Die letzte in Haslach lebende jüdische Familie wurde am Morgen des 22. Oktober 1940 aus ihrer Wohnung heraus verhaftet und in das Internierungslager nach Gurs verbracht.
Heute vor 85 Jahren hatte nach fast neun Jahren nationalsozialistischer Herrschaft in Deutschland die zunehmende Entrechtung und Verfolgung der Juden einen weiteren dramatischen Höhepunkt erreicht. Mehr als 6500 jüdische Mitbürger aus Baden und der Saarpfalz wurden aus ihren Wohnungen heraus verhaftet und in tagelanger Fahrt in Internierungslager im Südwesten von Frankreich verbracht. Nur wenige von ihnen haben den Holocaust überlebt.
Auch die letzte in Haslach lebende jüdische Familie entging diesem Schicksal nicht. Am Morgen des 22. Oktober 1940 klopfte die Gestapo an die Tür der Familie Bloch in der Sägerstraße 20. Völlig unvorbereitet wurden Joseph und Josephine Bloch sowie ihr Sohn Artur barsch aufgefordert, sofort Kleidung, Geschirr und Verpflegung für mehrere Tage zusammenzupacken.Nach weniger als zwei Stunden hielt ein Lastwagen vor ihrem Haus. Ein 13-jähriger Nachbarsjunge beobachtete durch die Dachluke, wie die Familie auf die Ladefläche steigen musste. Der 70-jährige Joseph Bloch rief verzweifelt: „Wenn ihr uns nur gleich auf den Friedhof fahren würdet!“Ob Familie Bloch in Haslach oder Gengenbach in den Deportiertenzug aus Konstanz verfrachtet oder mit den Gengenbacher Juden per Lastwagen direkt nach Offenburg transportiert wurde, konnte nicht recherchiert werden. Sicher ist, dass alle in die dortige Sammelstelle kamen, die sich in der Turnhalle des heutigen Schillergymnasiums befand. Mit weiteren Zügen aus Karlsruhe, Mannheim und Heidelberg trafen die Deportierten in Freiburg ein, von wo alle Züge in der Nacht zum 23. Oktober 1940 ihre Fahrt über die Breisacher Rheinbrücke zum Sammelpunkt im elsässischen Mulhouse fortsetzten.
Nach zweitägiger Fahrt erreichten die Deportierten das Internierungslager Gurs in den Pyrenäen, das für viele zur Todesfalle, für fast alle andern aber zur Zwischenstation in den sicheren Tod werden sollte.
Die Bedingungen im Lager Gurs waren unbeschreiblich grausam. In den Baracken gab es weder Tische und Stühle, noch Essgeschirr oder Trinkgefäße. Toiletten fehlten, die Wege zu den Latrinen starrten vor Dreck und tiefem Morast. Ratten, Läuse und Flöhe waren allgegenwärtig. Die Todesrate stieg schnell an. Josephine Bloch erlag schon nach drei Wochen diesen unmenschlichen Bedingungen. Ihr Mann Joseph überlebte sie nur um einen Monat. Sohn Artur, der 1903 in Haslach geboren wurde, dort aufgewachsen war und im Fußballverein spielte, hatte einen großen Freundeskreis und war sehr beliebt. Er überstand zwar die Lagerbedingungen in Gurs, aber nach zwei Jahren wurde er in das Sammellager Drancy bei Paris deportiert. Von dort musste der dann 39-Jährige mit vielen anderen am 31. August 1942 in einem Viehwaggon die Fahrt nach Auschwitz in den Tod antreten.
Es gab noch weitere Juden, die zum Teil jahrzehntelang mit ihren Familien in Haslach gelebt hatten, aber vor 1933 in andere Städte verzogen waren. 14 von ihnen sind danach auch nach Gurs verschleppt worden, mit ihnen weitere Angehörige. Mindestens sechs der ehemaligen Haslacher sind in Gurs verstorben, von zehn weiteren ist deren Ermordung in anderen Lagern bekannt.
Sechs ehemalige Haslacher starben in Gurs
Unter ihnen war auch Emma Bergheimer. Sie war die jüngste Tochter des Weinhändlers Samuel Bloch und seiner Frau Marie. 18 Familienmitglieder aus vier Generationen lebten in der Engelstraße 17. Emma Bergheimer war nach ihrer Heirat nach Mannheim verzogen. Von dort wurde sie mit ihrem Mann und Sohn Kurt nach Gurs deportiert, wo die Familie getrennt wurde. Kurt konnte von einer Hilfsorganisation in einem Kinderheim versteckt werden. Nach fast zwei Jahren erhielt er eine Karte von seiner Mutter, auf der zu lesen stand: „Unser geliebtes Kind, heute fahren wir ab. Es ist grauenvoll, die Tage hinter uns sind furchtbar. Aber wir müssen durchhalten, das kann nicht das Ende sein.“ Doch diese Hoffnung erfüllte sich nur für wenige der Verschleppten. Nicht jedoch für Emma Bergheimer: Auch sie, ihr Mann, ihr Schwager und dessen Frau wurden nach tagelanger Fahrt im Viehwaggon direkt nach ihrer Ankunft in Auschwitz ermordet.
Stolpersteine
Stolpersteine erinnern in Haslach an die Schicksale früherer jüdischer Mitbürger. In der Tourist-Information im Alten Kapuzinerkloster ist eine begleitende Broschüre mit vielen Informationen zu den Stolpersteinen erhältlich.