kilometer Länge die Gäubahn zwischen Böblingen und dem Flughafen Stuttgart verbinden.
Morlok: „Das volkswirtschaftliche Kosten-Nutzen-Verhältnis (KNV) wird inzwischen mit 1,6 dargestellt. Dabei liegt es für den Pfaffensteigtunnel nur bei 0,23. Für den Sulzer Tunnel immerhin bei 0,56.“
Wird Pfaffensteigtunnel schön gerechnet?
Möglich macht das – nach Meinung von Morlok – ein Rechentrick. Denn: Beim Kosten-Nutzen-Verhältnis werden der zweigleisige Ausbau der Gäubahn (mit Doppelspurinseln wie Horb-Neckarhausen) und die beiden Tunnel zusammen bewertet.
Darum ist der Pfaffensteigtunnel unwirtschaftlich
Morlok: „Die Bündelung des Pfaffensteigtunnels mit dem zweigleisigen Ausbau der Gäubahn ist unzulässig. Der Tunnel ist betrieblich eigenständig und erreicht nach Zuordnung des Nutzens und Aktualisierung der Kosten nur ein NKV von maximal 0,23. Das ist Geldvernichtung in Milliardenhöhe. Der zweigleisige Gäubahnausbau allein ohne Tunnel erreichte dagegen ein NKV von 2,7.“
Engelhardt: „Keine Fahrzeitverkürzungen auf der Gäubahn“
Christoph Engelhardt von „wikireal.org“ - auch Experte im Schlichtungsverfahren 2011 und beim Brandschutz in den Tunneln von Stuttgart 21: „Der Tunnel wird gerechtfertigt mit einer vermeintlich notwendigen Fahrzeitverkürzung zur Erreichung des Taktknotens im neuen Stuttgarter Tiefbahnhof. Dort liegt aber gar kein Taktknoten vor und ist auch nicht möglich, es ist egal, wann ein Zug in Stuttgart ankommt, er verpasst praktisch immer gleich viele Anschlüsse.“
Der Analyst und Physiker betont, dass die Tunnel und der jetzt geplante zweigleisige Ausbau der Gäubahn auch keine Fahrzeitverkürzung bringt.
Bahn-Experten fordern einen Faktencheck
Beide gehen davon aus, dass der Pfaffensteigtunnel jetzt durchgezogen werden soll. Im am vergangenen Freitag (12. Dezember) wurde der Investitionsrahmenplan des Bundes veröffentlicht. Enthalten: Der Pfaffensteigtunnel. Engelhardt: „Bahnchefin Evelyn Palla sagt, die bei Stuttgart 21 begangenen Fehler dürften sich bei weiteren Großprojekten nicht wiederholen. Wir fordern jetzt einen Faktencheck.“
Kommt jetzt Faktencheck für Pfaffensteigtunnel?
Immerhin: Der Fakten-Schummel-Vorwurf von VCD, Pro Bahn und Landesnaturschutzverband zur Gäubahn-Kappung an den Hauptbahnhof hatte zum Gäubahn-Gipfel in Horb im September 2023 geführt.
Grüne für Gäubahn-Kappung
Die Landesgrünen haben sich für die Gäubahn-Kappung positioniert. Hendrik Auhagen (auch Mitglieder bei Pro Gäubahn) hatte auf dem Landesparteitag den Antrag gestellt, sich gegen Gäubahn-Kappung, Pfaffensteigtunnel und für den dauerhaften Stuttgarter Kopfbahnhof einzusetzen - mehrheitlich abgelehnt. Nikolas Baur (Grüne, Pro Gäubahn): „Damit lassen die Landesgrünen die 1,4 Millionen Menschen im Einzugsgebiet der Gäubahn hängen.“
Katja Rommelspacher (Grüne, Tuttlingen): „Das wendet sich gegen den Klimaschutz. 350 Tausend Tonnen CO2-Äquivalente werden alleine durch den Bau des Pfaffensteigtunnels freigesetzt. Ganze Landesteile werden auf der Schiene abgehängt und Bahnreisende aufs Auto und Flugzeug gedrängt. Der Glaubwürdigkeit der Grünen fügt dieser Beschluss schweren Schaden zu.“