Jana und Philipp Fessele mit Söhnchen Leopold fühlen sich in ihrem modernisierten "Haus mit Geschichte" sehr wohl. Foto: Fritsch

Es ist ein ruhiger Wintertag 2021. Die Abendsonne schickt vom Westen her ihre letzten Strahlen farbenreich gen Mindersbach. Jana und Philipp Fessele stehen mit Söhnchen Leopold vor ihrem Anwesen Spechttalgasse 6. Ein historischer Ort.

Nagold-Mindersbach - "Man merkt, dass das Haus Geschichte hat!" Sagt die junge Hausherrin. Jana Fessele selbst wohnt mit ihrer kleinen Familie erst seit 2018 in dem 1902 nach einem Vollbrand wiederaufgebauten, weitläufigen Gebäude. Aber es ist das Elternhaus von Ehemann Philipp, der einst – wie er schmunzelnd erzählt – oben auf dem großen Dachboden seine Lego-Eisbahn aufbauen durfte. "Mein Lieblingsplatz", viel Spaß und Platz für die Spiele und Träume eines kleinen Jungen. "Vielleicht wird es einst auch Leos Lieblingsplatz!?"

Warum nicht? Dieses Haus – und seine verschiedenen Vorgängerbauten über so viele Jahrhunderte – habe so viele Menschen schon ihr Zuhause genannt. Ganze zehn Seiten nehmen die Geschichte des Hauses und die der Menschen, die darin lebten, in der großen Ortschronik von Mindersbach ein. Hans Otto Köhler, früher einmal Ortsvorsteher von Mindersbach und seitdem der fleißige – und mittlerweile hochbetagte – Orts-Historiker, hat den schwere Folianten einst geschrieben. Oder besser: in einer unfassbaren Sisyphos-Arbeit das so umfangreiche wie detailversessene Orts- und Geschlechter-Register zusammengestellt. Die Spechttalgasse 6 – sie war dabei vor vielen Jahren auch Köhlers eigenes Eltern- und späteres Wohnhaus –, bevor er in den 1960er-Jahren seinen späteren Haldenhof etwas außerhalb vom Ortskern neu erbaute.

Damals übernahm Philipp Fesseles Urgroßvater Jakob Fassnacht das irgendwann gegen Ende des 17. Jahrhunderts ursprünglich errichtete Anwesen. Der erste Bau, wie erwähnt, brannte 1902 nach Blitzschlag gemeinsam mit einem Nachbargebäude ab. In Köhlers 1995 zur 700-Jahr-Feier von Mindersbach erschienenem "Familien- und Hausgeschichte Mindesbach" ist noch ein Foto des ursprünglichen Hauses zu sehen – das man so mit dem noch heute stehenden Nachfolge-Bau vergleich kann: Der vordere Teil des Gebäudes erinnert mit seinen insgesamt vier Etagen noch stark an den Vorgängerbau, im hinteren Bereich aber wurde beim Neubau direkt ein großer Scheunenbereich angeschlossen – der bis heute den riesigen Bau mit prägt.

Es gibt zwei historische Gewölbekeller

Was man von außen nicht sieht: "Unter dem Haus gibt es zwei historische Gewölbekeller", erzählt Jungs-Hausherr Philipp Fessele. Vielleicht wird er den einmal ausbauen – "zu einer gut temperierten Speisekammer". Vor ihrem Einzug hat die junge Familie damals erst einmal nur eines der vier Stockwerke als künftige Wohnung "modernisiert" – sprich: Räume wurde "entkernt", viel vom alten Fachwerk freigelegt, eine neue Küche eingebaut. Ja klar, mache so ein Riesen-Haus "viel Arbeit". Aber: "Es hat einfach auch wirklich eine Seele", erläutert Jana Fessele. Überall gebe es Spuren von den Menschen, die vorher hier gelebt hätten. "Das ganze Haus knarzt und knarrt", als wären die Geister dieser Menschen noch alle da. "Ein seelenloses Siedlungshaus hätte all das nicht", weshalb sich ihnen nie die Frage gestellt hätte, irgendwo in einem Neubaugebiet ein neues Haus zu bauen.

Wer jetzt einwirft – und der Komfort!? – wird von den Fesseles schnell eines Besseren belehrt: "Alle Wohn-Etagen haben volle Stockhöhe", und sowieso unendlich viel Platz. Wie viel genau, das habe eigentlich nie jemand wirklich nachgemessen: "So 250 bis 300 Quadratmeter werden es aber wohl schon sein." Weshalb Hausherrin Jana auch mit einem Augenzwinkern ergänzt: "Platz ist doch erst der wahre Luxus!" Um dann von dem edlen, alten Schlafzimmer aus echtem Hickory-Holz zu erzählen. Und der "gigantischen Holztreppe", die heute wohl kein Bauherr mehr so bauen würde – und bezahlen könnte.

Auch eine Form von – wie man es heute nennt – echter Nachhaltigkeit: Altes bewahren. Wertschätzen. Mit neuem Leben füllen. Und das alles auch ein kleinwenig zur Lebensphilosophie erheben: Geheizt wird das riesige Anwesen Spechttalgasse 6 in Mindersbach ausschließlich mit Holz aus dem eigenen Wald – nachwachsende Rohstoffe, CO2-neutral. Die Wärmeverteilung übernimmt allerdings eine moderne Zentralheizung. Und auch das gehört zum Leben in einem solchen alten (Bauern-)Haus: Gemeinsam mit drei weiteren Familien wird im Ort ein eigener Gemüseacker für den Eigenbedarf bearbeitet, diverse Streuobstwiesen gehören der Familie, Vater Helmut Fessele bewirtschaftet zudem noch eine eigene Landwirtschaft mit 50 Hektar Land – "alles hier oben auf dem Berg".

Das bäuerliche, ländliche Leben eben – das hier im Dorf Mindersbach nie wirklich verschwunden ist. Und das mit den modernen Diskussionen um eben Nachhaltigkeit, den bewussten Umgang mit Umwelt und Ressourcen und der neuen Wertschätzung für handwerklich produzierte Lebensmittel und einem Leben im Einklang mit allem eine neue Relevanz auch für junge Menschen, für junge Familien gewinnt. "Es ist eben ein ›echtes‹ Leben", sagen Jana und Philipp. Und blicken auf Söhnchen Leo. "Im Haus gibt es noch etliche weitere Kinderzimmer", mindestens vier davon könnten noch mit neuen Leben – und neuen Mindersbachern – "gefüllt" werden.

Aber das ist Zukunftsmusik an diesem historischen Ort. Als wirklich nächstes Projekt wird sich das junge Paar erst einmal daran machen, noch mehr "eigene Spuren" auf dem Anwesen voller Geschichte zu hinterlassen: Die bisherige Hoffläche soll zu einem großen Teil in einen blühenden Garten verwandelt werden, viel Blumen, Blütenpracht. Auch einen – wenn auch noch ziemlich kleinen – Walnussbaum hat das Paar jüngst in seinen Garten gepflanzt.

Eine schöne Steinbank davor – mit Blick zu diesem warmen Sonnenuntergang über Mindersbach – soll mal ihr neuer, künftiger Lieblingsplatz werden. Wenn die eigenen Kinder groß sein werden, der Walnussbaum prächtig herangewachsen von einem langen, erfüllten Leben kündet. "Und sich die dann nächste Generation bereit macht, dieses wunderschöne Erbe hier zu übernehmen."

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