Isabel Götz übernimmt gerne Verantwortung. Eine gute Voraussetzung für ihre Arbeit. Foto: Fritsch

Calw - Isabel Götz leitet seit gut einem Jahr den Fachbereich II – Bildung, Kultur, Tourismus – in der Stadtverwaltung Calw. Wohl kein anderer ist in so vielfältiger Weise von Corona betroffen wie dieser. Für Götz war es deshalb ein ungewöhnliches und herausforderndes erstes Jahr auf dem Posten. Dennoch freut sie sich jeden Tag, an dem sie zur Arbeit geht. Dies und mehr erzählt die 53-Jährige in unserem Interview.

Sie haben zum 1. Januar 2020 angefangen als Leiterin des Fachbereichs II: Wie war Ihr erstes Jahr?

Der Start war für mich sehr vielversprechend: ein großes, vielfältiges Aufgabengebiet, viele nette, engagierte Kolleginnen und Kollegen, die mich gut aufnahmen, und ein Chef, der fast so neu war wie ich und voller Ideen und Tatendrang steckt. Nachdem ich die ersten Gehversuche in dem neuen Gelände gemacht hatte, kam aber rasch das Jahresthema "Corona", das uns vor neue und unerwartete Aufgaben stellte. Meine "eigentlichen" Themen wurden vielfach zu Randthemen, und Krisenmanagement ist an der Tagesordnung.

Wenn Sie es in einem Wort beschreiben müssten, welches wäre das?

Turbulent.

Welche Auswirkungen hat und hatte die Corona-Pandemie auf Ihre Arbeit?

Die Corona-Pandemie hat in fast allen Arbeitsbereichen erhebliche Auswirkungen. Wir haben in allen Bereichen immer wieder neu- und umorganisiert. ​Oft im Wochentakt.

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Wie sehen Ihre Arbeitstage aus?

Ich komme gegen 8.30 Uhr ins Büro – außer, wenn Homeoffice angesagt ist. Dann sitze ich am Schreibtisch, lese, schreibe, telefoniere. Die Tage sind gekennzeichnet von einem Wechsel aus Besprechungen (per Zoom oder in Präsenz) und eigener Arbeit am Schreibtisch. Normalerweise würden viele Außentermine und kulturelle Veranstaltungen dazukommen, von denen aktuell nur Gemeinderats- und Ausschusssitzungen stattfinden.

Was ist Ihre derzeit größte "Baustelle"?

Eine große Baustelle im wahrsten Sinne des Wortes ist die Neugestaltung des Hermann-Hesse-Museums und die Neukonzeption der Dauerausstellung. Wir gehen jetzt in die Umsetzungsphase und freuen uns schon sehr auf die neue Ausstellung, die einen Glanzpunkt für Calw darstellen wird. Gleichzeitig wird das Haus Schüz (in dem sich das Museum befindet, Anm. d. Red) generalüberholt. Das ist nicht einfach ein glücklicher Zufall, sondern es zeigt, wie entschieden die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Calw hinter Hermann Hesse und dem ihm gewidmeten Museum stehen.

Als Fachbereichsleiterin sind Sie zuständig für die Bereiche Bildung, Kultur und Tourismus. Auf welchen haben sie bisher am meisten Zeit verwendet?

Viel Arbeit erfordert der Bildungsbereich, insbesondere die Kindertagesstätten. Das liegt zum einen an der schieren Größe mit 18 Einrichtungen und circa 170 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Zum anderen an der Corona-Thematik und dem Wechsel zwischen Normalbetrieb, Komplettschließung, Notbetreuung und Regelbetrieb unter Pandemiebedingungen, der nicht nur für Eltern und Kinder, sondern auch für Erzieherinnen und Erzieher und die gesamte Verwaltung sehr aufreibend ist. Dazu kommen die Strukturprobleme wie der Fachkräftemangel, der aktuell dazu führt, dass wir die Öffnungszeiten im Ganztag verringern müssen. Es erfordert sehr viel Arbeit, jeweils die bestmögliche Lösung zu finden. Zum Glück hat die Abteilung unglaublich engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sowohl in der Verwaltung als auch in den Einrichtungen, und mit Thomas Seifert einen ganz hervorragenden Abteilungsleiter.

Die Kultur liegt dagegen coronabedingt praktisch am Boden. Wie ist die Stimmung unter den Kulturschaffenden und was kann die Stadtverwaltung für sie tun?

Die Stimmung unter den Kulturschaffenden ist sehr gedrückt. Trotz aller Finanzhilfen ist die Situation für viele existenzbedrohend. Dazu kommt, dass den Künstlern das Lebenselixier fehlt, wenn sie nicht auftreten oder ausstellen können. Der Kontakt mit dem Publikum fehlt ebenso wie das Einkommen.

