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Denkmalschutz Nagolder Arzt rettet Tuchmacherhaus

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Das Tuchmacherhäusle vorher und nachher: Roland Bühlmaier hat in dreijähriger Arbeit in der Steighalde in Ebhausen ein wahres Schmuckstück geschaffen. Foto: Bühlmaier

In Nagold und Umgebung kennen ihn Tausende Patienten nur im weißen Kittel. Doch der Arzt Roland Bühlmaier hat auch eine andere Seite: ein großes Faible für die Heimatgeschichte und zugleich einen Hang zum Tüftler und Baumeister. Beide Leidenschaften kamen nun bei einem Projekt zum Tragen, an dessen Ende ein wahres Schmuckstück entstanden ist.

Nagold/Ebhausen - Wer den Urzustand des über 200 Jahre alten Tuchmacherhäusles in der Steighalde 15 in Ebhausen kennt, traut seinen Augen nicht. Eigentlich war das einstige Armenhaus, das elf Jahre leer stand, dem Abbruch geweiht – wenn nicht Roland Bühlmaier gewesen wäre.

Er entschied sich, dieses Haus zu retten und denkmalgerecht instandzusetzen. Für den engagierten Heimatgeschichtler war dieses Abenteuer, das er mit diesem Projekt einging, gleichsam moralische Verpflichtung, etwas zu erhalten, was das Charisma eines alten Ortskerns ausmacht. Und er beauftragte den Historiker Karl J . Mayer, der Geschichte dieses Tuchmacherhäuschens auf den Grund zu gehen (siehe Info). Was bei diesen Recherchen herauskam, steht symbolhaft für die Geschichte dieses Ortes mit allen Schicksalsschlägen für seine Einwohner: wie bei dem Jahrhundertunwetter im Jahr 1824, dessen von der Hochfläche herabstürzende Wassermassen das Tuchmacherhaus mitsamt weiteren Gebäuden in der Nachbarschaft mit sich rissen.

Geschichte von Haus fasziniert

Bühlmaier hat sich förmlich hineingegraben in dieses Fachwerkjuwel und seine Geschichte. In sein Bautagebuch notierte er 4790 Eintragungen. Mit Hebelwerkzeugen, wie sie einst beim Nagolder Hirscheinsturz benutzt wurden, hievte er Decken nach oben, erneuerte Balken, die zerbröselt waren wie Blumenerde, grub tonnenweise Schutt aus den Kellern und dem Erdgeschoss. Der quirlige 71-Jährige hat gebohrt und betoniert, geschmirgelt und gestrichen. 1750 Arbeitsstunden hat die Familie dran gearbeitet, das meiste davon Roland Bühlmaier selbst. Und stets mit viel Liebe zum Detail.

Genauso viel Wert wie auf eine heimelige Atmosphäre legte er auf ökologische Bauweise, was Dämmung, Technik und Heizung anbelangt: "Ich habe alles so gemacht, als ob ich hier selbst einziehen würde." Nachts lag er oft wach, weil so eine Altbausanierung viele Probleme mit sich bringt. Bühlmaier fand in Zusammenarbeit mit den Handwerkern aus dem Ort für alles eine Lösung und führt heute, da das Werk vollendet ist, ganze Besuchergruppen durch dieses Kleinod, bevor es vermietet wird.

Die Frage, warum ein praktizierender Arzt, ganz nebenbei, seine Freizeit für den Erhalt eines kleinen Baudenkmals opfert, beantwortet er mit einer Liebeserklärung ans Nagoldtal: "Das ist meine Heimat." Mit dem renovierten Tuchmacherhäusle hat er ein Stück davon der Nachwelt erhalten.

Info: Das Tuchmacherhaus

Das Tuchmacherhaus, in Ebhausen auch als Nachtwächterhäusle bekannt, steckt voller Geschichte und Geschichten. Im Jahr 1814 begann der Ziegler Michael Krauß an dieser Stelle ein einstöckiges Haus zu bauen. Das Glück war nur von kurzer Dauer. Krauß starb schon im Februar 1815. Seine Witwe Maria Elisabeth verkaufte das Haus ein halbes Jahr später an den Tuchmacher Johann Georg Gauß. Dessen Handwerk erlebte damals seinen Niedergang. Die Calwer Zeughandelscompanie war erst wenige Jahre zuvor aufgelöst worden, weil industriell hergestellte Stoffe aus dem Ausland den Markt überschwemmten. Gauß lebte wie viele seiner Tuchmacherkollegen, von denen es viele in Wöllhausen und Ebhausen gab, am Existenzminimum. Dem armen Tuchmacher blieb nichts anderes übrig, als 1823 sein kleines Haus wieder zu verkaufen: Jakob Bachmann, ein Tagelöhner, war neuer Besitzer geworden. Es war ein "krummer Kauf": Der nicht gerade in Reichtum schwelgende Tagelöhner handelte einen Kaufpreis von nur 80 Gulden aus, obgleich das Haus in der Brandversicherung auf 200 Gulden eingeschätzt worden war. Aber Bachmann zahlte Gauß nur zehn Gulden an, weitere 24 Gulden brachte er aufs Bürgermeisteramt, um damit aufgelaufene Steuerschulden des Tuchmachers zu tilgen. Gauß bekam zwar weniger Geld, behielt sich als Kompensation aber die Rechte vor, winters wie sommers in der Stube ein und aus zu gehen. Ihm stand somit das Recht auf "Holz und Licht", also Heizung und Beleuchtung, zu. Aber auch Bachmann war kein Glück in dem Haus beschieden: Er wohnte kaum ein Jahr in der kleinen Behausung, als es 1824 einem schweren Unwetter zum Opfer fiel und von Wassermassen fortgerissen wurde. 1825 begann er mit einem Neubau.

Aber der Tagelöhner hatte sich damit wohl finanziell übernommen und verkaufte schon wieder 1826 die Hälfte des Gebäudes an den Schuhmacher Lorenz Dengler, der mit seiner Familie in das kleine Wohnhaus zog. Vier Erwachsene und fünf Kinder lebten hier auf engstem Raum. Die Ära Bachmann endete im Haus Steighalde 15 im Jahr 1862. Die Eltern Dengler waren zu diesem Zeitpunkt schon zehn Jahre tot. Ihre drei Töchter Margarethe, Sara und Barbara erbten die untere Hälfte des Gebäudes. Sie blieben alle unverheiratet – aber nicht kinderlos. Barabara und Sara hatten jeweils vier Kinder mit "ungewissem Vater", wie es damals hieß. Als Habenichtse fehlte ihnen die Mitgift, was die Zahl der heiratswilligen Männer deutlich einschränkte. Barbaras Sohn Jakob Dengler, Schuhmacher und Nachtwächter, erbte die Hälfte des Hauses und kaufte 1891 für den Spottpreis von 60 Mark ein weiteres Viertel dazu. Mit seiner Frau und seinen Kindern lebte er hier auf 40 Quadratmetern. Nur eines ihrer sechs Kinder erreichte das Erwachsenenalter.

Der nächste Hausbesitzer hieß Johannes Klumpp. Dessen Witwe wohnte hier bis 1902. Mehr als 100 Jahre dauerte dann die Ära der Spathelfs in der Steighalde. Der Tagelöhner Ernst Johannes Spathelf hatte das Haus 1908 erworben. Seine Familie und Nachkommen wohnten hier fast 100 Jahre lang. 2006 ging das "Tuchmacherhaus" an den Nagolder Arzt Roland Bühlmaier, der es von Grund auf renovierte.

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