Ein Zug inspiriert den das NRW-Juniorballett: Demis Volpi choreografierte die Eröffnungsszene von „Mord im Orient-Express“ Foto: Bettina Stöß

Unter der künstlerischen Leitung von Demis Volpi kommt Bewegung in das NRW-Juniorballett und Agatha Christies Kriminalroman „Mord im Orient-Express“. Das gemeinsame Tanzprojekt von vier Choreografen wurde im Forum in Ludwigsburg uraufgeführt.

Ludwigsburg - Crime sells? Darf’s ein bisschen Mord mehr sein? Was im Kino und im Fernsehen blendend läuft, kann auch auf der Ballettbühne nicht falsch sein. Das mögen sich Tobias Ehinger, Manager des Dortmunder Balletts, und der Choreograf Demis Volpi gesagt haben, als sie Agatha Christies vielleicht berühmtesten Kriminalroman als Vorlage für ein Projekt gewählt haben, das die zwölf Tänzer des NRW-Juniorballetts auf ihren Gastspielen begleiten soll. Auch wenn dieser getanzte „Mord im Orient-Express“ die Spannung nicht immer hoch halten kann, löst er doch eines ein: Er konfrontiert die NRW-Nachwuchstalente und ihr Publikum mit mehreren Tanzstilen, denn außer Demis Volpi sind drei weitere Choreografen mit an Bord: Craig Davidson, Xenja Wiest und Juanjo Arqués.

Wie mobil ihr gemeinsamer Tanzkrimi ist, bewies die Uraufführung: „Mord im Orient-Express“ kam auf Einladung der Kulturgemeinschaft Stuttgart am Samstag im Ludwigsburger Forum heraus, Villingen-Schwenningen (10. Oktober), Paderborn (18. Oktober), Bad Kissingen (16. November), Herford (18. November), Aschaffenburg (20. November), Coesfeld (22. November), Landau (13. Dezember) sind die nächsten Stationen. In Dortmund, wo Ballettdirektor Xin Peng Wang das NRW-Juniorballett 2014 ins Leben gerufen hat, ist das Stück erst am 14. April zu sehen.

Dass nicht der Thrill im Mittelpunkt steht, den ein Verbrechen und seine Auflösung für gewöhnlich mit sich bringen, macht schon das erste von neun Bildern klar. „Der Zug“ ist es überschrieben, mit kraftvollen Armbewegungen setzt eine der Tänzerinnen darin das Stampfen einer Dampflok um. Auch in den kommenden Kapiteln geht es darum, Agatha Christies Roman nicht über den Tanz zu bebildern, sondern Motive daraus in archetypische Muster von Schuld und Sühne, von Gruppendynamik und Gewalt zu überführen. Tatyana van Walsum hat dafür mit verspiegelten Würfeln, von den Tänzern zu immer neuen Landschaften gefügt, ein passend kühles und analytisches Dekor geschaffen.

Eine Annäherung an die Mechanismen von Gewalt

Demis Volpi schickt dem „Mord im Orient-Express“ die Lok voran und verbindet dann mit vier Zwischenspiel-„Landschaften“ die einzelnen Zug-Teile. Vieles ist ausdruckstark wie das erste Bild des abfahrenden Zuges. Anderes bleibt jedoch rätselhaft, was immerhin zum Verbrechen passt, das aufgeklärt werden muss. In seinen Anfängen als Choreograf hat Demis Volpi mit einem „Karneval der Tiere“ für die John-Cranko-Schule und „Krabat“ für das Stuttgarter Ballett bewiesen, dass er mit jungen Menschen und für sie arbeiten kann. Diese Lockerheit fehlt bei seinem Umgang mit den NRW-Junioren, betriebsam oder bemüht wirkt vieles, wenn zwischen und auf den Würfeln getanzt wird, wenn Taschenlampenlicht durchs Dunkel hüpft.

Erst zum Schluss glückt ihm eine Annäherung an die Mechanismen der Gewalt, spitzt er im Tanz die Frage von Täter und Opfer zu: Fast beiläufig lässt er einen nach dem anderen auf den am Boden Liegenden treten, schlagen, Kopfnüsse austeilen, würgen und dann gelangweilt zuschauen, bis sich alle zum Gruppenbild mit Leiche versammeln.

Craig Davidson steigt als zweiter Choreograf in den Ring, klassisch zeichnet er die Linie der Tänzer, lässt sie zu einer Streichersymphonie von Philip Glass ihre Arme wie Waffen führen. „Das Opfer“ heißt dieser Teil und zeigt eine Frau in Rot, die in eine schwarz gekleidete Horde gerät. In Weiß kehrt die Tote wieder; weich und fließend gestaltet der Australier diesen jenseitigen Pas de deux. Mit einem Augenzwinkern nimmt Xenia Wiest den „Detektiv“ unter die Lupe. Eine Handvoll Tänzer kosten mit Schulterholster die Launen von Jazzklängen aus, setzen Stillstand gegen Perkussionsdynamik, platzieren sich in Reihen und lassen Bewegungen von einem zum anderen springen, als wollten sie das Wort Indizienkette illustrieren. Das ist von einer Lebendigkeit, wie sie bestens zu einem Juniorballett passt. Auch Juanjo Arqués skizziert mit einer Frische die schwierige Rolle der „Zeugen“, indem er eine mitreißende Flut an Bewegungen durch einfache Berührungsimpulse auslöst.

Für Interpreten und Choreografen gab es nach 70 Minuten viel Applaus. Vor allem Demis Volpi, durch das Lob für seine Operninszenierung „Der Tod in Venedig“ auf seinem Weg bestärkt, freut sich sichtlich über den Zuspruch für sein erstes freies Projekt, nachdem ihm der Vertrag als Haus-Choreograf des Stuttgarter Balletts nicht verlängert worden war.

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