Als Stadtverwaltung haben wir Veranstaltungen organisiert und durchgeführt, soweit es möglich war. Ein Highlight war "Raus ins Kloster" und das Sommerkino, das wir mit bewährten Partnern durchgeführt haben, und der Klavierabend mit dem Ehepaar Rahn im September. Die Stadt bezuschusst auch weiterhin kulturelle Veranstaltungen freier Träger, wie Jazz am Schießberg, die Kleine Bühne Calw und die Konzertreihe St. Aurelius. So erhalten Künstler Engagements, soweit Veranstaltungen möglich sind.

Und wie sieht es im Bereich Tourismus aus?

Die Tourist-Information (TI) hat ein Achterbahn-Jahr hinter sich. Mit den coronabedingten Schließungen kam eine Art Naherholungsboom. Es war großartig mitanzusehen, wie die Menschen den Nahraum neu entdecken und wertschätzen. Zum Glück hat die TI mit den Partnern wie der Tourismus GmbH Nördlicher Schwarzwald über die Jahre hinweg kontinuierlich Wanderwege und Themenwege ausgebaut, und neue Angebote wie die "Frei.Gänge" geschaffen. Wer den Schwarzwald einmal entdeckt hat, wird wiederkommen. Wir haben trotz Schließungen der Tourist-Information und der Hotel- und Gaststättenbetriebe unglaublich viel Zuspruch und positive Rückmeldungen bekommen.

Kurz vor Dienstantritt hatten Sie gesagt, dass Ihre Herzensanliegen die "Aurelius Sängerknaben", die Musikschule und die Partnerstädte seien. Zudem wollten Sie Calw kulturell weiterbringen. Konnten Sie überhaupt etwas von diesen Dingen anpacken oder legt Corona alles lahm?

Corona hat zum Glück nicht alles lahmgelegt. Einen wichtigen Erfolg konnten wir zum Beispiel in der Zusammenarbeit mit Cluny und der Europäischen Föderation der Cluniazensischen Stätten erringen: Dort wurde ich im letzten Herbst in den Verwaltungsrat der Föderation gewählt. Wir wollen in diesem Jahr die Bewerbung um die Aufnahme als immaterielles Weltkulturerbe bei der Unesco vorantreiben. Ich bin auch stolz auf die Ausstellung "Steppenwolf und Malerfreund. Zur Freundschaft von Hermann Hesse und Gunter Böhmer" im Rathausfoyer. Die Kollegen Timo HeiIer und Ute Lilly Mohnberg haben die Ausstellung auf Stellwänden und außerdem umfassend digital ausgearbeitet und sie ist auch in der "Deutschen digitalen Bibliothek" zu sehen.

Die Partnerschaften mit Weida, Latsch und Montagnola sind zurzeit in einer Art Dornröschenschlaf, denn sie leben von der persönlichen Begegnung. Und wenngleich ich bedaure, dass ich keine Auftritte der "Aurelius Sängerknaben" besuchen kann, bedauere ich die Knaben selber noch mehr, die nicht auftreten können.

Nicht nur beruflich sind Sie von Corona betroffen, sondern sicher auch privat: Wie schaffen Sie es als Familie, trotz aller Coronaeinschränkungen und dem enormen Arbeitspensum, das Sie und Ihr Mann – Clemens Götz ist Bürgermeister von Althengstett – sicher haben, derzeit trotzdem den Alltag zu organisieren?

In der ersten Lockdown-Phase waren wir zu siebt, wir hatten fünf Jugendliche/junge Erwachsene zu Hause. Das war schon eine Herausforderung! Zumindest sind wir nicht vereinsamt. Eine der größten Herausforderungen bestand in unserem überlasteten WLAN. Bei meinem Mann und mir fallen viele Abend- und Wochenendtermine aus, das gleicht die Mehrarbeit teilweise aus. Und die viele Arbeit hält einen vom Grübeln ab. Die Zeit ist für alle nicht einfach, aber für uns ist sie einfacher als für Menschen, die allein leben, und für Familien mit kleinen Kindern, die nicht in die Kita oder in die Schule gehen können. Ich finde, dass für mich die Einschränkungen ganz gut zu ertragen sind.

Trotz Corona und all den damit verbundenen Herausforderungen: Macht Ihnen Ihre Arbeit Spaß?

Ich übernehme gerne Verantwortung und bin dabei, wenn es darum geht, Probleme zu lösen und Herausforderungen zu bewältigen. Daher, auch wenn Corona "nervt": Die Arbeit bringt mir Spaß – oder vielleicht besser: Zufriedenheit.

Was mögen Sie am meisten?

Die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen und mit interessierten und engagierten Bürgerinnen und Bürgern.

Auf was freuen Sie sich 2021?

Begegnungen, Konzerte, Feste, Feiern und Präsenzveranstaltungen.

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